Wie schon häufiger attackiert der Verbraucherschutz- Funktionär Axel Kleinlein auch in seinem neuesten Kommentar die Lebensversicherer. Und was steckt nicht alles drin an Vorwürfen in seinem neuen "Klartext"! Hätten sich die Versicherer doch „massiv verkalkuliert“. Mehr noch: Einige Versicherer hätten wohl kurz vor der Pleite gestanden. Schreibt doch Kleinlein: „Nur mit einer Hauruckaktion und Lockerung bei der Zinszusatzreserve konnten im letzten Jahr vermutlich Pleiten verhindert werden.“ Die Überschussbeteiligungen hingegen, die Lebensversicherer den Kunden zahlen? Aus Sicht des Verbraucherschutz-Funktionärs sind diese „unangemessen“, also unangemessen niedrig.

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Ohne Rechentricks einige Versicherer längst vor Gericht angeklagt

Verbergen jedoch lässt sich die unangemessene Beteiligung aus Kleinleins Sicht aufgrund von „Rechentricks“, die sich ebenfalls durch die Zinszusatzreserve, zudem durch weitere Posten der Nachreservierung wie „Sicherungsbedarf“ und „kollektiver RfB“ ergeben. Das Fazit könnte härter kaum sein: „Gäbe es diese Rechentricks nicht“, so schreibt Kleinlein, „dann wäre die Versicherungsbranche längst kollektiv vor Gericht angeklagt - wegen Nichteinhalten der versprochenen Überschussgarantie.“ Doch was ist dran an den Vorwürfen? Leider bringt Kleinlein in seinem Beitrag zusammen, was nicht so recht zusammenpassen will.

Haben sich die Lebensversicherer tatsächlich "massiv verkalkuliert"? Die Behauptung Kleinleins ist kaum von der Hand zu weisen. Fakt jedenfalls ist: Hohe Garantien der alten Verträge stellen derzeit eine erhebliche Belastung für die Branche dar. Denn die Garantien lassen sich durch niedrige Zinsen kaum noch erwirtschaften. So ergab eine Analyse des Zweitmarkt-Anbieters Policen Direkt: Bei 39 von 84 deutschen Lebensversicherern reichten 2017 die erwirtschafteten Erträge aus Kapitalanlagen nicht aus, um alle Garantiepflichten zu erfüllen und die gesetzlich vorgeschriebene Reserve zu bedienen (der Versicherungsbote berichtete). Kleinleins Vorwurf, bei den Garantiezinsen wäre etwas „besonders schief“ gegangen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Zinszusatzreserve: Einführung auch Folge zu hoher Garantien

In diesem Kontext darf nicht vergessen werden: Vorgeschriebene Reserven und strenge regulatorische Vorgaben des Gesetzgebers sind ebenfalls eine direkte Folge der Fehlkalkulation. So wurde 2011 durch den Gesetzgeber die sogenannte Zinszusatzreserve als obligatorischer Sicherheitspuffer für die Branche eingeführt, damit auch weiterhin Altverträge bedient werden können.

Die Anforderungen für die Reserven waren zunächst hoch und bürdeten den Versicherern eine zusätzliche Last auf – 60 Milliarden Euro und damit fast das gesamte bilanzielle Eigenkapital der Unternehmen wurde bis 2017 in diesem Reserveposten angehäuft, wie die Ratingagentur Assekurata analysierte. Bei einigen Unternehmen lagen bereits mehr als 90 Prozent der Bestände in der Nachreservierung. Die Aussichten für die Zukunft waren düster: Bis 2023 hätte die ZZR auf 130 Milliarden Euro bis 180 Milliarden Euro ansteigen müssen, wie der GDV warnte. Ob alle Versicherer in Zukunft weiterhin hätten derart hohe Reserven bedienen können, darf durchaus angezweifelt werden (der Versicherungsbote berichtete).

Neue Rechenformel könnte tatsächlich Pleiten verhindert haben

Die Frage wurde laut, wie lange die Versicherer noch durchhalten können mit der doppelten Last aus hohen Garantien und hohen Reserven. Lobby-Verbände wie der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) forderten eine Anpassung der Regeln und damit eine Lockerung der regulatorischen Fesseln bei der Reserve (der Versicherungsbote berichtete). Mit Erfolg: Im Herbst 2018 unterschrieb Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) tatsächlich eine Verordnung, die Versicherer wesentlich entlastete. Wie geschätzt wurde, ermöglichte eine veränderte Rechenformel den Gesellschaften Ersparnisse in Höhe von rund zwei Dritteln.

Auch in diesem Punkt also kann man Kleinlein durchaus Recht geben, wenn er schreibt: "Nur mit einer Hauruckaktion und Lockerung bei der Zinszusatzreserve konnten im letzten Jahr vermutlich Pleiten verhindert werden". Vielleicht war die Gefahr für Pleiten weniger akut, als Kleinlein behauptet. Zumindest aber für die Zukunft wären diese Pleiten nicht unwahrscheinlich gewesen – sogar der GDV hatte damit seine Forderungen nach einer veränderten Regelung bei den Reserven begründet.

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Jedoch darf auch etwas anderes nicht übersehen werden. Denn hinterher ist man immer schlauer – im Niedrigzinsumfeld kann man leicht den Versicherern vorwerfen, die Nullzinsen nicht vorausgesehen zu haben. Jedoch stellt sich zugleich die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Versicherer noch vor Jahren hätten jene Nullzinsen vorhersehen können, die nun Gewinnmargen und Überschussbeteiligungen auf ein Minimum schrumpfen lassen. Hätte ein Unternehmen damals mit einem Szenario "vorsichtig" kalkuliert, das heute Realität ist, hätte es sich in der Vergangenheit wohl kaum am Markt behaupten können.