Solange hingegen intransparente Produkte Misstrauen erregen, reicht ein Beschwören der Vorsorgelücke nicht aus, damit Produkte der Versicherungswirtschaft diese Lücke stopfen. Reagieren Versicherer angemessen auf diesen Umstand? Öffentliche Diskurse der letzten Zeit zur Lebensversicherung und zur Riester-Rente erwecken eher den Eindruck, so mancher Anbieter ist sich seiner Verantwortung kaum bewusst.

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"Run-Offs" und "doppelte Abschlusskosten": Das Spiel mit dem Kunden-Vertrauen

So bestimmten Pläne der Generali, rund vier Millionen hochverzinste Lebensversicherungen an den Run-off-Experten Viridium zu verkaufen, das Bild der Lebensversicherung in der Öffentlichkeit bis hinein in Polit-Talkshows wie „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg. Die Ergo als Konzerntochter der Munich Re plante ähnliches ausgerechnet bei Altverträgen einstiger Traditionsmarken der Ergo Leben und der Victoria – und machte vielleicht nur aufgrund öffentlicher Kritik einen Rückzieher (der Versicherungsbote berichtete).

Zwar mögen viele Ängste der Kunden in Verbindung mit Run-offs unbegründet sein. Das Signal aber ist deutlich: Vertrauen in langjährige Vertragsbindungen wird „belohnt“ durch Auslagerung und Abgabe von Altverträgen, sobald diese den Versicherern unrentabel erscheinen. Oder direkter gesprochen: Die Versicherer wollen sich ihrer Kunden entledigen, weil diese nicht mehr ausreichend Gewinn versprechen.
 Der Verbraucher schließt ja gerade deshalb einen Vertrag bei einem bestimmten Altersvorsorge-Anbieter ab, weil er genau diesem Anbieter vertraut und ihn als Partner für die Altersvorsorge gewinnen will. Laut einer Umfrage von YouGov betrachten folglich 76 Prozent der Sparer den Verkauf an einen Run-off-Anbieter als Vertrauensbruch.

Riester-Rente: Doppelte Abschlusskosten und Intransparenz


Ein solches Bild fataler Außenwirkung verbessert sich auch kaum beim Blick auf die angebotenen Riester-Produkte: Verbraucherschützer kritisieren kontinuierlich hohe Kosten und fehlende Transparenz – wie auch eine aktuelle Kontroverse um eine Studie des verbrauchernahen Bunds der Versicherten (BdV) zeigt. Die Studie trägt den bezeichnenden Titel "Das Kopfkissen - die bessere Riester-Rente?“. Nun mag die Branche beschwichtigen und darauf verweisen, dass bestimmte Vorwürfe der Verbraucherschützer nicht zutreffen. Aber kann sie das wirklich mit gutem Gewissen tun?

Die aktuellen Schlagzeilen jedenfalls werden bestimmt durch juristische Niederlagen der Versicherer aufgrund intransparenter Klauseln und Fehlberechnungen (der Versicherungsbote berichtete), durch doppelte Abschlusskosten (der Versicherungsbote berichtete), durch juristische Niederlagen aufgrund eines – wenngleich auch nur vermeintlichen – „Negativzins“ (wie jüngst bei Spiegel Online). Was aber – abgesehen von Absichtserklärungen und Forderungen an die Politik – noch immer Mangelware ist, sind verständliche Produkte zu geringen Kosten. Ein solches müsste auch jene Vorsorgesparer ansprechen, die durch niedriges Einkommen besonders von einer Versorgungslücke betroffen sind.

Die Versorgungslücke jedenfalls wird durch die Riester-Rente kaum gestopft, zumal jede fünfte Riester-Rente ruhend gestellt ist – die Sparer zahlen also keine Beiträge mehr ein. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linken hervor (der Versicherungsbote berichtete). Aus solchen Fakten aber erwächst eine Gefahr: Ein Staatsfonds wie der schwedische spricht nicht nur Geringverdiener an. Auch weitere Vorsorgesparer könnten weniger in private Vorsorgeprodukte investieren, wenn der Staat Teile der Vorsorge übernimmt.

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Eine "schwedische Lösung" als Konkurrenz sollte die Branche demnach fürchten. Denn ohne Zugeständnisse an Wünsche der Kunden auch mit „kleinem Geldbeutel“ durch ein transparentes und einfaches Riester-Produkt sägen die Versicherer, über kurz oder lang, an einem wichtigen Geschäftszweig.