Für die umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung (GRV) bedeuten solche Zahlen: Beiträge werden steigen, das Rentenniveau hingegen wird sinken. Altersarmut droht großen Teilen der Bevölkerung. Eine demografische Krise (der Versicherungsbote berichtete).

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Nachbar Niederlande: Erstaunlich immun trotz alternder Gesellschaft

Reformen des deutschen Rentensystems sind demnach dringend geboten. Wie aber dem einstigen Erfolgsmodell mit seinem „Generationenvertrag“ auf die Beine helfen? Für Lösungen wird immer häufiger ein Blick zu einem Nachbarland empfohlen. Dieses besitzt nicht nur ein äußerst leistungsfähiges, sondern auch nachhaltiges Rentensystem und scheint besser auf die demografische Entwicklung eingestellt. Zudem verheißt das Rentensystem, statt einer bitteren Leistungs-Entzugskur, ein „Cappuccino-Modell“. Zur Verheißung wird immer mehr das Rentensystem der Niederlande.

Lob des niederländischen Rentensystems scheint mittlerweile Konsens – sowohl arbeitnehmernahe Akteure wie die Gewerkschaft Ver.di als auch die arbeitgebernahe Lobby-Organisation INSM empfehlen Reformen, die sich daran orientieren. Im Melbourne Mercer Global Pension Index, einem Ranking weltweiter Rentensysteme, steht das niederländische Rentensystem schon zum zweiten Mal auf Rang eins (der Versicherungsbote berichtete). Grund genug für den „Versicherungsboten“, einmal genauer zum europäischen Nachbarn zu schauen.

Das „Cappuccino-Modell“ der Niederlande

Folgendermaßen erklären die Niederländer anhand einer beliebten Kaffee-Spezialität ihr Rentensystem: Grundlage und damit „Kaffee“ ist die obligatorische staatliche Alterssicherung AOW, die „Algemene Ouderdomswet“. Diese sichert jedem, der länger als ein Jahr in den Niederlanden wohnte, Teilansprüche einer Mindestrente. Hat ein Rentner nach 50 Jahren das volle Anrecht auf diese staatliche Alterssicherung erworben, erhält er etwa 70 Prozent des Mindestlohns als monatliche Rente ausgezahlt. Freilich aber: Im Sinne des Sprachbildes empfiehlt es sich keineswegs, den Kaffee schwarz zu trinken. Die Milch im Renten-Rezept der Niederländer entstammt den Betriebsrenten, die eine weite Verbreitung erfahren. Damit aber das Rezept endgültig gelingen darf, fehlt auf dem „Renten-Cappuccino“ noch das Sahnehäubchen all jener privaten und kapitalgedeckten Vorsorgeprodukte, die nicht in den Bereich der Betriebsrenten gehören.

Die staatliche Alterssicherung AOW

Könnte man nach Aufzählung dieser Bestandteile – einem Mix aus staatlicher Rente, Betriebsrente und privaten Vorsorgeprodukten – noch durchaus Gemeinsamkeiten mit dem deutschen Rentensystem sehen, offenbaren sich auf dem zweiten Blick Unterschiede. Anders nämlich als Deutsche betrachten es die Niederlande nicht als Aufgabe des Staates, durch Rentenzahlungen ein gewisses Niveau des vorherigen Verdiensts zu sichern. Demnach wird die Rentenhöhe, anders als in Deutschland, auch nicht von einem bestimmten Prozentsatz des früheren Arbeitseinkommens sowie von eingezahlten Beiträgen abhängig gemacht, sondern von der Versicherungszeit. Grundbedingung für AOW-Ansprüche ist einzig der Wohnsitz in den Niederlanden für länger als ein Jahr.

Für jedes Jahr baut man zwei Prozent des Anspruchs für den vollen Leistungsbetrag auf. Nach 50 Jahren erreicht man 100 Prozent des Renten-Anspruchs. Bei geringerer Versicherungszeit werden hingegen entsprechende Prozente abgezogen (pro Jahr fehlen dann zwei Prozent der vollen Rente). Hat jemand über seinen Wohnsitz Rentenansprüche erworben, erhält er eine AOW-Rente, sobald er das AOW-Eintrittsalter überschritten hat – sogar, wenn er im Ausland lebt. Ein früherer Bezug der Rente ist hingegen ausgeschlossen.

Lange lag das AOW-Eintrittsalter bei 65 Jahren. Da jedoch auch die Niederlande den demografischen Wandel zu spüren bekommen, wird dieses Alter schrittweise angehoben. In 2018 lag es bei 66 Jahren, wird im Jahr 2023 bei 67 Jahren und drei Monaten liegen.

Nach Überschreiten der Altersgrenze wird die Leistung bedingungslos gezahlt, das heißt: ohne Bedürftigkeitsprüfung. Jeder erhält die gleiche Leistung. Unterschiede gibt es nur nach der Form des Zusammenlebens. Die Webseite des für die AOW-Leistung verantwortlichen Sozialversicherungsträgers – zuständig ist die Sociale Verzekeringsbank (SVB) – benennt für eine alleinstehende Person derzeit eine Bruttorente in Höhe von 1.228,22 Euro und eine Nettorente in Höhe von 1.158,22. Müssen doch auf die Bruttorente noch Krankenbeiträge nach dem niederländischen Krankenversicherungsgesetz (Zvw) gezahlt werden. Bei Paaren sinkt der Rentenbetrag. Pro Person besteht hier Anspruch auf 795,69 Euro netto, falls beide Partner schon das Rentenalter erreicht haben.

Finanziert wird die AOW-Leistung einzig durch Beiträge von Arbeitnehmern und Selbstständigen. Arbeitgeber werden hingegen nicht beteiligt. Fällt die Rente zu gering aus, zum Beispiel aufgrund zu kurzer Versicherungszeiten, kann eine zusätzliche Sozialleistung beantragt werden. Sozialhilfe in den Niederlanden liegt jedoch unterhalb des AOW-Rentenniveaus, wird zudem steuerfinanziert. Sowohl Systeme der Sozialhilfe als auch die Hinterbliebenenversorgung (nach Art der deutschen Witwen- oder Waisenrente) sind in den Niederlanden strikt vom AOW-Rentensystem getrennt.

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Der „Milchschaum“ aus dem Cappuccino- System: die betriebliche Altersvorsorge

Betrachtet man die umlagefinanzierte AOW-Rente für sich, will das Rezept wenig munden. „Dünner Kaffee“ wäre dann wohl, im Sinne des Sprachbilds, vorgesetzt. Denn zwar wird die Rente bedingungslos gezahlt. Sie sichert jedoch nur ein geringes Versorgungsniveau, das vergleichbar ist mit der Grundsicherung in Deutschland. Das Geheimnis des niederländischen Erfolgs jedoch liegt am zweiten Bestandteil – bildlich gesprochen an einer großen Menge Milchschaum. Denn weit verbreiteter als in Deutschland ist in den Niederlanden die betriebliche Altersvorsorge. Sogar das Versorgungsniveau von Beamten und Angestellten des Öffentlichen Dienstes wird jenseits der AOW-Leistung durch einen 1996 privatisierten Pensionsfonds abgesichert, dem „Stichting Pensioenfonds ABP“. Hingegen existiert in den Niederlanden keine den deutschen Beamtenpensionen vergleichbare Leistung durch den Staat.