Mit der FiDA-Verordnung nimmt die Open-Finance-Transformation in Europa Gestalt an. Im Zentrum stehen die sogenannten Financial Data Sharing Schemes (FDSS), über die Finanz- und Versicherungsunternehmen künftig gemeinsame Regeln, Standards und Prozesse für den sicheren Austausch von Finanzdaten etablieren sollen. Für Versicherer geht es dabei um weit mehr als die Anbindung neuer Schnittstellen: FDSS werden zu einem zentralen Organisations- und Steuerungsinstrument für Datenzugang, Governance, Sicherheit und Zusammenarbeit im Markt. Die dreiteilige Serie beleuchtet, warum Finanzdatenaustauschsysteme zum entscheidenden Erfolgsfaktor der FiDA-Umsetzung werden, welche Kompetenzen und Strukturen für ihren Aufbau erforderlich sind und wie sich Versicherer bereits heute strategisch auf die Open-Finance-Ära vorbereiten können.

Anzeige

Das Finanzdatenaustauschsystem als zentraler und diskussionsbedürftiger Baustein der FiDA-Regulierung

Die Europäische Union befindet sich aktuell im Trilogverfahren zur Financial Data Access-Verordnung (FiDA). Ziel dieser Gesetzesinitiative ist es, das aus PSD2 bekannte Open-Banking-Regime weiterzuentwickeln und den Weg für ein europaweites Open-Finance-Umfeld zu ebnen. Künftig sollen bestimmte Kundendaten, die aktuell bei einzelnen Finanzinstituten gespeichert und oft nur eingeschränkt portabel sind, auf Wunsch des Kunden auch anderen Marktakteuren zur Verfügung gestellt werden können. Auch der Kunde selbst soll seine Daten elektronisch bei den Finanzinstituten abrufen können, ähnlich dem aus der DSGVO bekannten Mechanismus.

Betroffen sind hier nicht nur Banken und Versicherer, sondern auch Asset Management-Gesellschaften, Anbieter von Krypto-Dienstleistungen, OGAWs und unter bestimmten Voraussetzungen auch Versicherungsvermittler.

Johannes Neumeyer leitet die Gruppe für Insurance Strategy bei Accenture in DeutschlandJohannes Neumeyer leitet die Gruppe für Insurance Strategy bei Accenture in DeutschlandAccenture

Dr. Timo Biskop ist Experte für Versicherungsvertrieb und die FiDA-Regulierung bei Accenture in DeutschlandDr. Timo Biskop ist Experte für Versicherungsvertrieb und die FiDA-Regulierung bei Accenture in DeutschlandAccenture

Im Vordergrund der öffentlichen Debatte stehen häufig der Datenzugang, der Kundennutzen oder neue Geschäftsmodelle. Aus unserer Sicht entscheidet sich der Erfolg von FiDA jedoch an einer anderen Stelle: bei den sogenannten Financial Data Sharing Schemes (FDSS), also den Finanzdatenaustauschsystemen. Diese sollen die organisatorischen, technischen und wirtschaftlichen Grundlagen für den Datenaustausch schaffen. Das macht sie nicht nur zu einem technischen Detail, sondern zu einem zentralen Baustein der FiDA-Regulierung.

FDSS operationalisieren das FiDA-Regime

Die FDSS sollen sicherstellen, dass die Datentransfers zwischen Dateninhabern und Datennutzern auf Basis gemeinsamer Regeln und Standards stattfinden. Damit werden sie zum zentralen Knotenpunkt zwischen allen involvierten Marktakteuren. Für ihren Aufbau und Betrieb müssen sich Unternehmen und Branchen auf gemeinsame Prozesse, Modalitäten und Konditionen verständigen.

Neben der Frage, ob die Versicherungsbranche künftig mit einem oder mehreren Finanzdatenaustauschsystemen arbeiten möchte, steht derzeit vor allem eine andere Frage im Mittelpunkt: Was genau ist eigentlich ein FDSS? Über seine konkrete Ausgestaltung, seine einzelnen Facetten und die erforderlichen Funktionen wird intensiv diskutiert. Ein genauer Blick auf den bisherigen Gesetzesentwurf zeigt, dass es hier noch Interpretationsspielräume gibt, die bislang nicht abschließend geklärt sind. Umso wichtiger ist es, frühzeitig ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Denn nur wenn sich die Marktteilnehmer auf interoperable Standards, klare Rollen und gemeinsame Rahmenbedingungen verständigen, kann die Einführung von FiDA gelingen.

Interpretationen der Finanzdatenaustauschsysteme sind bislang nicht eindeutig formuliert

Die bestehenden Unschärfen überraschen nicht. Denn einerseits sind die unterschiedlichen Anforderungen an den Finanzdatenaustausch komplex. Andererseits liegt es in der Natur der europäischen Regulierung, dass viele Umsetzungsdetails bewusst offen bleiben und erst durch den „Markt“ konkretisiert werden. Genau darauf setzt auch FiDA. Die künftigen Rahmenbedingungen sollen maßgeblich von den beteiligten Akteuren ausgestaltet werden.

Dabei prallen derzeit unterschiedliche Denkschulen aufeinander. Wer Erfahrung aus dem PSD2-Umfeld mitbringt, betrachtet FDSS häufig durch die Brille des Open Banking. Andere orientieren sich enger am aktuellen FiDA-Entwurf und sehen bewusst Raum für neue Ansätze. Beide Perspektiven haben ihre Berechtigung. Entscheidend wird sein, die wertvolle PSD2-Lernkurve zur Umsetzung zu nutzen, ohne die Gestaltung von FiDA in bestehende Denkmuster zu zwängen. Die Branche sollte von den bisherigen Erfahrungen profitieren und gleichzeitig offen dafür bleiben, neue Ansätze und Möglichkeiten zu entwickeln, die über PSD2 hinausgehen.

FDSS sind deutlich mehr als eine technische Schnittstelle

Wer bei einem Finanzdatenaustauschsystem ausschließlich an APIs denkt, greift zu kurz. Tatsächlich müssen vier Dimensionen zusammengebracht werden: Dazu müssen organisational-institutionelle, technologisch-standardisierende sowie datenmodell-standardisierende Aspekte des Finanzdatenaustauschs gedanklich miteinander verbunden werden. Hinzu kommen die Monetarisierung und Abrechnung der Datentransfers, inklusive eines Clearingmechanismus als wesentliche Facetten und Funktionsanforderungen.

Offen sind dabei unter anderem Fragen nach den konkret zu teilenden Datenpunkten, den technischen Spezifikationen des Datenaustauschs, dem zugrundeliegenden Datenmodell, dem organisationalen Rahmen sowie Regelungen zur Vergütung und Abrechnung von Datentransfers. Gerade deshalb wird das Finanzdatenaustauschsystem zum vielleicht wichtigsten Baustein der gesamten FiDA-Regulierung.

Mitgestalten statt zuschauen

Für Versicherer bedeutet das vor allem eines: Das komplexe Vehikel „Finanzdatenaustauschsystem“ wird zum wohl bedeutsamsten Aspekt von Open Finance – und dessen frühzeitiges Verständnis zum Erfolgsfaktor für Finanzinstitute. Jetzt werden die Grundlagen geschaffen, die später für alle Marktteilnehmer gelten werden. Unternehmen müssen entscheiden, ob sie sich frühzeitig in die Diskussion einbringen und den Markt aktiv gestalten wollen. Wer abwartet, wird sich voraussichtlich an Standards orientieren müssen, die andere definiert haben.

Genau deshalb lohnt sich schon heute ein genauer Blick auf die Anforderungen an Finanzdatenaustauschsysteme. Denn ohne ein gemeinsames Verständnis, interoperable Standards und eine tragfähige Governance wird die Einführung von Open Finance kaum gelingen.