„Kunstversicherung bietet die Chance, Kundenbeziehungen zu vertiefen“
Wie relevant ist Kunstversicherung im Maklerbestand – und welches Beratungspotenzial steckt in unterversicherten Sammlungen? Alina Sucker-Kastl, Product Head Art & Private Clients, Property & Events bei Hiscox Deutschland, erläutert im Interview typische Deckungslücken, Bewertungsfragen – und warum spezialisierte Kunstabsicherung die Kundenbindung stärken kann.

- „Kunstversicherung bietet die Chance, Kundenbeziehungen zu vertiefen“
- „Sprunghafte Anstiege bei Werten einzelner Künstler sieht man im Markt oft, wenn ein Künstler verstirbt.“
Versicherungsbote: Kunst gilt als Liebhaberobjekt. Ist sie aus Vermittlersicht tatsächlich ein relevantes Geschäftsfeld oder eher ein Nischenprodukt mit viel Aufwand und wenig Ertrag?
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Alina Sucker-Kastl: Ja, sie ist absolut ein relevantes Geschäftsfeld. Gerade im privaten Bereich ist noch vieles un- oder unterversichert – hier besteht also echtes Beratungspotenzial und damit eine Chance, Kundenbeziehungen zu vertiefen. Zudem wächst die Zahl junger Sammlerinnen und Sammler mit hohem Bedarf an Sicherheits- und Wertberatung. Wer dieses Feld aktiv bespielt, differenziert sich klar vom Wettbewerb – und erzielt mit relativ wenig Zusatzaufwand einen überdurchschnittlichen Nutzen für seine Kunden.
Woran erkennt ein Vermittler im Bestand überhaupt, dass ein Kunde relevanten Kunstbesitz hat? Und wie spricht man das Thema sensibel an, ohne aufdringlich zu wirken?
Für Vermittler lässt sich relevanter Kunstbesitz oft im persönlichen Austausch erkennen: Bei Kundenbesuchen ist die Frage nach Kunstinteresse keineswegs aufdringlich – im Gegenteil: Die meisten freuen sich, über ihre Leidenschaft und ihr Sammelgebiet zu sprechen. Hinweise im Bestand können eine hohe Hausratversicherungssumme oder versicherter Schmuck sein – auch wenn letzteres nicht zwingend mit Kunstbesitz einhergeht. Am zuverlässigsten zeigt sich eine Sammelleidenschaft jedoch im Gespräch: Erzählt eine Kundin etwa von Wochenendaktivitäten wie Ausstellungs- oder Galeriebesuchen oder gar Auktionen, sind das klare Indizien für ein ausgeprägtes Kunstinteresse – und damit ein sinnvoller Anknüpfungspunkt für eine diskrete, aber fundierte Beratung.
Was sind die häufigsten Deckungslücken bei Kunstwerken in klassischen Hausrat- oder Inhaltsversicherungen?
Klassische Hausrat oder Inhaltsversicherungen bieten für Kunstwerke häufig keinen vollumfänglichen Schutz: Sie berücksichtigen Kunst meist nur als prozentualen Anteil der gesamten Hausratversicherungssumme und setzen zudem oft enge Grenzen beim maximalen Einzelwert. Dadurch entstehen genau jene Deckungslücken, die vielen Kunden nicht bewusst sind. Spezielle Kunstdeckungen schließen diese Lücken über eine echte Allgefahrendeckung und gehen deutlich weiter: Sie sichern auch zufallsbedingte Beschädigungen ab – etwa wenn bei einem privaten Abendessen ein Gast oder der Versicherungsnehmer selbst versehentlich ein Bild beschädigt oder wenn Kinder ein Kunstwerk mit Schere oder Stift ruinieren.
Ebenso wichtig sind Elemente wie die Defective-Title-Deckung – also falls sich nachträglich herausstellt, dass ein Werk in der Vergangenheit nicht rechtmäßig erworben wurde –, außerdem die automatische Vorsorge bei Wertsteigerungen innerhalb der Versicherungsperiode, eine erhöhte Vorsorge im Todesfall des Künstlers sowie die Option, Schäden in bestimmten Fällen über eine Cash Option abzugelten.
All diese Bausteine zeigen, wie groß die Diskrepanz zwischen allgemeiner Hausratdeckung und einer spezialisierten Kunstversicherung tatsächlich ist – und wie essenziell eine passgenaue Lösung für kunstaffine Kundinnen und Kunden ist.
Wie sollte ein Vermittler mit dem Thema Wertermittlung umgehen: Reicht ein Kaufbeleg, braucht es ein Gutachten oder regelmäßige Neubewertungen?
Werte genau zu bestimmen, ist sehr wichtig für die adäquate Absicherung. Kaufbelege sind ein guter Ansatz, gerade wenn die Kunst neu erworben wurde. Oft führen die Kunden selbst ihre Listungen mit den aktuellen Werten. Aber wenn die Summen länger nicht aktualisiert wurden, z.B. im Erbfall, unterstützen wir die Kunden und Vermittler bei der Ermittlung der richtigen Summen.
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Als Kunstversicherer mit langjähriger Erfahrung arbeiten wir mit einem internationalen Netzwerk aus unabhängigen Gutachtern zusammen, um dieses Thema gemeinsam mit den Kunden zu besprechen. Hier kommt es auch auf das Kaufverhalten der Kunden an: Kaufen sie üblicherweise direkt auf Auktionen oder am Sekundärmarkt – d. h. in Galerien –, sind bestimmte Margen in der Wiederbeschaffung mit zu berücksichtigen. Je nach Beschaffenheit der Sammlung sprechen wir Empfehlungen aus, wie oft die Werte aktualisiert werden sollten.
„Sprunghafte Anstiege bei Werten einzelner Künstler sieht man im Markt oft, wenn ein Künstler verstirbt.“
Welche Rolle spielen Inflation, Marktzyklen und spekulative Preisentwicklungen bei der Versicherungssumme und wie bleibt der Versicherungsschutz aktuell?
Die Kunstversicherung bei Hiscox enthält für solche Fälle eine Vorsorge für Wertsteigerungen von bis zu 30 Prozent. Diese gilt übrigens auch für Neuerwerbungen, wenn z.B. spontan im Urlaub ein neues Kunstwerk gekauft wird. Sprunghafte Anstiege bei Werten einzelner Künstler sieht man im Markt oft, wenn ein Künstler verstirbt. Auch für diesen Fall bietet die Hiscox Police eine erhöhte Vorsorge von bis zu 100 Prozent auf den versicherten Wert dieser Werke. So ist der Kunde auch bei solch rapiden Wertsteigerungen geschützt.
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In Zeiten anhaltender Inflation – wie wir sie in den vergangenen Jahren erlebt haben – zeigte sich zunächst eine deutliche „Flucht in Sachwerte“: Viele Kundinnen und Kunden haben ihre Sammlungen erweitert und gezielt investiert, wodurch die Preise für gefragte Werke und bestimmte Künstler spürbar gestiegen sind. Mit der fortgesetzten Inflation, einer schwächeren wirtschaftlichen Gesamtlage und steigenden Kosten im Kunsthandel hat sich dieser Trend jedoch gedreht: Die Nachfrage sinkt, und in einigen Segmenten sind die Preise wieder rückläufig. Weitere Infos hierzu veröffentlichen wir regelmäßig, etwa im Hiscox Artist Top 100 Report, der regelmäßig die wichtigsten Entwicklungen im zeitgenössischen Kunstmarkt analysiert.
Welche Schadenursachen werden aus Vermittlersicht häufig unterschätzt?
Vermittler, die nicht täglich im Kunstversicherungsmarkt unterwegs sind, haben wahrscheinlich vor allem die Raub- und Diebstahlschäden vor Augen, die in der Presse besprochen werden. Am häufigsten passieren Schäden jedoch nach unserer Schadenerfahrung auf dem Transportweg: Daher ist es ungemein wichtig, dass wertvolle Werke durch erfahrene Kunstspediteure von A nach B gebracht werden und die Werke adäquat verpackt sind – und natürlich, dass der Transport umfassend versichert ist.
Welche Besonderheiten gelten bei Leihgaben an Museen oder bei Ausstellungen?
Am Markt gibt es unterschiedliche Ansätze, doch für Privatkunden verfolgen wir bewusst den Weg, es ihnen so einfach wie möglich zu machen: Kunst ist bei uns weltweit versichert – ohne zusätzlichen Aufwand, auch dann, wenn einzelne Werke vorübergehend verliehen werden. Bei Sammlungen, die häufig verliehen werden, oder bei besonders hochwertigen Stücken wird in der Praxis eine noch etwas individuellere Vertragsgestaltung gewünscht. In diesen Fällen wird für die Dauer der Leihgabe häufig ein höherer, aktueller Marktwert angesetzt als für die Zeit, in der das Werk zuhause hängt. In vielen Fällen übernimmt zudem der Leihnehmer die Versicherungskosten für Transport oder Ausstellung. Für all diese Szenarien entwickeln wir gemeinsam mit Vermittlern und Kunden stets praktikable, unkomplizierte Lösungen, die zu der Sammlung des Kunden passen.
Wo liegt die Abgrenzung zwischen privater Kunstversicherung und gewerblicher Deckung?
Persönliche Kunstsammlungen werden überwiegend privat genutzt und sind zuhause oder vielleicht zeitweise im Museum zu sehen. Bei gewerblicher Deckung ist der Hauptzweck der Sammlung der Verkauf. Hier finden sehr viel mehr Transporte für Messen etc. statt, das heißt, auch die Schadenquote ist in der Regel höher. Das schlägt sich natürlich auch entsprechend bei den angesetzten Prämien nieder.
Ist Kunstversicherung ein Produktverkauf oder eher ein beratungsintensives Beziehungs- und Netzwerkgeschäft zwischen Vermittler, Gutachter, Restaurator und Versicherer?
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Definitiv beides! Die Kunstbranche und auch die Kunstversicherungsbranche ist eng vernetzt. Und das Netzwerk spielt eine große Rolle, gerade bei der Platzierung von großen institutionellen Kunden. Bei den privaten Kunden sehen wir dagegen den steigenden Bedarf nach unkomplizierten Lösungen, die im besten Fall digital und einfach abgeschlossen werden können. Dieser Bedarf wird unseres Erachtens in Zukunft immens steigen, und die Kunstversicherer müssen sich darauf einstellen.
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Hintergrund: Das Interview erschien zuerst im neuen kostenfreien Versicherungsbote Fachmagazin 01-2026. Das Magazin kann auf der Webseite des Versicherungsbote bestellt werden. Die Fragen stellte Björn Bergfeld.
- „Kunstversicherung bietet die Chance, Kundenbeziehungen zu vertiefen“
- „Sprunghafte Anstiege bei Werten einzelner Künstler sieht man im Markt oft, wenn ein Künstler verstirbt.“
