Risikolebensversicherung: Mehr als 20 Millionen Haushalten fehlt Hinterbliebenenschutz
Mehr als 20 Millionen Haushalten könnte laut einer GDV-Studie ein ausreichender Hinterbliebenenschutz fehlen. Besonders gering ist die Verbreitung der Risikolebensversicherung bei niedrigeren Einkommen. Und selbst bestehende Policen sind häufig zu knapp bemessen.

Der Tod eines Partners oder Elternteils ist für Familien nicht nur emotional ein schwerer Einschnitt. Fällt gleichzeitig ein wesentliches Einkommen weg, kann daraus schnell eine finanzielle Krise entstehen. Die Dimension des Risikos ist erheblich: Denn jedes Jahr verlieren in Deutschland mehr als 100.000 Menschen einen Elternteil oder Partner, von dessen Einkommen sie finanziell abhängig waren. Darunter sind rund 50.000 Kinder.
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Dennoch verfügt in Deutschland nur etwa jeder zweite Haushalt mit entsprechendem Absicherungsbedarf über eine Risikolebensversicherung. Nach einer neuen Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) könnte damit in mehr als 20 Millionen Haushalten ein ausreichender finanzieller Schutz für den Todesfall fehlen.
„In mehr als 20 Millionen Haushalten fehlt der finanzielle Schutz, wenn ein Partner oder Elternteil stirbt. Für die Hinterbliebenen kann das sehr schnell zur finanziellen Zerreißprobe werden“, warnt Moritz Schumann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des GDV.
Wie schnell sich nach einem Todesfall eine finanzielle Lücke auftun kann, zeigt eine Modellrechnung der Studie. Eine vierköpfige Familie gibt demnach durchschnittlich 4.599 Euro pro Monat aus. Rund 3.473 Euro davon entfallen allein auf grundlegende Bedarfe wie Wohnen, Lebensmittel und Verkehr.
Fällt in einem Zwei-Verdiener-Haushalt ein Einkommen vollständig weg und reduziert der hinterbliebene Elternteil zusätzlich seine Arbeitszeit um 30 Prozent, entsteht laut Berechnung eine monatliche Finanzierungslücke von fast 1.000 Euro. Viele dieser Ausgaben lassen sich nicht kurzfristig reduzieren. Das gilt insbesondere für Mieten und Immobilienfinanzierungen, aber auch für Mobilität und die laufenden Lebenshaltungskosten.
„Irgendwann treffen Briefe von der Bank ein, die an offene Kreditraten erinnern. Dann merken Hinterbliebene, dass nicht nur der geliebte Mensch fehlt, sondern auch sein Einkommen“, sagt Ines Moers, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. Sie rät Familien deshalb, frühzeitig die finanziellen Folgen eines Todesfalls zu besprechen und den tatsächlichen Absicherungsbedarf zu ermitteln.
Ausgerechnet einkommensschwächere Haushalte sind selten abgesichert
Besonders auffällig sind die Unterschiede zwischen den Einkommensgruppen. Bei einem Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 3.250 Euro liegt der Verbreitungsgrad der Risikolebensversicherung je nach Einkommensklasse lediglich zwischen drei und zehn Prozent. Rund die Hälfte aller Haushalte fällt laut Studie in diese unteren Einkommensklassen. Mit steigendem Einkommen nimmt die Absicherung deutlich zu. Von Haushalten mit einem Nettoeinkommen von mehr als 7.500 Euro verfügen 46 Prozent über eine Risikolebensversicherung. Damit zeigt sich ein grundsätzliches Dilemma: Gerade Haushalte mit geringeren finanziellen Reserven, die einen Einkommensausfall besonders schwer auffangen können, verfügen vergleichsweise selten über einen privaten Hinterbliebenenschutz.
Auch der Blick auf unterschiedliche Haushaltstypen zeigt erhebliche Unterschiede. Paare mit minderjährigen Kindern erreichen mit rund 45 Prozent den höchsten Verbreitungsgrad. Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch, dass selbst in dieser besonders schutzbedürftigen Gruppe mehr als jeder zweite Haushalt keine Risikolebensversicherung besitzt. Bei Alleinerziehenden liegt die Quote sogar nur bei rund 19 Prozent, bei Alleinlebenden bei 7,7 Prozent.
Überdurchschnittlich häufig abgesichert sind außerdem Haushalte mit Immobilienkrediten. Doch auch dort besitzt etwa jeder zweite Haushalt keinen entsprechenden Schutz. Gerade bei laufenden Baufinanzierungen kann der Tod eines Hauptverdieners besonders schwer wiegen, wenn die verbleibenden Einkünfte nicht mehr ausreichen, um Kreditraten und Lebenshaltungskosten gleichzeitig zu finanzieren. Auch regional gibt es Unterschiede: In Stadtstaaten ist die Risikolebensversicherung laut Studie deutlich weniger verbreitet als in Flächenländern. Teilweise liegt der Anteil dort nur halb so hoch.
Versicherungssummen sind häufig zu gering
Doch ein bestehender Vertrag bedeutet noch nicht automatisch, dass Hinterbliebene ausreichend abgesichert sind. Als Faustregel für die Versicherungssumme gelten etwa drei bis fünf Bruttojahresgehälter zuzüglich bestehender Kredite. Die Realität sieht häufig anders aus. 2024 betrug die durchschnittliche Versicherungssumme einer Risikolebensversicherung rund 121.000 Euro. Das durchschnittliche Bruttojahresgehalt lag dagegen bei etwa 50.000 Euro.
Bereits bei einer Orientierung am unteren Ende der Faustregel wären damit rund 150.000 Euro notwendig und zwar noch ohne offene Immobilien- oder andere größere Kredite. Bemerkenswert ist zudem die langfristige Entwicklung: Die durchschnittlichen Versicherungssummen liegen den Angaben zufolge seit 25 Jahren durchgängig unter diesem Orientierungswert.
Früher Abschluss kann Beiträge deutlich senken
Eine wichtige Rolle spielt zudem das Alter beim Vertragsabschluss. Bereits ab einem Eintrittsalter von etwa 35 Jahren liegen die Beiträge laut Studie ungefähr doppelt so hoch wie bei einem Abschluss mit 25 Jahren. Nach dem 40. Lebensjahr steigen die Kosten besonders stark. Hinzu kommt der Gesundheitszustand. Raucher müssen je nach Alter teilweise mehr als doppelt so hohe Beiträge zahlen wie Nichtraucher.
Damit fällt ausgerechnet die Lebensphase zwischen 25 und 35 Jahren besonders ins Gewicht. In diesen Jahren werden häufig Familien gegründet, Kinder geboren und Immobilien finanziert. Dadurch steigt der Absicherungsbedarf erheblich. Gleichzeitig ist die Risikolebensversicherung in dieser Alters- und Lebensphase bislang vergleichsweise wenig verbreitet.
