Die Deutsche Bundesbank warnt in ihrem aktuellen Monatsbericht von Juni 2022 erneut davor, dass ausbleibende Reformen im System der gesetzlichen Rente zu gewaltigen Finanzierungsproblemen führen können. In einem Langzeitszenario errechnet das Frankfurter Institut, dass der Beitragssatz zur gesetzlichen Rente bis 2070 auf 29 Prozent steigen müsste, um den jetzigen Status Quo aufrecht zu erhalten. Die Bundesbank unterbreitet zwei Reformvorschläge, ohne jedoch konkrete Handlungsoptionen geben zu wollen.

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Babyboomer gehen in Rente

Die Annahmen, die die Bundesbank für ihre Simulationsrechnungen zugrunde legt, wurden bereits mehrfach kommuniziert. Demnach ist es vor allem das Missverhältnis aus Beitragszahlern und Rentenempfängern, welches das Umlageverfahren der gesetzlichen Rente belastet.

Auch die jetzige Bundesregierung hält demnach bis 2025 an der „doppelten Haltelinie“ fest: das Rentenniveau darf 48 Prozent nicht unterschreiten, der Beitragssatz zur Rente nicht über 20 Prozent steigen. Zudem soll das reguläre Renteneintrittsalter nicht über die derzeit angedachte Zielmarke von 67 Lebensjahren angehoben werden: bei zugleich steigender Lebenserwartung. Bis 2025 wachsen die Renten parallel zu den Löhnen (nach Abzug von Sozialabgaben und Steuern), während das Rentenalter weiter ansteige, berichten die Experten.

Basisszenario bei sinkendem Rentenniveau ab 2025

Die Simulationen der Bundesbank setzen im Jahr 2026 an: nach Ablauf der doppelten Haltelinie. Hierbei wird die derzeit außergewöhnlich hohe Inflation nicht eingerechnet: in der Annahme, dass sie sich wieder normalisiert. Die Bundesbank weist in ihrem Aufsatz darauf hin, dass die Unsicherheit bei langfristigen Vorausberechnungen naturgemäß hoch sei: entsprechend verstehen sich die Rechenmodelle nicht als Prognosen, sondern sollen Entwicklungstendenzen aufzeigen.

Weil eine schwindende Zahl an Beitragszahlern einer steigenden Zahl an Rentnern gegenüber steht, geht die Bundesbank davon aus, dass nach Auslaufen der doppelten Haltelinie das Rentenniveau ab 2025 sinken wird - sofern es keine entsprechende Nachfolgeregelung gibt.

In einem Basisszenario liegt das Versorgungsniveau gegen Ende der 2030er Jahre bei 43 Prozent und im Jahr 2070 nur noch bei 40,45 Prozent. Das Rentenniveau gibt stark vereinfacht das Verhältnis eines Standardrentners zum Durchschnittsverdienst aller Versicherten an - Es wird angenommen, dass der Standardrentner 45 Beitragsjahre zur Rentenkasse vorzuweisen hat und immer den Durchschnittslohn verdiente.

Bei diesem Basisszenario muss jedoch auch der Rentenbeitrag deutlich steigen, um die Altersbezüge der Ruheständler weiter finanzieren zu können. Bis Ende der 2030er Jahre soll er bei circa 23 Prozent des Bruttolohnes liegen, im Jahr 2070 bei 25 Prozent. Zugleich müssten die Bundesmittel in Relation zur Wertschöpfung steigen: um eineinhalb Prozentpunkte gegenüber 2021. Dies entspreche aus heutiger Sicht dem Aufkommen aus vier Prozentpunkten des Umsatzsteuerregelsatzes. Auch diese Steuern, so gibt die Bundesbank zu bedenken, müssten wie die Beiträge von jüngeren Generationen geschultert werden.

Rentenniveau dauerhaft 48 Prozent: Rentenkasse deutlich mehr belastet

In einem zweiten Szenario geht die Bundesbank davon aus, dass das Rentenniveau auch nach 2025 nicht sinkt, sondern dauerhaft bei 48 Prozent festgeschrieben werden soll. Die Lasten verlagerten sich dann noch stärker auf die Beitragszahlenden, die zugleich den Hauptteil des Steueraufkommens leisten. Hier müsste der Beitragssatz zur gesetzlichen Rente 2070 bereits bei 29 Prozent des Bruttolohns liegen: vier Prozentpunkte höher als im erstgenannten Basisszenario.

Zwei Reformvorschläge: Renten an Inflation koppeln und höheres Renteneintrittsalter

Wenn die Bundesbank auch keine Handlungs-Empfehlungen geben will, so präsentiert sie doch zwei Reformoptionen. Eine Option bestehe darin, die individuellen Renten nach Rentenzugang in der Bezugsphase langsamer steigen zu lassen. Weit verbreitet sei hier international der Ansatz, den Anstieg der Renten nicht an die Löhne zu koppeln, sondern an die Inflation mittels eines Index. Das würde Beitragssatz und Steuerzuschüsse langsamer steigen lassen. Einen ähnlichen Vorschlag hatte bereits die Deutsche Rentenversicherung Bund selbst unterbreitet.

Vorbild ist das Rentensystem in Österreich, wo die Renten jährlich nach der Inflationsrate angepasst werden. Allerdings erwerben die Ruheständler im Nachbarland auch deutlich höhere Rentenansprüche. Das Rentenniveau nach 45 Beitragsjahren liegt in Österreich bei 80 Prozent, in Deutschland bei 48,2 Prozent. Grund ist unter anderem, dass Arbeitgeber mehr Beitrag zahlen: und auch Beamte sowie Selbstständige in Österreich rentenversichert sind. Die Bundesbank hält jedoch lediglich die Koppelung der Renten an die Inflation für vorbildhaft - keine anderen Bausteine des österreichischen Rentensystems.

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Auch Reformvorschlag Numero zwei ist wenig originell: Wie viele andere Ökonomen auch, plädiert die Bundesbank für ein höheres Renteneintrittsalter, um das Umlagesystem zu entlasten. Letztendlich müsse aber die Politik entscheiden, wie sie die Lasten der Demografie auf Beitragssatz, Bundesmittel und Renten verteilen wolle.