Laut Frank Grund, dem obersten Versicherungsaufseher bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), würde die Zahl der digitalen Versicherer in Deutschland stetig wachsen. Das äußerte der Exekutivdirektor der Versicherungsaufsicht in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin „Capital“ mit der Druckausgabe des Blattes wurde das Interview gestern veröffentlicht. So hätte man in den vergangenen beiden Jahren bereits vier Lizenzen für digitale Start-ups im Versicherungsbereich vergeben, zwei weitere Anträge würden vorliegen. Laut Grund ein Rekordwert. „Der Wille und das Kapital scheinen also da zu sein“, schlussfolgert Grund gegenüber seiner Interviewpartnerin.

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Welche Versicherer das gewesen sind, sagt Grund nicht. Doch bei den Anbietern dürfte es sich um Friday, Element, Nexible, Ottonova und Coya handeln, die alle in den letzten Jahren eine Lizenz für den Versicherungsvertrieb erhalten haben: Das wären sogar fünf Versicherer.

Der Weg über die BaFin-Lizenz ist nicht die einzige Möglichkeit, unter eigenem Namen Versicherungen anzubieten. So verzichtet zum Beispiel das Start-up Getsafe auf eine solche Lizenz und bietet Versicherungen über White-Label-Lösungen an: im Hintergrund für die eigenen Tarife stehen andere Versicherer. Auch der Digitalversicherer hat keine solche Lizenz, denn er sitzt in Liechtenstein (der Versicherungsbote berichtete).

Kein Aufsichts-Rabatt für Start-ups

Die Maßstäbe, die man an die neu gegründeten Digital-Anbieter anlegen würde, unterscheiden sich jedoch nicht von jenen gegenüber etablierter Unternehmen, wie Frank Grund in dem Interview beteuerte. So müssten die neu gegründeten Unternehmen zum Beispiel ihre Finanzierung für mindestens drei Jahre sicherstellen. Grundsätzlich gilt: Es gäbe von der Aufsicht „keinen Rabatt für Start-ups“. Solle doch jeder Kunde „sicher versichert“ sein.

Freilich ist in diesem Kontext auch darauf hinzuweisen: Bei Start-ups mit Kerngeschäften im Versicherungsbereich wie dem digitalen Versicherer Coya mögen etablierte Maßstäbe gut passen. Besonders treibe die Behörde momentan ein anderes Problem um, wie erst neulich BaFin-Präsident Felix Hufeld berichtete: Drängen doch auch "Big Techs" wie Google und Amazon zunehmend auf den Versicherungsmarkt. Das seien Unternehmen, die "keine klassischen Banken und Versicherer sind" und die zudem über große Daten- und Geschäftsmonopole verfügen. Laut Bericht der Börsenzeitung nimmt die BaFin auch diese Unternehmen zunehmend ins Visier.

Hufeld sagte, man wolle diese Big Techs "nicht als Ganzes beaufsichtigen", sondern "spezifische Verhaltensweisen" und deren Auswirkungen auf das Marktgeschehen analysieren. Dahinter könnte auch eine gewisse Hilflosigkeit stehen. Sind die "Big Techs" den traditionellen Maßstäben der Finanzaufsicht durch ihre Marktmacht doch längst entwachsen, was zu neuen Herausforderungen für die Behörde führt. Hier wird die Zukunft zeigen, ob die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht nicht zu manch unfreiwilligem "Rabatt" gezwungen ist, wenn die großen Monopole ihre Marktmacht geltend machen.

Nicht viel Innovatives bei neuen Produkten

Ganz andere Bedenken hingegen äußerte Exekutivdirektor Frank Grund im aktuellen Interview, und zwar bezüglich des Innovationspotenzials neuer Versicherungsprodukte. So könne er zum Beispiel nicht glauben, dass sich situative Angebote durchsetzen würden wie zum Beispiel eine "Tagespolice für Skifahrer, die schon oben am Hang stehen". Der oberste deutsche Versicherungsaufseher gestand gegenüber dem Wirtschaftsblatt: „So viel Innovatives“ habe er da noch nicht gesehen.

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Das vollständige Interview mit Frank Grund, Exekutivdirektor der Versicherungsaufsicht bei der BaFin, ist in der neuen Druckausgabe des "Capital"- Magazins enthalten und kann als kostenpflichtiges Printangebot auch Online bestellt werden.