Robin Kiera: Es besteht keine zwingende Notwendigkeit mehr als nur Schadenregulierer zu sein - wenn man den massiven Verlust an Umsatz, Gewinn und Arbeitsplätzen in einigen Jahren akzeptiert. Es gibt jetzt schon Versicherungsvorstände, die sich selbst öffentlich dazu bekennen, sich auf ihre “Kernkompetenz” konzentrieren zu wollen. Was allerdings meist nicht erwähnt wird, dass man dafür vielleicht noch 20-30 Prozent der Belegschaft braucht.

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Ich sehe gerade eine große Chance für Akteure, die kurzfristig den anstrengenden Weg gehen, um mittelfristig aus den neuen Produktkonzepten und Technologien enorme Umsätze und Gewinne zu erwirtschaften. Wer es schafft - wie etwa das chinesische WeChat - die Herzen und Homescreens seiner Kunden dauerhaft mit begeisternden digitalen Produkten und Services zu erobern, dessen Wachstum wäre grenzenlos. Wer seinen Kunden ganze Ökosysteme an nützlichen Services zur Verfügung stellt, kann zum täglichen und vertrauten Begleiter werden. Wir sehen erste - vor allem mittelständische Versicherer - in Deutschland, die diesen Weg gehen.

Unternehmensberater wie McKinsey warnen, traditionelle Versicherer könnten langfristig überflüssig werden, weil Konzerne wie Amazon oder Google über ausreichend und umfangreichere Daten potentieller Kunden verfügen, um selbst Versicherungen anzubieten. Warum muss die Branche Angst haben?

Ich werde gelegentlich gebeten, Pitches oder Abschlusspräsentationen von “Top-Management”-Beratungen beizuwohnen. Das Fehlen selbst grundlegender versicherungsfachlicher Kenntnisse sowie die völlige Abwesenheit von Wissen über aktuellen Trends und Technologien, kann selbst selbstsicheres Auftreten und B**-Bingo nicht mehr kaschieren. Deswegen kaufen diese ehemals führenden Unternehmen ja derzeit eine Kreativ- und Start-Up-Agentur nach der anderen. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen würde ich den häufig erheiternd kenntnisfreien Aussagen dieser Firmen wenig beimessen.

Allerdings ist es in der Tat so, dass der Einstieg vor allem von Amazon in die Versicherungswirtschaft dazu führen kann, dass sich der Gigant aus Seattle auch in dieser Branche zwischen Produktanbieter und Kunde schiebt. Noch bliebe Zeit selber zu handeln. Allerdings müssten wir langsam aus dem Quark kommen.

Der Online-Makler Check24 hat nach eigenen Aussagen rund 15 Millionen Kunden und eine breite Palette von Apps und Dienstleistungen. So können Kunden unter anderem einen Kündigungsdienst nutzen, Reisen buchen oder eben Versicherungen abschließen. Welche Möglichkeiten bieten sich bei so einem großen Kundenstamm und dem Wissen über Konten, Kredite, Reisen usw.?

Wer es schafft, die Herzen, Hirne und Homescreens der Kunden durch nützliche digitale Produkte und Services zu besetzen und sich zwischen Produktgeber und Kunde zu schieben, wird unermessliche Umsatzströme erzielen können.

Ich frage mich nur, warum so wenige in der Versicherungswirtschaft in Deutschland dies als Chance nutzen, es selber zu tun. Dennoch sind die Würfel nicht gefallen. Noch hat Amazon oder Google nicht zum finalen Endschlag ausgeholt. Noch könnten wir dies - auch aufgrund unseres eigenen Wissens über Kunden, Schäden und Risiken - selber tun. Packen wir es an!

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Die Fragen stellte Jenny Müller