Wenn Menschen in der Redaktion des Versicherungsboten anrufen, die verzweifelt sind und deshalb unseren Rat als Journalisten suchen, dann ist das ein ungewöhnlicher Vorgang. Allein in den letzten beiden Wochen ist mir das in drei Fällen passiert. Ich erhielt Anrufe von Senioren, die ihre private Krankenversicherung nicht mehr zahlen können. Und die nun erneut eine Teuerung eines Tarifs hinnehmen müssen.

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Ein Handwerker berichtete zum Beispiel, dass er für seine private Krankenvollversicherung mittlerweile über 600 Euro zahle, obwohl er mit seinem Tarif vor Jahrzehnten mit einem Beitrag von damals 145 DM eingestiegen war. Allein der Beitrag zu seiner privaten Pflegepflichtversicherung soll im kommenden Jahr von 61,00 Euro auf 85,10 Euro steigen: ein Plus von satten 39,50 Prozent. Ich konnte den besorgten Handwerker nur auf die Möglichkeit einer fachkundigen Tarifwechsel-Beratung nach § 204 VVG hinweisen, wenn er keine Einbußen bei den Leistungen akzeptieren will.

Wenn man mit solchen Menschen spricht oder sich mit ihnen schriftlich austauscht, dann steht man etwas ratlos vor Pressemeldungen wie jener, die uns vor wenigen Tagen vom PKV-Verband ins Haus flatterte. Dort berichtet der Lobbyverband, dass die Prämien in der privaten Krankenversicherung von 2009 bis 2019 deutlich niedriger gestiegen seien als in der gesetzlichen Krankenversicherung. In der PKV habe das Plus durchschnittlich 2,8 Prozent betragen, bei den gesetzlichen Krankenkassen hingegen jährlich 3,3 Prozent. Auch zum kommenden Jahreswechsel sollen die Beiträge „nur“ um 1,9 Prozent steigen.

Die Botschaft solcher Pressemeldungen ist klar: Beitragssprünge in der PKV sind kein Problem. Alles Panikmache. Bei „uns“ legen die Beiträge doch sogar weniger zu als bei der gesetzlichen Konkurrenz. Verbunden wird das mit viel Selbstlob: Wir als Privatversicherer finanzieren den medizinischen Fortschritt, neue High-Tech-Verfahren und Medikamente. Doch ich gestehe, ich reagiere auf solche Pressetexte mittlerweile verschnupft. Weil ich auch Einblicke in die andere Seite bekommen habe. Weil ich weiß, dass Versicherte an ihren PKV-Beiträgen zweifeln und verzweifeln. Und weil uns auch Vermittler von hohen Prämiensprüngen bei ihren Kunden berichten. Weil mir diese Menschen, oft Senioren, schreiben oder in der Redaktion anrufen: enttäuscht, entrüstet. Es gibt diese Menschen, sie sind ein Fakt.

Was sagt die Statistik der Durchschnittsbeiträge aus?

Nein, ich bin kein Gegner des PKV-Systems. Aber ich bin manchmal erschrocken, wie wenig die Branche bereit scheint, ihre eigenen Probleme zu reflektieren und zu thematisieren. Und sich selbst kritisch zu hinterfragen. Ich zweifle die Zahl nicht an: Es mag ja stimmen, dass im Schnitt die Beiträge nur um 1,9 Prozent steigen, wie der PKV-Verband berichtet. Aber das ist ein Durchschnittswert, der nichts darüber aussagt, wie sich die Prämien in einzelnen Tarifen und bei einzelnen Versicherern entwickeln. Wenn ein Teil der Versicherten mit seinen Füßen auf einer brennenden Herdplatte steht, ein anderer Teil seinen Kopf im Eisfach hat, sollte es im Durchschnitt auch angenehm warm sein: Ist aber für die Betroffenen garantiert unangenehm.

Ja, was sagt denn diese Zahl überhaupt aus: ein durchschnittliches Beitragsplus von 1,9 Prozent? Da sind auch jene PKV-Tarife eingerechnet, die erst neu eröffnet wurden und seit kurzer Zeit existieren. Es ist klar, dass hier die Prämien in der Regel noch nicht angehoben werden müssen oder zumindest nicht deutlich: Sie wurden ja gerade erst frisch kalkuliert. Da sind vor allem auch die Beihilfe-Tarife eingerechnet: Hier steigen die Prämien in der Regel weniger stark als in jenen ohne Beihilfe. Das liegt schlicht daran, dass der Staat 50 bis 70 Prozent der Arzt- und Gesundheitskosten aus Steuermitteln zuschießt. Im Alter, wenn die Pensionäre die größten Gesundheitskosten erzeugen, ist dieser Zuschuss meist am höchsten. Eine enorme Entlastung für die Versicherten - und die Versicherer. Und vor allem eine Entlastung für die Beiträge in diesen Tarifen. Hier sei daran erinnert, dass beinahe jeder zweite PKV-Vollversicherte Anrecht auf Beihilfe hat.

Was aber fehlt, ist eine detaillierte Statistik. Eine, die verrät, wie viele Privatversicherte tatsächlich von hohen Prämiensprüngen betroffen sind und bei welchen Anbietern. Die zeigt, warum und weshalb die Prämien bei einzelnen Versicherern steigen. Hier sei auf ein grundsätzliches Problem aus Sicht der Verbraucher hingewiesen. Die Versicherer müssen nicht konkret offenlegen, wie sie ihre Prämien kalkulieren und weshalb sie die Beiträge raufsetzen. Das ist Betriebsgeheimnis: ein anderer Wettbewerber könnte ja Einblick in die Tarifkalkulation nehmen. So wird Intransparenz als notwendiges Übel eines funktionierenden Marktes definiert.

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Allein vermeintlich unabhängige Treuhänder wachen laut Gesetz über die Rechtmäßigkeit der Anpassung. Sie sollen verhindern, dass die Versicherten willkürliche Prämienanstiege erdulden müssen. Wie "unabhängig" diese Treuhänder sind, hat die Öffentlichkeit erst durch mehrere Rechtsstreite erst erfahren: Manche sind seit mehr als 14 Jahren für denselben Versicherer tätig. Sie kassieren pro Jahr mehr als 300.000 Euro von ebendiesem Versicherer. Sie beziehen ein Großteil Ihres Einkommens von diesem einen Anbieter. Kann man da behaupten, dass Sie als unabhängiger Treuhänder tätig sind, der völlig eigenständig Entscheidungen treffen kann?