Der Blick nach Großbritannien zeigt, warum Opt-out-Modelle funktionieren. Denn dort hat Automatic Enrolment die Teilnahme an Betriebsrenten massiv erhöht. Für Deutschland stellt sich nun die Frage, ob Politik, Arbeitgeber, Vermittler und Produktanbieter aus diesem Beispiel lernen – und Opt-out nicht nur rechtlich ermöglichen, sondern auch qualitativ überzeugend umsetzen.

Anzeige

Der Druck auf die Betriebsrente wächst

Im Podcast „Die Versicherungsbranche in 2030 Tagen“ spricht Marc Karkossa, Gründer von DYNO, davon, dass Deutschland vor einem grundlegenden Wandel in der bAV steht: weg vom freiwillig aktiv nachgefragten Vorsorgeprodukt, hin zu einem System, in dem Beschäftigte automatisch einbezogen werden – solange sie nicht widersprechen. Er hält diesen Schritt für sehr wahrscheinlich: „Ich bin mittlerweile felsenfest davon überzeugt, dass wir in 2031 schon in der Situation sind, dass es per Default ein Opt-out-Modell gibt.“

Der Grund ist einfach: Die Rentenlücke ist bekannt, aber das Verhalten vieler Beschäftigter ändert sich zu langsam. Karkossa beschreibt das Problem deutlich: Viele Menschen wüssten, dass die gesetzliche Rente nicht reichen werde. „Und deren Problem ist, dass sie einfach den Allerwertesten nicht hochbekommen und sich dann hinsetzen, Zeit investieren, einen bAV-Tarif verstehen, einrichten und dann auch durchziehen.“ Genau hier setzt Opt-out an: Nicht mehr die aktive Entscheidung für Vorsorge ist der Normalfall, sondern die automatische Teilnahme.

Opt-out nutzt die Macht des Defaults

Das Modell beruht auf einer verhaltensökonomischen Einsicht: Defaults wirken. Wer automatisch einbezogen wird, bleibt häufig dabei – vor allem, wenn Arbeitgeberzuschüsse, einfache Kommunikation und transparente Produkte hinzukommen. Für Karkossa verändert das auch die Rolle des Vertriebs. Beratung verschwindet nicht, sondern dreht sich um. Karkossa spricht von einem „reversed Beratungsansatz“: Man müsse auf Mitarbeitende zugehen, die aussteigen wollen, und ihnen „im Endeffekt dabei hilft, zu verstehen, dass es eine gute Sache ist, bAV zu nutzen“.

Politisch ist der Weg in Richtung Opt-out zumindest ein Stück weiter geöffnet. Das Zweite Betriebsrentenstärkungsgesetz erleichtert automatische Entgeltumwandlungsmodelle auf Betriebsebene: Unter bestimmten Voraussetzungen können sie per Betriebs- oder Dienstvereinbarung eingeführt werden. Beschäftigte müssen vorab informiert werden und behalten ein Widerspruchsrecht; zudem ist ein Arbeitgeberzuschuss von pauschal 20 Prozent vorgesehen. Aus der freiwilligen bAV wird damit keine Zwangsvorsorge – wohl aber ein Modell, bei dem die automatische Teilnahme künftig deutlich leichter zum Ausgangspunkt werden kann.

Was Großbritannien zeigt

Als wichtiges Vorbild nennt Karkossa Großbritannien. Dort wurde Automatic Enrolment ab Oktober 2012 eingeführt. Arbeitgeber müssen geeignete Beschäftigte automatisch in eine Workplace Pension einbeziehen und Beiträge leisten; Beschäftigte können widersprechen. Das Ergebnis gilt international als Erfolg: Nach aktuellen Zahlen des britischen Department for Work and Pensions sparten 2024 rund 21,7 Millionen berechtigte Beschäftigte in Großbritannien in eine betriebliche Altersvorsorge – mehr als doppelt so viele wie vor Einführung des Systems. Die Teilnahmequote dieser Gruppe lag 2024 bei 89 %. Nach ONS-Daten waren im selben Jahr rund 82 % aller britischen Arbeitnehmer Mitglied eines Workplace-Pension-Systems.

Karkossa verweist genau auf diesen Effekt: „Man kann mal nach UK schauen, wie da im Endeffekt das Opt-out zum Erfolg geführt hat.“ Viele Beschäftigte seien dort heute über betriebliche Altersvorsorge abgesichert; als Beispiel nennt er das NEST-Programm. „Das hat nur mit dem Opt-out schlussendlich dazu geführt, dass das machbar ist.“

Für Deutschland ist die Lehre klar: Opt-out kann die Beteiligung deutlich erhöhen, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit guter Produkte. Denn automatische Teilnahme schafft nur dann Vertrauen, wenn Kosten, Kapitalanlage, Kommunikation und Arbeitgeberprozesse überzeugen.

Beratung bleibt – aber anders

Für Vermittler bedeutet Opt-out keinen Bedeutungsverlust, sondern eine andere Aufgabe. Wer automatisch teilnimmt, braucht Orientierung: Wie hoch ist der Beitrag? Was zahlt der Arbeitgeber dazu? Welche Renditechancen und Risiken bestehen? Wann lohnt sich ein Widerspruch tatsächlich? Karkossas Fazit bringt diesen Wandel auf den Punkt: „Ich glaube, dass dann der direkte Vertrieb gar nicht mehr so wichtig ist, sondern einfach die Qualität des Investmentproduktes, die Qualität der Betrieblichen Altersvorsorge, des Tarifs.“

Das Opt-out-Modell könnte damit zur entscheidenden Brücke werden: zwischen politischem Reformdruck, dem Wunsch der Arbeitgeber nach einfachen Lösungen und der Trägheit vieler Beschäftigter bei der Altersvorsorge. Großbritannien zeigt, dass automatische Teilnahme Verbreitung schafft. Deutschland muss nun zeigen, dass daraus auch gute Betriebsrenten werden.

Das vollständige Gespräch mit Marc Karkossa können Sie direkt hier hören oder im Versicherungsfunk auf Spotify & Apple-Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.