Rentenlücke: Wie Deutschland Altersvorsorge endlich „auf die Kette“ bekommen muss
Die Rentenlücke ist seit Jahren bekannt. Doch vielen Menschen fehlt es noch immer an konkretem Vorsorgehandeln. Wenn zusätzliche Altersvorsorge breiter ausgerollt werden soll, müssen aber auch Produkte überzeugen. Für Versicherer und Vorsorgeanbieter wächst damit der Druck, nicht nur Produkte zu verkaufen, sondern echte Vorsorgelösungen in die Breite zu bringen, mahnt Marc Karkossa, Gründer von DYNO.

Die Debatte um Altersvorsorge ist längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr. Sie wird zum gesellschaftlichen Stresstest. Im Podcast „Die Versicherungsbranche in 2030 Tagen“ beschreibt Marc Karkossa, Gründer von DYNO, die gesetzliche Rente als eine Absicherung, die aus Sicht vieler Menschen allein nicht mehr ausreicht: Manche sprächen von „Basisabsicherung“, andere gingen davon aus, dass sie „vielleicht die Hälfte oder zwei Drittel“ des Rentenbedarfs decke – je nach persönlicher Situation. Sein Fazit: „Trotzdem wissen alle, ich muss was tun.“ Für die Versicherungs- und Vorsorgebranche ergibt sich daraus eine zentrale Aufgabe: zusätzliche Altersvorsorge muss nicht nur angeboten, sondern tatsächlich in der Breite umgesetzt werden.
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Die Rentenlücke ist bekannt – aber zu wenig passiert
Karkossa beschreibt eine Gemengelage, die in der Branche seit Jahren diskutiert wird: demografischer Wandel, Rentenlücke, geringe Vorsorgeaktivität. „Der Druck ist so groß, die Rentenlücke wird seit Jahrzehnten jetzt schon besprochen, demografische Wandel hat jeder schon mal in den Mund genommen, insbesondere aus der Versicherungsindustrie, so richtig auf die Kette bekommen hat es niemand“, sagt er. Genau darin liegt das Problem.
Deutschland weiß um die Alterung der Gesellschaft. Die Babyboomer gehen in den Ruhestand, während die Zahl der Beitragszahler unter Druck gerät. Schon heute leben rund 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland. Nach Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamts wird 2035 jede vierte Person 67 Jahre oder älter sein; 2024 war es noch jede fünfte. Die gesetzliche Rentenversicherung bleibt damit zentral, aber sie kann den Lebensstandard vieler Menschen allein kaum sichern.
Aus Wissen entsteht noch kein Handeln
Besonders deutlich wird Karkossa, wenn er über das Verhalten jüngerer Generationen spricht. Viele wüssten durchaus, dass die gesetzliche Rente nicht reichen werde. „Trotzdem wissen alle, ich muss was tun. Und auch meine Generation und noch die jüngere, die wissen, verdammt, das reicht nicht.“ Das eigentliche Problem sei nicht fehlende Einsicht, sondern fehlende Umsetzung: Viele Menschen bekämen „den Allerwertesten nicht hoch“, um sich hinzusetzen und ihre Altersvorsorge anzugehen.
Damit beschreibt Karkossa einen Kernkonflikt der Altersvorsorge: Finanzbildung allein reicht nicht. Wer Altersvorsorge stärken will, muss Produkte, Prozesse und Kommunikation so gestalten, dass aus Problembewusstsein auch Vorsorgeverhalten wird. Komplexität ist dabei der natürliche Gegner der Verbreitung. Je mehr Formulare, Fachbegriffe und Entscheidungen nötig sind, desto größer wird die Lücke zwischen Wissen und Handeln.
Der gesellschaftliche Druck steigt
Politisch wird dieser Druck bereits sichtbar. Mit dem Rentenpaket 2025 wurde die Haltelinie beim Rentenniveau bis zum 1. Juli 2031 verlängert. Das zeigt: Es geht nicht mehr nur um individuelle Vorsorgeentscheidungen, sondern um die Stabilität eines gesamten Alterssicherungssystems. Wenn die gesetzliche Rente dauerhaft gestützt werden muss und gleichzeitig immer mehr Menschen in den Ruhestand wechseln, wird zusätzliche kapitalgedeckte Vorsorge vom Nice-to-have zur gesellschaftlichen Notwendigkeit.
Karkossa sieht genau darin auch eine Chance für die Branche. Externe Schocks, Reformdruck und neue Regulierung zwängen die Industrie, sich neu aufzustellen. Das werde jenen Marktteilnehmern guttun, die den eigentlichen Zweck der Altersvorsorge ernst nehmen: mehr Vorsorge für die Menschen aufzubauen und „das auf die Straße zu bekommen“. Wer Altersvorsorge dagegen nur als Produktvertrieb begreife, ohne Kosten und Kapitalanlage konsequent mitzudenken, werde es schwerer haben.
bAV als ein Hebel gegen Vorsorge-Trägheit
Eng mit dieser Frage verbunden ist die betriebliche Altersvorsorge. Sie ist nicht die einzige Antwort auf die Rentenlücke, kann aber ein wichtiger Hebel sein, weil sie dort ansetzt, wo Menschen ohnehin organisiert sind: im Unternehmen.
Entscheidend ist dabei nicht, Menschen immer wieder abstrakt zur Vorsorge zu mahnen, sondern die Hürden zum Handeln zu senken. Die bAV kann hier eine Brückenfunktion übernehmen: Sie verbindet den gesellschaftlichen Bedarf nach zusätzlicher Altersvorsorge mit konkreten betrieblichen Abläufen. Gerade vor diesem Hintergrund gewinnen digitale Plattformen, einfache Kommunikation und perspektivisch auch Opt-out-Modelle an Bedeutung.
Gleichzeitig darf zusätzliche Altersvorsorge nicht allein auf die bAV verengt werden. Auch private Vorsorgeprodukte, fondsbasierte Sparformen, staatlich geförderte Modelle, bessere Finanzbildung und niedrigschwellige digitale Zugänge können dazu beitragen, aus Problembewusstsein tatsächliches Vorsorgeverhalten zu machen. Der gemeinsame Nenner all dieser Ansätze ist: Altersvorsorge muss einfacher, verständlicher und anschlussfähiger an den Alltag der Menschen werden.
Entscheidend wird die Qualität
Der Druck allein wird jedoch nicht genügen. Wenn zusätzliche Altersvorsorge breiter ausgerollt werden soll, müssen Produkte überzeugen. Karkossa betont deshalb die Bedeutung von Kosten, Kapitalanlage und Investmentqualität. In einer Zukunft, in der Vorsorge stärker standardisiert und digitalisiert wird, entscheidet nicht mehr nur der Vertrieb über Erfolg, sondern die Frage, ob der investierte Euro tatsächlich wirksam für die Menschen arbeitet.
Damit verschiebt sich der Auftrag an Versicherer, Vermittler und Plattformanbieter: Sie müssen die Rentenlücke nicht nur erklären, sondern helfen, sie praktisch zu schließen. Deutschland hat lange über Demografie gesprochen. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob daraus endlich zusätzliche Altersvorsorge in der Breite entsteht.
Das vollständige Gespräch mit Marc Karkossa können Sie direkt hier hören oder im Versicherungsfunk auf Spotify & Apple-Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.
