Lebensversicherung: Warum der Aufschwung der Branche trügt
Die deutschen Lebensversicherer profitieren wieder von höheren Zinsen und einer robusten Kapitalausstattung. Gleichzeitig wachsen stille Lasten, der Kostendruck nimmt zu und die Altersvorsorgereform dürfte den Wettbewerb ab 2027 deutlich verschärfen.

Das Analysehaus Assekurata hat sich das Marktumfeld der deutschen Lebensversicherer angeschaut. Demnach starten die Gesellschaften aus einer deutlich besseren finanziellen Ausgangslage in die kommenden Jahre. So bleibt die Entwicklung der Kapitalmärkte nach Einschätzung der Kölner Rating-Agentur der wichtigste Einflussfaktor für die Lebensversicherung. Während Neu- und Wiederanlagen inzwischen wieder attraktive Erträge ermöglichen, bergen steigende Zinsen zugleich Risiken für die Bestände.
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„Höhere Zinsen stärken die Neuanlagerenditen und entlasten die Finanzierung der Garantien", erläutert Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. „Sie belasten aber die Marktwerte bestehender Anleiheportfolios, wodurch sich die hohen stillen Lasten verfestigen würden“
Tatsächlich erreichten die stillen Lasten der Branche zum Bilanzstichtag 2025 mit rund 100 Milliarden Euro nahezu wieder das Niveau des bisherigen Höchststands aus dem Jahr 2022. Gleichzeitig sinkt der Bestand der Zinszusatzreserve weiter und liegt erstmals wieder unter 80 Milliarden Euro. Die frei werdenden Mittel stärken gemeinsam mit den höheren Kapitalerträgen die Rohüberschüsse der Versicherer.
Die verbesserte Ertragslage spiegelt sich nach Angaben von Assekurata auch in der bilanziellen Umsatzrendite wider. Sie liegt inzwischen bei rund 18 Prozent, nachdem sie während der Niedrigzinsphase zeitweise unter zehn Prozent gefallen war. Ab 2027 rechnet die Ratingagentur mit weiter steigenden Rückflüssen aus der Zinszusatzreserve, wodurch die Umsatzrendite an die Marke von 20 Prozent heranreichen könnte.
Solvenzquoten auf Rekordniveau
Auch die Kapitalausstattung der Branche präsentiert sich stabil. Ende 2025 lag die durchschnittliche Solvenzquote der deutschen Lebensversicherer bei knapp 380 Prozent und damit deutlich über dem Vorjahreswert von 298 Prozent. „Die Solvenzlage ist ein klarer Stabilitätsanker der Branche. Eine knapp vierfache Überdeckung der Mindestanforderung ist ein klarer Beleg dafür, dass die Lebensversicherer aufsichtsrechtlich stark kapitalisiert sind“, sagt Heermann. Gleichzeitig weist Assekurata darauf hin, dass Solvenzquoten stark auf Veränderungen bei Zinsen, Kapitalmärkten oder Stornoverhalten reagieren können und deshalb stets im Gesamtzusammenhang bewertet werden sollten.
Neben Kapitalanlage und Solvenz sieht Assekurata vor allem die Kostenentwicklung als Herausforderung. Die Verwaltungskosten je Vertrag sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und liegen mittlerweile bei rund 27 Euro. Gleichzeitig schrumpft der Vertragsbestand seit Jahren. Hinzu kommt, dass das Wachstum weiterhin überwiegend von Einmalbeiträgen getragen wird, während die laufenden Beiträge nahezu stagnieren. „Die verbesserte Ertragslage darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Geschäftsmodelle auf der Kostenseite strukturell angespannt sind“, warnt Heermann.
Reform der Altersvorsorge verschärft den Wettbewerb
Ab 2027 dürfte nach Einschätzung von Assekurata vor allem die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge den Markt verändern. Neue Depot-, Fonds- und Plattformlösungen sollen stärker mit klassischen Versicherungsprodukten konkurrieren. Gleichzeitig werden Kosten, Transparenz und digitale Abschlussstrecken stärker in den Mittelpunkt rücken. Für die Lebensversicherer bedeutet das auch, den Nutzen lebenslanger Rentenzahlungen besser zu vermitteln. „Die lebenslange Verrentung ist kein Relikt aus alten Zeiten, sondern ein Kernnutzen der Lebensversicherung. Allerdings gerät sie stärker unter Erklärungsdruck und muss im Kundengespräch plausibel erläutert werden“, betont Heermann.
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Kritisch bewerten die Analysten zudem das geplante staatliche Standardprodukt für die geförderte Altersvorsorge. Aus Sicht der Ratingagentur müsse sichergestellt werden, dass für staatliche und private Angebote dieselben Anforderungen an Kapitalanlage, Transparenz, Produkthaftung und Informationspflichten gelten. Zudem geht Assekurata derzeit nicht davon aus, dass ein staatliches Angebot bereits Anfang 2027 verfügbar sein wird.
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Trotz der verbesserten finanziellen Situation sieht Assekurata keinen Automatismus für neues Wachstum. Die Branche müsse ihre traditionellen Stärken mit den Anforderungen einer zunehmend kapitalmarktnahen und digitalen Altersvorsorge verbinden. „Insgesamt haben die Lebensversicherer wieder mehr finanzielle Bewegungsfreiheit. Doch daraus entsteht kein Automatismus für neues Wachstum. Die Branche muss jetzt beweisen, dass sie ihre Stärken in eine einfachere, transparentere und kapitalmarktnähere Vorsorgelogik übertragen kann“, fasst Heermann zusammen.
