Die Bundestagswahl im September wirft ihren Schatten voraus – und die Ärzte machen schon einmal deutlich, was sie von der neuen Bundesregierung erwarten. In einem Positionspapier fordert die Kassenärztliche Bundesvereinigung neue Instrumente, um die Zahl der Arztbesuche zu verringern. Zukünftig sollen Patienten nur noch mit der Überweisung vom Hausarzt zum Facharzt gehen können.

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“In Deutschland ist die Anzahl der Arzt-Patienten-Kontakte überdurchschnittlich hoch“, sagte KBV-Chef Andreas Köhler der Welt. Dies führe zu langen Wartezeiten der Patienten, speziell beim Facharzt. Damit sich die Wartezimmer leeren, setzt Köhler auf das Prinzip der finanziellen Abschreckung. Patienten sollen zunächst in Vorkasse gehen und die Behandlung selbst zahlen, wenn sie ohne Überweisung ihres Hausarztes einen Facharzt aufsuchen. Später können sie sich die Kosten von ihrer Krankenkasse zurückerstatten lassen. Diese Maßnahme soll bewirken, dass Kranke nicht bei jedem Zipperlein die Wartezimmer blockieren.

Die Bundesbürger gehen durchschnittlich 18mal im Jahr zum Arzt

Laut dem Arztreport der Barmer GEK gehen die Deutschen im Schnitt 18 Mal pro Jahr zum Arzt. Diese Zahl sei unnötig hoch, weil Patienten selbst bei Bagatellfällen wie etwa einer leichten Erkältung in die Praxen strömen, kritisieren Ärzteverbände. Denn die medizinische Versorgung leidet unter der Masse der Arztbesuche. Nach Schätzungen der Krankenkassen behandelt jeder Mediziner im Schnitt 42 Patienten am Tag. Pro Krankheitsfall bleiben da weniger als 10 Minuten Behandlungszeit - zu wenig für eine hochwertige Betreuung. Der KBV spricht sogar von einer „Fließbandmedizin“.

So war es ein wichtiges Ziel der Praxisgebühr unter der Regierung Gerhard Schröder, die Gesamtzahl der Arztbesuche zu reduzieren. Die Versicherten sollten Fachärzte mit vergleichsweise teuren Behandlungen möglichst nur nach Überweisung durch den Hausarzt aufsuchen, weil dieser sachverständig für die Auswahl eines geeigneten Fachkollegen sei. Nach dem Wegfall der Gebühr entfällt diese Regulierungsfunktion – auch, weil sie nicht die gewünschte Wirkung zeigte. Keineswegs war in Zeiten der Praxisgebühr ein deutlicher Rückgang der Patientenzahlen zu beobachten.

Andreas Köhler schlägt nun einschneidende Änderungen bei den Krankenkassentarifen vor, um dem Problem unnötiger Arztbesuche Herr zu werden. Zukünftig soll es drei Wahltarife geben: Neben dem Standardtarif – Facharzt nur mit Überweisung – könne sich der Versicherte auch entscheiden, einen Facharzt generell nur mit Kostenerstattung zu konsultieren, so dass der Patient in jedem Fall die Behandlungskosten vorschießen muss. Ein teurer „Luxustarif“ erlaubt es dem Patienten, wie bisher frei zwischen Hausarzt und Facharzt zu wählen.

GKV-Verband sieht Grundpfeiler der Krankenvorsorge gefährdet

Wie realistisch ist aber die Idee, dass Patienten den Facharzt zunächst aus eigener Tasche bezahlen? Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) reagierte wütend auf den Vorstoß der Kassenärzte. „Mit den Vorschlägen wird an den Grundpfeilern der gesetzlichen Krankenversicherung gerüttelt“, sagte GKV-Sprecher Florian Lanz der Welt: „An der freien Arztwahl und an dem Prinzip, dass die Krankenkassen die Sachleistungen des Arztes erstatten.“

Zudem sind Situationen vorstellbar, in denen es sinnvoll ist direkt einen Facharzt aufzusuchen, etwa bei einer Netzhautablösung oder einem Gehörsturz. Sollen die Patienten in solchen Fällen dafür bestraft werden, dass sie ohne Umweg einen Facharzt aufsuchen? Zwar betont KBV-Chef Köhler, dass Fachärzte mit „primärärztlichen Versorgungsfunktionen“ wie Augen- und Frauenärzte auch weiterhin ohne Bezahlung konsultiert werden können. Aber wo zieht man da die Grenze? Und unter welchen Umständen darf ein Facharzt die Behandlung eines Patienten verweigern, wenn dieser offensichtlich nicht die finanziellen Mittel hat, um in Vorkasse zu gehen?

Im schlimmsten Fall könnten alle die Verlierer sein, sollte sich der Kassenärztliche Bundesvereinigung mit ihren Forderungen durchsetzen. Die Ärzte, weil sie wieder jenen enormen Verwaltungsaufwand fürchten müssen, welcher mit der Abschaffung der Praxisgebühr beseitigt schien. Die Patienten, weil sie teils hohe Behandlungskosten vorschießen müssen und neue Unsicherheiten entstehen, welchen Arzt sie besuchen dürfen oder nicht, sie sich zudem darum kümmern müssen, das Geld von der Krankenkasse wiederzuholen. Aber auch die Krankenkassen, denen ebenfalls ein zusätzlicher Verwaltungsaufwand entsteht – voraussichtlich in Millionenhöhe.

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GKV-Verband kritisiert: “Griff ins Portemonnaie des Patienten"

Es sei offensichtlich, dass es der KBV bei ihrem Vorstoß nur darum gehe, mehr Geld in das System zu bekommen, kritisiert Kassenvertreter Lanz das Positionspapier. Die Kostenerstattung sei der erste Schritt hin zum Zugriff des Arztes auf das Portemonnaie des Patienten. Auch wenn man diese Einschätzung nicht teilt, so bleibt die Kassenärztliche Bundesvereinigung ihrem Prinzip treu, möglichst schrill für die Interessen der eigenen Klientel einzutreten. Als im September 2012 die Honorarverhandlungen für Kassenärzte nicht zum gewünschten Ergebnis führten, drohte der Verband nicht nur mit Streiks – sondern auch mit der Aufkündigung der gesamten Krankenversorgung.