Versicherungsbote: Herr Kosic, welchen Beitrag liefert CANATICS zur Bekämpfung von Betrugsfällen in der Versicherungswirtschaft?

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Ben Kosic: Zusammen mit unserem Partner, BAE Systems Applied Intelligence, haben wir eine Anwendung auf den Markt gebracht, welche dazu dient, Fälle von Versicherungsbetrug aufzudecken, indem sie auf Daten von verschiedenen Versicherungen zugreift. Um zu verstehen, wie die Software funktioniert, muss man zunächst verstehen, wie die Betrüger arbeiten. Sie vermeiden es entdeckt zu werden, indem sie ihre illegalen Aktivitäten auf viele Versicherungen verteilen. Sie betrügen eine Versicherung nach der anderen. Bei jeder neuen Versicherung verändern sie die Informationen über sich selbst, so dass sie nicht mit vergangenen Aktivitäten in Verbindung gebracht werden können. Im Laufe der Zeit entsteht so ein komplexes Netzwerk illegaler Aktivitäten. Leider kann eine einzelne Versicherung nur einen kleinen Ausschnitt aus diesem Netzwerk sehen. Es ist als würde man durch ein Schlüsselloch schauen. Hier kommt CANATICS ins Spiel. CANATICS übernimmt für die Versicherungen, was diese selbst nicht können, nämlich das gesamte Bild zu sehen.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit den kanadischen Versicherern vorstellen?

Unsere Partner, die Versicherungsgesellschaften, senden uns Datenelemente zu Versicherungspolicen und den sich daraus ergebenden Ansprüchen im Schadensfall. Die von uns in Kooperation mit dem Software-Partner herausgebrachte Anwendung verbindet nun Daten mit Personen (Anspruchsstellern), Orten und Umständen, die mit den Ansprüchen von Versicherungsnehmern gegenüber ihren Gesellschaften in Verbindung stehen. Diese -wie ich finde sehr anspruchsvolle- Anwendung zeigt somit Verknüpfungen zwischen Daten auf, welche jeder Versicherer allein für sich nicht sehen könnte. Die gemeinsamen Daten werden schließlich analytisch ausgewertet.

Im Falle einer mutmaßlich inszenierten Kollision betrachtet die Software die Schwere des Schadens, die Anzahl der involvierten Personen, die Art der Verletzungen, die Höhe der geforderten Unfallentschädigung, historische Daten (bezüglich Personen und Fahrzeug) und sucht nach Widersprüchen und Auffälligkeiten, die auf einen Betrugsfall hinweisen.
Wenn ein Schadensanspruch als potenziell verdächtig identifiziert wird, wird eine Warnung an die betroffene Versicherung gesendet. Es ist dann am Versicherer zu entscheiden, ob sie der Meldung nachgeht. Die Software kann Auffälligkeiten sehr genau anzeigen, denn sie schickt erst dann eine Meldung an den Versicherer, wenn mehrere ungewöhnliche Indikatoren über eine Schadensmeldung vorliegen oder es starke Indizien auf eine Bandentätigkeit gibt. Demzufolge generiert das Tool nur aus einem sehr kleinen Prozentsatz der Ansprüche auch eine Warnung. Hier ist dann die Aufgabe von CANATICS abgeschlossen.

CANATICS ist ein gemeinnütziges Unternehmen. Wie funktioniert das Geschäftsmodell?

Juristisch sind wir eine eigenständige Organisation. Finanziert werden wir von den Unternehmen, die sich an CANATICS beteiligen. Jeder Versicherer, der unser System benutzt, stellt ein Vorstandsmitglied, welches im Aufsichtsrat sitzt. Um zukünftige Lösungsvorschläge zu erarbeiten, arbeite ich eng mit dem Rat zusammen. Ich bin außerdem für die Haushaltsführung der Organisation verantwortlich. Es ist also simpel: die Versicherer bezahlen uns für das, was wir Ihnen gebaut haben.

Wie kamen Sie auf die Idee, solch eine Software zur Betrugserkennung zu entwickeln?

Die Idee kam vor sechs oder sieben Jahren in der Versicherungswirtschaft selbst auf. Initiiert wurde es von einem Verband namens Insurance Bureau of Canada. Als Vereinigung repräsentiert es Kanadas Versicherer für die Sparten privates Wohnen, Auto- und Gewerbeversicherung, ähnlich dem Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) in Deutschland.

Innerhalb des Insurance Bureau of Canada gab es bereits eine Abteilung für Kriminalitätsbekämpfung. Diese koordinierte vormalige Untersuchungen sowie den Austausch zwischen den Versicherungen und der Polizei - die kanadische RCMP (Royal Canadian Mounted Police, deutsche Kurzbeschreibung ETWA "königliche kanadische berittene Polizei"). Schon sie nutzten damals ein Netzwerk-Analyse-Tool, welches es vermochte, Informationen über Auffälligkeiten bei der Schadensregulierung zu sammeln und auszutauschen. So kam die Idee auf.

Im Jahr 2010 beschloss eine Gruppe von Versicherungen, die Betrugsbekämpfung in größerem Umfang zu betreiben und das führte zu einer erfolgreichen Machbarkeitsstudie mit BAE Systems, die etwa zwei Jahr in Anspruch nahm und zur Gründung von CANATICS führte.

Hierfür wurde eine ungeheure Datenmenge von mehreren Versicherern ausgewertet. Grundgedanke war damals wie heute: Wenn wir alle zusammenarbeiten, werden wir mehr Betrugsfälle aufdecken, als wenn das jeder Versicherer auf seine eigene Art versucht. Die Gründung eines eigenen Unternehmens war die logische Konsequenz, und aufgrund meiner Erfahrung bei der Unternehmensberatung KPMG wurde ich mit der Führung von CANATICS beauftragt.

"Ich bin ein großer Fan internationaler Zusammenarbeit“

Arbeiten Sie bereits mit deutschen Versicherern zusammen?

Derzeit nicht. Zum einen sind die Datenschutzgesetze hierzulande äußerst streng und erschweren das Sammeln und Auswerten von Daten. Aber ich bin ein großer Fan, wenn es um das Thema Zusammenarbeit geht. Je mehr Zuständigkeits-Bereiche in der ganzen Welt an einem Projekt wie CANATICS mitwirken, desto eher können wir auch die Regierungen überzeugen, gemeinsame Standards zur Bekämpfung von Versicherungsbetrug zu etablieren, auch mit Blick auf den Datenschutz.

Außerdem wäre es natürlich auch für uns besser, wenn es an anderen Orten in der Welt Leute gibt, die für die gleiche Sache einstehen. Großbritannien ist schon dabei, die USA haben vergleichbare Möglichkeiten. Weitere Länder, die in Gesprächen Interesse bekundet haben, sind Belgien, Australien und Malaysia. Es gibt viele ähnliche Projekte in der Welt, mit denen wir unsere Erfahrungen teilen können. Im internationalen Vergleich sehe ich uns derzeit als führende Organisation. Das liegt auch an der Tatsache, dass die Versicherungsgesellschaften, mit denen wir zusammenarbeiten, die verdächtigen Ansprüche direkt einsehen können.

Wie viele Betrugsfälle konnten in Kanada bereits aufgedeckt werden?

Leider sind dazu noch keine Statistiken verfügbar. Gerade sind wir dabei, Feedbacks von den Versicherern einzuholen. Eins nach dem anderen - Zunächst musste ich die Versicherer ja davon überzeugen, uns die Daten für die Zusammenarbeit zu geben, damit wir sie auswerten können. Im nächsten Schritt muss ich sie jetzt überzeugen, uns erneut möglichst viele Details mitzuteilen, damit wir den Erfolg des Programms evaluieren können. Hierfür müssen die Versicherer sensible Daten liefern, die wettbewerbskritisch sind. Erst wenn das erfolgt ist, können wir die Ergebnisse nutzen, um den Nutzen des Modells noch weiter zu steigern.

Kann es passieren, dass Kunden ungerechtfertigt eines Betruges beschuldigt werden?

In unserer Vereinbarung mit den Versicherern steht ausdrücklich, dass sich der Versicherer in keinem Fall lediglich auf einen Hinweis des Systems verlassen darf. Anschließend müssen weitere Untersuchungen angestellt werden. Die Zahl der Verdachtsmomente muss ausreichend hoch sein und weitere Beweise gesammelt werden, damit jemand der Betrügerei überführt werden kann.

Wie wird der Datenschutz garantiert?

Wir in Kanada haben ähnliche, aber wahrscheinlich weniger restriktive Datenschutz-Gesetze als in Deutschland. Die Vorgabe lautet, dass wir die Daten nur für einen bestimmten Zweck nutzen dürfen. Zusammen mit der kanadischen Regierung und der Datenschutz-Kommission in Ontario haben wir daher eine gemeinsame „Sprache“ entwickelt zur Anwendung in Policen und Anspruchsformularen. Diese besagt, dass die Kundendaten ausschließlich dem Betrugsschutz und Daten-Pooling zur Verfügung gestellt werden. Damit entspricht es den Datenschutz-Bestimmungen.

Zu den Datenschutz-Vorkehrungen zählt auch, dass der einzelne Versicherer nicht die Gesamtheit der Auswertungen sehen kann. Jeder Versicherer hat nur Zugriff auf seinen eigenen Anspruchsteller. Wir nennen das „Data-Masking“. Hinter den Kulissen können wir etwa feststellen, dass ein Anspruchsteller mit zwei unterschiedlichen Namen bei zwei Versicherern Ansprüche stellt. Dem Versicherer wird dies dann lediglich als ein Objekt in Verbindung zu zwei Ansprüchen dargestellt. Versicherer A sieht also nur die Daten, die er zur Verfügung gestellt hat, gleichsam wie Versicherer B. Es geht uns darum, dass sie den Kontext sehen und weiter nachforschen können.

Warum sollten Versicherer die Anwendung nutzen?

Ich erkläre unser Leistungsversprechen bezogen auf die eingeschränkten Ressourcen, die den Versicherern bei der Schadenprüfung zur Verfügung stehen. Unsere Technik ermöglicht es, Ihre begrenzten Ressourcen gezielt auf die Fälle zu konzentrieren, die die höchste Betrugswahrscheinlichkeit und das höchste Einsparungspotential aufweisen. Mit nur einem Ermittler können sie vielleicht drei Fälle pro Woche erarbeiten. Die Versicherungen können dann eigenständig entscheiden, welche Fälle sie untersuchen wollen und in welchem Maße sie diesen Fällen weiter auf den Grund gehen möchten.

Außerdem schaffen wir Synergien. Hinter vielen Delikten stehen bestens organisierte Betrugsnetzwerke. Wir erschweren ihnen die Arbeit, wenn wir aufzeigen können, bei welchen Versicherern sie gleichzeitig Ansprüche stellen. So werden Versicherungsansprüche der Betrüger zukünftig nicht mehr nur von einzelnen Gesellschaften, sondern vermehrt abgelehnt.

Welche zukünftigen Pläne verfolgen Sie? Sind Applikationen auch für andere Sparten geplant?

In Kanada, ja! Hier beliefern wir inzwischen 75 Prozent der Versicherungswirtschaft, was wir zukünftig ausbauen wollen. Ich bin zuversichtlich, dass wir das, was wir bis jetzt etabliert haben, bis zu einem gewissen Grad auch in andere Geschäftsfelder überführen können. Ein Beispiel ist das Einreichen von falschen Ansprüchen bei Lebens- und Krankenversicherungen, sowie bei Entschädigungszahlungen an Arbeitnehmer. . Unserer Vermutung nach wird auch im klinischen Bereich sehr viel betrogen.

...und in Deutschland?

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Voraussichtlich wird es einige Herausforderungen beim Thema Datenschutz geben. Dafür wird jemand mit der Regierung zusammenarbeiten müssen. Sie müssen zunächst davon überzeugt sein, dass der Betrug ein ausreichend großes Problem darstellt, um auch politisch behandelt zu werden. Bestenfalls bewilligen sie am Ende Hilfe, die es erlaubt die Daten für einen ganz speziellen Zweck zu kombinieren und auszuwerten.