Das Renteneintrittsalter solle an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden und nach 2030 so angehoben, "dass die Relation von Renten- zu Beitragsjahren in etwa stabil bleibt“, fordern die Ökonomen. Demnach müssten Menschen, die nach 2001 geboren werden, bis zum Jahr 2070 mindestens 69 Jahre und vier Monate arbeiten, um ohne Abschlag in Rente zu gehen.

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Der komplette Bundeshaushalt für die Rente?

Konkret hat die Bundesbank ausgerechnet, wie sich die Rente ab 2025 entwickelt, wenn die von der Bundesregierung beschlossene „Doppelte Haltelinie“ wegfällt. Aktuell darf der Beitragssatz zur Rente nicht 20 Prozent übersteigen und das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinken: so hat es die große Koalition beschlossen. Zugleich steigt die Regelaltersgrenze bis 2031 auf 67 Jahre an.

Die Probleme aber sind bekannt: Bald geht die Generation der Babyboomer in Rente, dann verschiebt sich das Verhältnis der Beitragszahler und Ruheständler. Schon Mitte der 30er Jahre müsste der Beitragssatz zur Rente von 18,6 auf 24 Prozent steigen, rechnen die Ökonomen vor, bis 2070 sogar auf 26 Prozent. Hier hat man sich auf die Bevölkerungsprognose für die Bundesrepublik des Statistischen Bundesamtes berufen.

Zugleich müsse auch der Bund immer mehr zuschießen. 2018 waren das mit 83,8 Prozent rund 3,3 Prozent der Bruttowertschöpfung — dieser Wert steige bis 2070 auf 5 Prozent an. Der Staat könne das nur ausgleichen, wenn er auch den Bürgern tiefer in die Tasche greife, etwa durch eine drastische Anhebung der Mehrwertsteuer.

Trotz dieser Teuerung werden die Bürger immer weniger Rente im Verhältnis zu ihrem bisherigen Durchschnittseinkommen erhalten, selbst wenn sie 45 Jahre gearbeitet haben, warnt die Bundesbank. Bis zum Jahr 2070 werde das Rentenniveau auf 40 Prozent sinken. Die doppelte Haltelinie beizubehalten, ist nach Ansicht der Bundesbank keine Option: dann müsste der komplette Bundeshaushalt eines Jahres nur für den Rentenzuschuss aufgebracht werden. Der Bund wäre finanziell handlungsunfähig.

“Wer schwer arbeitet, hat höheres Sterblichkeitsrisiko“

Kritik an den Vorschlägen kam vom Deutschen Gewerkschaftsbund. „Bereits die Rente mit 67 war ein Fehler“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach der Neuen Osnabrücker Zeitung. Das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung sage nichts über die individuelle Lebenserwartung der arbeitenden Menschen aus. "Denn wer schwer arbeitet, hat ein höheres Sterblichkeitsrisiko als der Durchschnitt aller Erwerbstätigen", so Buntenbach.

Viele ältere Arbeitnehmer mit schweren Jobs würden sich bereits heute nur mit Mühe in eine vorgezogene Altersrente retten: mit ALG II, Krankengeld und deutlichen Abschlägen. Für sie sei ein späteres Renteneintrittsalter eine "eiskalte Rentenkürzung".

Damit nimmt die Gewerkschaftlerin Bezug auf Untersuchungen, wonach die Lebenserwartung von Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinander klafft. Laut einer Studie des Max-Planck-Institutes für demografische Forschung in Rostock leben wohlhabende Rentner im Schnitt deutlich länger als Senioren mit kleinem Alterseinkommen:

Im Jahr 2016 hatte ein 65jähriger mit sehr hohem Alterseinkommen im Schnitt noch etwas mehr als zwanzig Jahre vor sich, während Senioren im untersten Einkommens-Fünftel weniger als 16 Jahre Rentenzeit verblieben, bis sie verstarben (der Versicherungsbote berichtete).

Auch frühere Prognosen trafen nicht ein

Zuspruch zu den Forderungen der Bundesbank äußerte hingegen der Arbeitgeberverband BDA. "Die gewonnene Lebenserwartung muss auch zu einer längeren Erwerbsphase führen und darf nicht nur einen immer längeren Ruhestand bedeuten", sagte BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter ebenfalls der Neuen Osnabrücker Zeitung. FDP-Vizefraktionschef Michael Theurer bezeichnete die Debatte gegenüber RND als "wichtigen Beitrag für Generationengerechtigkeit" und forderte, den Renteneintritt flexibler zu gestalten.

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Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt lehnte hingegen die Prognose als zu drastisch ab - und verwies gegenüber "Welt Online" darauf, dass frühere Prognosen, die langfristig drastische Zukunftsszenarien entwarfen, letztendlich nicht eintrafen. So sei 2003 ein Anstieg des Renten-Beitragssatzes bis 2020 auf 20,2 Prozent vorhergesagt worden bei ebenfalls deutlich sinkendem Rentenniveau. Aktuell liege er aber bei 18,6 Prozent bei deutlich höheren Renten - auch, weil die Produktivität der Wirtschaft und damit die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gestiegen sei.