Die Mobilität verändert sich. Wenn wir uns von A nach B bewegen, dann immer häufiger mit E-Antrieb. Wallboxen an den Hauswänden, in Innenstädten oder auf der grünen Wiese sowie die E-Scooter-Flut, die uns inzwischen in den Städten begegnet, zeigen es deutlich.

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Markus ZimmermannMarkus Zimmermann... ist Leiter Strategieberatung Versicherungen bei Accenture (DACH).www.accenture.com

Dass E-Mobilität eine so hohe Nachfrage erfährt, hat viele Gründe: Das Bewusstsein der Menschen beim Thema Klimaschutz steigt, der Staat unterstützt die Entwicklung der Elektromobilität mit entsprechenden Förderpaketen und die Produktpalette der Automobilhersteller wächst. Zudem erfreuen sich neue Angebote in Form von E-Scootern, E-Bikes oder Lastenrädern wachsender Beliebtheit.

Die steigenden Zulassungszahlen für Elektroautos und Hybridfahrzeuge sind die Konsequenz dieser Entwicklung. Ganz aktuell kommen die hohen Benzinpreise hinzu und das Versprechen einer deutlich verbesserten Ladeinfrastruktur. Um fehlende Fans und mangelndes Interesse braucht sich die Elektromobilität in Deutschland also keine Sorgen machen. Nur befinden sich im „Ökosystem Mobilität“ eben nicht nur Hersteller, Autohändler, Zulieferer, Pendler, Werkstätten und natürlich die Bereitsteller von Infrastruktur, sondern auch die Versicherer, deren Aufgabe es ist, diese neue Art der Fortbewegung abzusichern.

Wie kalkulieren? Neue Einflussfaktoren, noch wenig Daten

Die Elektromobilität ist auch für Versicherer Neuland. Denn die Versicherung eines klassischen Kfz hat nur auf den ersten Blick etwas mit der Absicherung von E-Mobilität zu tun. Die Unterschiede sind groß, die Spielfelder neu und die Kundenerwartungen andere – aber der Reihe nach.

Das Wesen einer KFZ-Versicherung beruht im Grunde auf einer riesigen Datenmenge, die über Jahrzehnte gesammelt wurde und Ableitungen für die Zukunft zulässt. Ein Beispiel: Ein KFZ-Versicherer kann aufgrund von Millionen Erfahrungswerten ein relativ genaues Bild von der Nutzung eines Automobils und dessen Daten im Schadenfall entwerfen, auf dieser Grundlage einen Tarif berechnen und für das Kollektiv der Versicherten eine Police anbieten. Die Versicherung weiß ziemlich genau, dass ein Fahranfänger mit 25.000 Kilometern Fahrleistung im Jahr in einem Kleinwagen mit 95 PS ein etwas anderes Fahrprofil an den Tag legen wird, als eine Rentnerin im Mittelklasse-Kombi mit 10.000 Kilometern und 150 PS. Werkstattaufenthalte, Unfallschäden, Schadenprofile, Reparaturkosten und Abnutzungsmerkmale der jeweiligen Fahrzeugmarken, -typen und Motorleistungen liefern den KFZ-Versicherungen genug Material, um sichere Prognosen zu erstellen. Nun haben wir aber im E-Auto-Bereich nicht nur viele verschiedene Marken und neue Modelle mit ihrem jeweiligen Schadenprofil und Raffinessen, sondern auch veränderte Nutzergewohnheiten.

Mancher Autofahrende ist auf einmal deutlich vorsichtiger und vorausschauender unterwegs, damit die Batterie-Ladung möglichst weit reicht. Andere Fahrtypen kommen mit der schieren Leistung und den hohen Drehmomenten ihrer E-Autos nicht zurecht oder fahren sportlicher als bisher möglich, und die Batterieleistung nimmt vielleicht über die Jahre schneller ab als vermutet. Alles Faktoren, die erst erfasst und von den Versicherungen angemessen in Leistungen, Tarife, Schadenprognosen und Produkte übersetzt werden müssen. Eine schnell lernende Anpassung wird daher zum ausschlaggebenden Erfolgsfaktor für Versicherungen.

Wer fährt wie? Die E-Fahrweise verstehen und trainieren

Das veränderte Fahrverhalten ist dabei nur ein Faktor, der schwer zu beziffern ist. Warum fährt jemand ein E-Auto, was ist Fahrer:innen dabei wichtig, welche Fahrgewohnheiten lassen sich daraus ableiten? Sind Kurzstrecken effizienter für die Batterielaufzeit, wie oft und zu wieviel Prozent wird das Auto wieder geladen? Es ist teilweise eine regelrechte Blackbox, die sich für Versicherungsunternehmen auftut. Wie versichert man ein Auto mit hoher dreistelliger PS-Leistung jenseits der 80.000 Euro künftig adäquat? Nutzer:innen, die vor 20 Jahren ein Auto mit diesen Parametern gefahren sind, haben ein völlig anderes Fahrprofil als Halter:innen eines heutigen E-Fahrzeugs mit ähnlichen Eckdaten. Die wenigsten Führerschein-Neulinge fahren mit 200 E-PS zur Schule – doch das kann sich in kürzester Zeit ändern. Auch der Umgang mit den technologischen Finessen eines High-Tech Elektroautos muss noch von den meisten Autofahrenden geübt werden.

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Für Versicherungen bietet es sich hier beispielsweise an, entsprechende Fahrsicherheitstrainings anzubieten, über den Umgang und die Gefahren von Akkumulatoren aufzuklären und passende Vergünstigungen anzubieten, wenn entsprechende Kurse absolviert wurden. Schon heute gehen manche Versicherungsunternehmen von einer gewissen nachhaltigen Grundeinstellung der E-Autofahrer:innen aus, wenn es sich beispielsweise um Wenig-Fahrende handelt, die eine bewusste, ressourcenschonende Fahrweise an den Tag legen. Dies wird sich vermutlich in der Zukunft ändern und dementsprechend werden sich die auch die Risikoprofile von E-Fahrenden wandeln.

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