Die Allianz wird derzeit von einem Betrugsskandal heimgesucht. Die besondere Ironie daran: des Betruges beschuldigt wird ein angesehener Schadensexperte, der selbst damit beauftragt war Versicherungsbetrug zu bekämpfen. Nach Recherchen von WDR und Süddeutscher Zeitung wird dem Betrugsspezialisten vorgeworfen, zwei bis drei Millionen Euro mit erfundenen Anwaltsrechnungen ergaunert zu haben. Der Mann sitze in Untersuchungshaft - um wen es sich genau handelt, wird nicht genannt.

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Betrugsexperte kannte Innenleben des Konzerns

Dem Verdächtigen kam laut den Medienberichten zugute, dass er sich mit dem Innenleben der Allianz bestens auskannte. Genauer gesagt: Mit dessen IT-Struktur und den Wirrungen, die es bedeuten kann, wenn ein altes Betriebssystem auf ein neues umgestellt wird.

Seit einigen Jahren integriert die Allianz ein Betriebssystem namens ABS, was für „Allianz Business System“ steht. Nach Unternehmensangaben kommt es bereits bei 42 Millionen Versicherungsverträgen zum Einsatz. Die Allianz preist das System auch anderen Versicherern als Rundumlösung für das Verwalten von Policen an: es soll auch erlauben, Schäden abzuwickeln und einen Überblick über die ausgezahlten Leistungen zu erhalten.

Das Problem: Wird die Allianz in Rechtsstreite verwickelt oder führt selbst Prozesse gegen ihre Kunden, weil sie Betrug wittert, muss sie laut Recherchen der „Süddeutschen“ noch auf das alte IT-System zurückgreifen. Denn ein Rechtsstreit kann sich über viele Jahre hinziehen, wenn er über mehrere Instanzen ausgefochten wird. Deshalb sind offene Rechtsfälle noch im alten System gespeichert, berichtet die „Süddeutsche“. Auch die Experten für Betrugsbekämpfung arbeiten noch mit der alten IT.

Der betrügende Betrugsexperte soll es nun ausgenutzt haben, dass sich gerade junge Kolleginnen und Kollegen mit dem alten IT-System der Allianz nicht auskennen. So habe er im Zusammenhang mit alten Rechtsstreiten juristische Anfragen bei Anwaltskanzleien erfunden - Kanzleien freilich, die es gar nicht gegeben habe. Die dafür berechneten Honorare habe er auf mehrere eigene Konten umgeleitet. Sieben Jahre konnte der „Betrugsexperte“ im doppelten Wortsinn so unentdeckt agieren, berichten WDR und Süddeutsche.

Dabei habe der mutmaßliche Betrüger äußerst geschickt agiert. Stets soll er nur kleine Beträge in Rechnung gestellt haben: mal 500 Euro, höchstens 2.000 Euro. Für die Allianz sind das Peanuts, bei denen nicht jede Rechnung genauer geprüft wird, so fiel der Betrug jahrelang nicht auf. Erst ab 5.000 Euro hätte ein zweiter Kollege den Auftrag unterzeichnen müssen, heißt es in den Berichten.

Aufmerksamer Kollege überführt Betrüger

Dass der Betrugsexperte letztendlich doch überführt werden konnte, nach sieben langen Jahren, sei einem aufmerksamen Kollegen zu verdanken gewesen. Denn auch das Altsystem sieht laut den Recherchen der beiden Medienhäuser ein Kontrollsystem vor. Per Zufallsverfahren werden Rechnungen mit kleineren Beträgen ausgewählt, die dann doch ein zweiter Kollege gegenzeichnen muss.

Dem Betrugsexperten sei zunächst sein exzellenter Ruf im Unternehmen zugute gekommen, so dass die Mitarbeiter die Rechnungen jahrelang durchgewinkt hätten, ohne sie genauer zu prüfen. Dabei hätte schon eine Google-Suche nach den angeblichen Anwälten die Masche entlarven können: es gab die Kanzleien eben nicht. Dem Betrüger sei bei seinen Machenschaften zugute gekommen, dass er im Unternehmen äußerst beliebt gewesen sei und als ausgewiesener Experte gegolten habe, der auch auf Kongressen die Allianz als Redner vertrat.

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Aber ein aufmerksamer Mitarbeiter sei auf Ungereimtheiten aufmerksam geworden und habe sie der internen Revision gemeldet. Das Ergebnis: eine Anzeige und die fristlose Kündigung des Mitarbeiters. Wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr sitze der mutmaßliche Betrüger nun in Untersuchungshaft. Laut WDR und Süddeutscher hat die Allianz bestätigt, dass es einen entsprechenden Vorfall gebe - diesen aber als Einzelfall abgetan. Dennoch: Es wirft kein gutes Licht auf den Versicherer, dass ein Experte jahrelang betrügen kann und nur durch Zufall auffliegt - in der eigenen Betrugsabteilung.