Eine Erfolgsgeschichte hat sich auserzählt: „Klassische“ Vorsorgeprodukte der Lebensversicherung mit garantiertem Rechnungszins werfen im Niedrigzins-Umfeld kaum noch etwas ab. Das gilt umso mehr, als Lebensversicherer unter alten Garantien ächzen, die sich kaum noch erwirtschaften lassen.

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Damit Altgarantien aber weiterhin bedient werden können, führte der Gesetzgeber schon in 2011 – bei wesentlich milderen Niedrigzins-Belastungen – die sogenannte Zinszusatzreserve als obligatorischer Sicherheitspuffer für die Branche ein. Die Berechnung dieses Reserve für Niedrigzins-Risiken wurde an einen Referenzzins gebunden – gesetzliche Grundlage ist Paragraph 5 der Deckungsrückstellungsverordnung (DeckRV) in Verbindung mit Paragraph 341f des Handelsgesetzbuchs (HGB).

Seit dem Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) von 2014 orientieren sich Referenzzins und damit auch Zinszusatzreserve zudem am Niveau von Null-Kupon-Euro-Zinsswapsätzen mit einer Laufzeit von zehn Jahren.

Anforderungen brachten Versicherer in Not

Wegen veränderter Marktbedingungen hatte die Versicherungswirtschaft jedoch im vergangenen Jahr Alarm geschlagen und auf eine Änderung der Rechenformel gedrängt. Stetig sinkende Zinsen drückten auch die Zinssätze des Referenzzinses. Das aber machte im Gegenzug nötig, immer höhere Beträge in die Zinszusatzreserve zu geben. Laut Berechnungen von Assekurata flossen branchenweit bereits über 65 Milliarden Euro von 2011 bis 2018 ins Finanzpolster.

Die Zinszusatzreserve wurde jedoch immer mehr zur Bedrohung für die Unternehmen. Denn laut Berechnungen des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft (GDV) hätten Lebensversicherer – bei Beibehaltung der Rechenformel – in nur fünf weiteren Jahren bis zu 130 Milliarden Euro in die Reserve geben müssen. Folglich sahen sich Gesellschaften überfordert.

Neue Formel baut schützenden Korridor

Der Oktober 2018 jedoch brachte den Wandel: Mit Wirkung zum Bilanzstichtag 2018 wurden neue Regeln zur Berechnung der Zinszusatzreserve eingeführt. So sichert nun eine Korridor-Methode, dass die jährliche Änderung des Referenzzinses innerhalb bestimmter Grenzen bleibt (der Versicherungsbote berichtete). Für den Referenzzins wird „ein Korridor gespannt, in welchem eine maximale Abweichung zum Vorjahreswert angenommen wird“, erklären die Experten bei Assekurata hierzu.

In der Konsequenz des neuen Verfahrens muss der Kapitalpuffer für zukünftige Verpflichtungen nun langsamer aufgebaut werden als bisher. Für die Lebensversicherer bedeutete diese Veränderung eine wesentliche Entlastung.

Dies veranschaulicht eine Zahl aus dem aktuellen EKG-Check: Gegenüber 16 Milliarden Euro in 2017 mussten die Gesellschaften in 2018 nur sechs Milliarden Euro in die Zinszusatzreserve fließen lassen – der geänderten Rechenformel sei Dank! Wesentlich fitter müssten die Gesellschaften nun im aktuellen EKG-Check wirken durch die geringere Last. Und tatsächlich: Die Werte verbessern sich anschaulich.

Break-Even-Nettoverzinsung 2018: Anforderungen für Rohüberschuss gesunken

Das zeigt zum Beispiel der Vergleich der Break-Even-Nettoverzinsung für die gesamte Branche über die Jahre. Bei der Break-Even-Nettoverzinsung handelt es sich um eine Kennzahl, die darstellt, wie viel Kapitalanlageergebnis ein Lebensversicherer zur Erfüllung seiner Zinsverpflichtungen überhaupt benötigt. Genau genommen stellt die Kennzahl laut Assekurata jenen „kritischen“ Nettozins dar, der „rechnerisch erwirtschaftet werden muss, um zu einen ausgeglichenen Rohüberschuss – das heißt einem Rohüberschuss von genau null – zu gelangen.“ Sobald ein Versicherer den kritischen Prozentwert unterschreitet, erwirtschaftet er nicht genug Kapital, um alle herausgegebenen Garantien zu decken.

Die Branche aber kann sich freuen: Hatte sie im Jahre 2017 den hohen Wert von 3,31 Prozent zu schultern, sank nun die Break-Even-Nettoverzinsung auf den geringsten Prozentwert seit Erhebung dieser Kennzahl ab 2014: Zinsen von 2,32 Prozent müssen erwirtschaftet werden für einen ausgeglichenen Rohüberschuss:

„Ertragskraft-Garantie-Check“ zur Lebensversicherung: Korridor bei Zinszusatzreserve frischt vorübergehend Fitness auf„Ertragskraft-Garantie-Check“ zur Lebensversicherung: Korridor bei Zinszusatzreserve frischt vorübergehend Fitness auf@Assekurata

Versicherer weisen große Differenzen auf

Freilich: Aufgrund der strukturellen Zusammensetzung des Bestands gibt es laut Assekurata bei der Break-Even-Nettoverzinsung große Unterschiede zwischen den einzelnen Unternehmen: Versicherer, die einen großen Bestand an Verträgen mit Überschussbeteiligung haben, weisen demnach eine überdurchschnittlich hohe Break-Even-Nettoverzinsung auf. Diese Lebensversicherer müssen einen größeren Prozentsatz für einen ausgeglichenen Rohüberschuss erwirtschaften.

Einen Wettbewerbsvorteil hingegen haben jene Versicherer , die einen kleineren Bestand derartiger Verträge haben.

Die Spannbreite der Prozentwerte am Markt ist groß: zwischen vorteilhaften minus 23,03 Prozent und ungünstigen 3,27 Prozent schwankt die Anforderung an die Nettoverzinsung für den ausgeglichenen Rohüberschuss.

Die Versicherer mit ungünstigen Kennzahlen

Bei 74 untersuchten Anbietern weisen fünf Anbieter eine ungünstige Kennzahl von noch über drei Prozent auf – die Hürden sind hier höher für einen ausgeglichenen Rohüberschuss. Betroffen sind:

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  • Inter (3,07 Prozent)
  • PB (3,08 Prozent)
  • Victoria (3,16 Prozent)
  • Münchner Verein (3,19 Prozent)
  • Signal Iduna (mit dem ungünstigsten Wert von 3,27 Prozent)

Versicherer mit vorteilhaften Kennzahlen für die Break-Even-Nettoverzinsung

Hingegen haben zehn Anbieter sogar eine Break-Even-Nettoverzinsung mit einem Minus-Wert: Ergo Direkt (-0,60 Prozent), Cosmos (-0,71 Prozent), Neue BBV (-0,80 Prozent), Europa (-3,73 Prozent), Credit Life (-4,36 Prozent), Ergo Vorsorge (-5,74 Prozent), InterRisk (-7,30 Prozent), Deutsche Leben (-8,63 Prozent), Delta Direkt (-19,75 Prozent) und – mit der vorteilhaftesten Kennzahl der Branche – die Dialog (-23,03 Prozent).