Hohe Beitragssprünge in der privaten Krankenvollversicherung verunsichern und verärgern die Betroffenen: Auch wenn der PKV-Verband als Lobby der Versicherer behauptet, dass im Schnitt der Branche die Prämien weniger stark angehoben würden als bei den gesetzlichen Kassen. Je solider ein Versicherer finanziell dasteht, desto eher kann er auch die Beiträge stabil halten. So argumentiert der renommierte Mathematiker Carsten Zielke von der Zielke Research GmbH. Und hat sich angeschaut, wie gut die privaten Wettbewerber aktuell aufgestellt sind.

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"SFCR-Auswertung Deutsche Krankenversicherer 2018: Die Luft wird dünner", betitelt das Analysehaus seine Studie. Und verweist bereits mit dieser Headline darauf, dass auch die Versicherer unter den niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt leiden. Zwar nicht in dem Maße wie die Lebensversicherer, da sie Einbußen bei der Geldanlage über Prämienerhöhungen an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben können. Dennoch müssen auch die PKVen bereits Tafelsilber verscherbeln und stille Reserven auflösen (siehe unten). Über die Studie berichtete zuerst das Versicherungsjournal. Carsten Zielke hat die Ergebnisse für jeden einzelnen Versicherer detailliert auf der Webseite check-deine-versicherung.de veröffentlicht, auch an Versicherte adressiert.

Branche zeigt sich gespalten

Konkret hat Zielke die Solvenzberichte (SFCR) der Versicherer ausgewertet und eine Prognose anhand der Zahlen gegeben, wie wahrscheinlich die Versicherer ihre Prämien stabil halten können. Stark vereinfacht drücken diese Berichte aus, ob die Versicherer genügend Eigenmittel haben, um die Ansprüche ihrer Kundinnen und Kunden auch langfristig erfüllen zu können. Darüber hinaus rechneten die Tester weitere Kennzahlen ein: unter anderem, welchen Gewinn ein Versicherer erwartet, ob er die eingesammelten Beiträge divers anlegt und so Risiken am Kapitalmarkt streut und wie sich das Verhältnis künftiger Gewinne zu Eigenmitteln gestaltet.

Als Maßstab für den Prämienanstieg zog Zielke die sogenannte medizinische Inflation heran. Denn auch im Gesundheitssektor sind steigende Kosten bis zu einem gewissen Grad normal. Ursache hierfür sind unter anderem anwachsende Medikamenten-Preise, die alternde Gesellschaft sowie Gesundheitsreformen, die auch für Versicherer Mehrkosten mit sich bringen. Seit dem Jahr 200 liegt die medizinische Inflation zwischen vier und fünf Prozent per annum.

Das Ergebnis: Die Branche zeigt sich gespalten. 14 Krankenversicherer stehen aktuell sehr gut da und werden sehr wahrscheinlich ihre Prämien stabil halten können. Weitere 12 Anbieter werden ihre Beiträge laut Prognose im Rahmen der medizinischen Inflation anpassen. Bei ebenfalls weiteren 12 Gesellschaften heißt es jedoch: Prämienstabilität fraglich. Sie werden sehr wahrscheinlich ihre Tarife mittelfristig derart verteuern müssen, dass sie über der medizinischen Inflation liegen. Im Zweifel bedeutet das sogar ein zweistelliges Beitragsplus.

Es geht schon ans Tafelsilber

“Nur 14 von 39 Versicherern zeigen Kennzahlen, die auf stabile Prämien hindeuten“, schreibt Zielke im Pressetext zur Studie. Zudem stellt er fest, dass in Zeiten niedriger Zinsen die Branche im Schnitt weniger gut finanziell ausgestattet ist. Die reine Solvenz-Quote (ohne Übergangsmaßnahmen) sank demnach im Schnitt aller Anbieter um 15 Prozentpunkte von 546 Prozent auf 531 Prozent.

Die Versicherer müssen ihre Solvenzquote dauerhaft über 100 Prozent halten, sonst greift die Finanzaufsicht BaFin ein und kann Maßnahmen fordern, um die finanzielle Stabilität zu verbessern: Noch dürfen sie dabei mit Übergangshilfen rechnen.

Auch müssen die Versicherer immer mehr Tafelsilber verscherbeln. Die Ausgleichsrücklage schwindet: stark vereinfacht bedeutet das, dass das Verhältnis der Vermögenswerte des Versicherers zu den Verbindlichkeiten schwindet. So gebe es weniger stille Reserven in den Geldanlagen: „Das führt zu einem steigenden Risiko auf dem Markt. Die Diversifikation nimmt ab“, schreibt Zielke.

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Ein Blick auf den Marktführer Debeka, mit knapp 2.4 Millionen Vollversicherten der Platzhirsch der Branche. Sie wird von den Analysten in die mittlere Gruppe "neutral" eingeordnet, also mit einer Prämienentwicklung analog zur medizinischen Inflation. "Die Debeka zeigt eine angemessene Solvenz, die aber stärker zur Assetdiversifikation genutzt werden könnte. Der Überschussfonds ist auf niedrigen Niveau angestiegen, der erwartete Gewinn scheint fair für den Versicherungsnehmer", schreiben die Analysten auf ihrer Webseite. Die reine Solvenzquote des Versicherers beträgt 453 Prozent (Vorjahr: 367).