Versicherungsbote: Unser Thema ist die Zukunft der Lebensversicherung. Wie bewerten Sie die Chancen für die Sparte? Trauen Sie der Lebensversicherung überhaupt eine Zukunft als tragende Säule der Altersvorsorge zu?

Anzeige

Bianca Boss: Die Lebensversicherung ist zur Risikoabsicherung im Todesfall (über Risikolebensversicherungen) und beim Verlust der Arbeitskraft (z.B. über Berufs- und Erwerbsun- fähigkeitsversicherungen) nicht nur sinnvoll, sondern existenziell. Zur Altersvorsorge sind kapitalbildende Lebensversicherungen gänzlich ungeeignet. Mehr noch: nicht mehr nur für die Kunden, sondern auch für die Anbieter ist die kapitalbildende Lebensversicherung als Geschäftsmodell nicht mehr tragfähig – und daraus macht ja selbst die Branche keinen Hehl.

Zukunft LebensversicherungZukunft LebensversicherungBianca Boss BdV Pressesprecherin(c) Bund der Versicherten e. V.

Die Lebensversicherung in Deutschland hat einen existenziellen Kern: Sie verspricht ihren Kunden langfristige – bis hin zu lebenslangen – Renditen. Viele Versicherungsunternehmen wenden sich von den Garantieprodukten ab, immer größere Bestände werden über externe Run-Off-Plattformen abgewickelt und es werden Produkte ohne Garantien aufgelegt – die deutsche Lebensversicherung ist damit entkernt. Aber auch für diese neuen entkernten Produkte, die noch unverständlicher sind und keine langfristigen Renditeversprechen mehr bieten, gilt das gleiche wie für die klassischen Lebensversicherungen: Von solchen Produkten sollten die Verbraucher dringend die Hände lassen.

Nach wie vor halten die Bundesbürger mehr als 90 Millionen LV-Verträge. Der Marktführer Allianz berichtet von zweistelligen Wachstumsraten im Neugeschäft ohne Garantiezins. Haben Sie eine Erklärung, warum die Policen trotz Dauerkritik in den Medien noch immer derart nachgefragt werden?

Die Verbraucher sind in einer Zwickmühle, die politische Ursachen hat: die Niedrigzinspolitik der EZB, Fehlregulierungen und – vorsichtig ausgedrückt – „vertriebsunterstützende“ Politikmaßnahmen. Das äußert sich in einer beschleunigten Vermögenspreisinflation, also „überteuerte“ Immobilien, Aktien und Anleihen, nahezu unverzinste Spareinlagen, intransparente Zertikate etc. In einem derart politisch beschädigten Anlagemarkt sind viele Verbraucher immer noch bereit, sogar kapitalbildende Lebensversicherungen als vermeintlich „kleineres Übel“ zu akzeptieren. Eine einseitige staatliche/ steuerliche Förderung von versicherungsförmigen Altersvorsorgeprodukten wie zum Beispiel Riester und Rürup tut ihr übriges.

Der BdV hat gemeinsam mit Zielke Research die Stabilität der Lebensversicherer anhand der Solvency II-Berichte analysiert. Ein früherer Versicherungs-Vorstand, Sven Enger, behauptet in einem Buch, der Lebensversicherung drohe ein baldiger Crash. Er rät, LV-Verträge zu kündigen. Wie stabil sind die Lebensversicherer?

Wir haben im Juli letzten Jahres die Solvenzberichte der Lebensversicherungsunternehmen unter anderem daraufhin untersucht, ob die Unternehmen über genügend Solvenzmittel verfügen, also auch für Extremszenarien finanziell gut genug ausgestattet sind. Dabei mussten wir feststellen, dass 23 Unternehmen auf die Übergangsregeln angewiesen sind, um überhaupt die Solvenzanforderungen zu bewältigen. Das finden wir besorgniserregend.

Anzeige

Von einer sicheren Branche kann daher keine Rede sein – denn es geht hier nicht um „Momentaufnahmen“, sondern um langfristige – oft sogar lebenslange – Leistungsversprechen, die sichergestellt sein müssen. Von vorschnellen Kündigungen der Verträge raten wir jedoch ab. Es ist nachvollziehbar, dass man als Lebensversicherungskunde sein gutes Geld nicht nochmal schlechtem Geld hinterherwerfen möchte. Es muss sich aber jeder Vertrag einzeln angeschaut werden und Verbraucher sollten sich dazu neutral beraten lassen.