Die Rentendebatte hat einen neuen Fixpunkt: Bundeskanzler Friedrich Merz machte beim Jahresempfang des Bundesverbands deutscher Banken deutlich, dass die gesetzliche Rente künftig vor allem Basisabsicherung sein werde, nicht aber Garant für den gewohnten Lebensstandard. „Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter. Sie wird nicht mehr ausreichen, um den Lebensstandard zu sichern“, sagte Merz laut dpa. Zugleich forderte er, kapitalgedeckte Elemente in der betrieblichen und privaten Altersvorsorge deutlich zu stärken.

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Genau an diesem Punkt setzt Dr. Matthias Wald, Leiter Finanzvertrieb und CMO bei Swiss Life Deutschland, im Podcast „Die Versicherungsbranche in 2030 Tagen“ an. Für ihn reicht es nicht mehr, Altersvorsorge nur als Ansparprozess zu verstehen, sondern auch berücksichtigen, was nach dem Renteneintritt geschieht. „Die Branche muss mal anfangen, nicht nur über Sparen, sondern auch über das Entsparen zu reden.“ Wie wird Vermögen planbar verbraucht? Wie lange muss es reichen? Und welche Rolle spielen Vererben und Schenken in einer alternden Gesellschaft?

Demografie macht Altersvorsorge zur Lebensplanung

Der Handlungsdruck entsteht vor allem aus zwei Entwicklungen: Menschen leben länger, zugleich werden in Deutschland zu wenige Kinder geboren, um das umlagefinanzierte Rentensystem dauerhaft im bisherigen Verhältnis zu stabilisieren. Für die private und betriebliche Altersvorsorge bedeutet das: Es geht nicht mehr nur darum, Kapital aufzubauen. Es geht darum, dieses Kapital über eine immer längere Lebensphase planbar zu nutzen.

Wald beschreibt den demografischen Wandel als zentrales Zukunftsthema für die Branche und weist selbst darauf hin, dass darüber zwar immer wieder gesprochen wird: „Wenn ich nur ein Schlagwort nennen darf. Das ist der demografische Wandel. Das ist so langweilig, dass ich mich nicht trauen zu nennen.“ Und erklärt im weiteren selbstkritisch, dass wir feststellen müssen, dass die daraus entstehenden Konsequenzen bisher nicht ausreichend in Produkte und Beratung übersetzt wurden.

Gerade weil der demografische Wandel seit Jahren bekannt ist, wirkt die Herausforderung fast banal. Doch die eigentliche Veränderung liegt in der Perspektive: Altersvorsorge endet nicht am Rentenbeginn. Sie beginnt dort in einer neuen Phase.

Denn wer heute für das Alter vorsorgt, muss nicht nur wissen, wie viel Kapital bis zum Ruhestand aufgebaut werden kann. Entscheidend ist auch, wie dieses Kapital später verwendet wird. Wie hoch dürfen regelmäßige Entnahmen sein? Welche Rolle spielen Verrentung, Fondsentnahmeplan, Immobilienvermögen, Pflegekosten und Inflation? Und wie lässt sich verhindern, dass Kunden entweder zu früh zu viel verbrauchen oder aus Angst vor Langlebigkeit ihren Lebensstandard unnötig einschränken?

Die gesetzliche Rente als Existenzminimum

Die Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz, dass die gesetzliche Rente werde künftig allenfalls noch Basisabsicherung sein, passt zu Walds Einschätzung. Er wird im Podcast sogar noch deutlicher und stellt fest, dass „der Staat, die gesetzliche Altersvorsorge, im besten Fall ein absolutes Existenzminimum sicherstellt.“

Damit verschiebt sich die Funktion privater Vorsorge. Sie ist nicht mehr nur Ergänzung für zusätzliche Wünsche im Ruhestand. Sie wird für viele Menschen zur Voraussetzung, um den gewohnten Lebensstandard überhaupt halten zu können.

Für Vermittler und Versicherer entsteht daraus eine anspruchsvollere Beratungsaufgabe. Kunden müssen nicht nur zum Sparen motiviert werden. Sie brauchen ein Konzept, das Einkommen, Sicherheit, Flexibilität und Vermögensweitergabe miteinander verbindet. Altersvorsorge wird dadurch stärker zur Ruhestandsplanung – und Ruhestandsplanung zur Vermögensarchitektur.

Die Entsparphase wird länger: „Dann ist ja vielleicht 100 die neue 70.“

Die steigende Lebenserwartung verändert die Logik der Altersvorsorge grundlegend. Wald bringt diese Entwicklung mit einem pointierten Bild auf den Punkt: „Dann ist ja vielleicht 100 die neue 70.“

Was zugespitzt klingt, hat erhebliche Konsequenzen. Wenn Menschen deutlich länger leben, verlängert sich auch die Zeit, in der Vermögen Einkommen ersetzen oder ergänzen muss. Der Ruhestand ist dann nicht mehr eine kurze Schlussphase des Erwerbslebens, sondern ein eigener Lebensabschnitt, der zwei oder sogar drei Jahrzehnte dauern kann.

Wald beschreibt die Dimension so: „Dann haben wir noch 23 Jahre oder 25 oder 30 Jahre, wo es um entsparen und vererben und schenken geht.“

Genau darin liegt eine der zentralen Zukunftsaufgaben der Branche. Altersvorsorgeprodukte müssen nicht nur Kapitalaufbau ermöglichen, sondern auch Antworten auf die Frage liefern, wie Kapital im Alter strukturiert genutzt werden kann. Das betrifft garantierte Renten ebenso wie flexible Entnahmepläne, Mischformen aus Kapitalmarktbeteiligung und Verrentung sowie Lösungen, die Pflege- und Langlebigkeitsrisiken berücksichtigen.

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Je länger die Entnahmephase dauert, desto wichtiger wird die Balance zwischen Renditechancen und Sicherheit. Wer zu früh vollständig aus Kapitalmärkten aussteigt, riskiert Kaufkraftverlust. Wer zu lange zu hohe Risiken eingeht, riskiert empfindliche Verluste in einer Phase, in der Erwerbseinkommen nicht mehr ohne Weiteres zur Verfügung steht.
Wald sieht gerade hier eine Chance für Versicherer: „Wie können wir länger in den Kapitalmärkten bleiben? Und da bin ich jetzt beim schönen Thema „Langlebigkeit“. Für die Versicherungen ist das ja ein schöner Differenziator gegen Fonds und andere Angreifer“.

Vererben und Schenken werden Teil der Altersvorsorgeberatung

Der demografische Wandel verändert jedoch nicht nur die Rentenphase. Er verschiebt auch die Fragen rund um Vermögensweitergabe. Wenn Menschen länger leben, werden Erbschaften häufig später übertragen. Gleichzeitig wird die Zahl potenzieller Erben kleiner oder es gibt gar keine direkten Nachkommen.

Damit rücken Vererben und Schenken näher an die Altersvorsorge heran. Es geht nicht mehr nur um die Frage, wie Vermögen aufgebaut wird. Es geht auch darum, wann, an wen und in welcher Form es übertragen werden soll. Soll Vermögen schon zu Lebzeiten verschenkt werden? Wie bleibt gleichzeitig genügend Liquidität für Pflege, Gesundheit und Lebenshaltung erhalten? Welche Rolle spielen Immobilien, Depots, Rentenversicherungen oder Einmalanlagen?

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Für Vermittler entsteht daraus ein erweitertes Beratungsfeld. Wer Kunden in der Ruhestandsphase begleitet, muss nicht nur die Einkommenssituation analysieren, sondern auch familiäre Konstellationen, Vermögensstruktur und Nachfolgeziele berücksichtigen. Altersvorsorge wird damit zunehmend zur Generationen- und Vermögensplanung.

Beratung muss mehr leisten als Produkterklärung

Wenn die gesetzliche Rente nur noch die Basis bildet, steigt der Bedarf an privater Orientierung. Gleichzeitig kommen Kunden informierter in Beratungsgespräche. Sie recherchieren online, nutzen Vergleichsportale und werden künftig verstärkt KI-Systeme befragen. Dadurch verändert sich die Rolle des Beraters.

Wald sagt dazu: „Der Kunde tut bereits Google fragen. Und in Zukunft wird er zwischen dem ersten und zweiten Termin auch KI-Software fragen.“ Für Berater bedeutet das: Reines Fachwissen reicht nicht mehr aus. Kunden bringen Vorinformationen mit, aber nicht zwingend Einordnung. Genau hier sieht Wald die neue Beratungsleistung: „Das heißt, man muss nicht mehr nur das Hartwissen haben, eigene Lösungen zu erklären, man muss Lösungen einordnen können.“

Das gilt besonders für Altersvorsorgekonzepte. Denn die passende Lösung hängt nicht nur von Renditeerwartungen ab, sondern von vielen persönlichen Faktoren: Alter, Einkommen, vorhandenes Vermögen, Risikoneigung, Gesundheitszustand, Familienstruktur, Immobilienbesitz, gewünschter Lebensstandard und Nachfolgeziele. Standardantworten werden dieser Komplexität kaum gerecht.

Gerade deshalb kann persönliche Beratung an Bedeutung gewinnen. Denn je länger Ruhestandsphasen werden und je stärker private Vorsorge den Lebensstandard sichern muss, desto größer wird der Bedarf an Einordnung.

Die Branche muss Altersvorsorge weiterdenken

Die Aussage des Bundeskanzlers macht politisch sichtbar, was fachlich längst absehbar ist: Die gesetzliche Rente bleibt ein Fundament, aber sie wird den Lebensstandard vieler Menschen nicht allein sichern können. Zusätzliche kapitalgedeckte Vorsorge wird damit wichtiger, in der betrieblichen ebenso wie in der privaten Altersvorsorge.

Für Versicherer und Vermittler entsteht daraus eine doppelte Aufgabe. Sie müssen weiterhin beim Vermögensaufbau unterstützen. Aber sie müssen zugleich Antworten für die Zeit danach liefern: Wie wird aus angespartem Kapital ein verlässliches Einkommen? Wie lässt sich Langlebigkeit absichern? Wie kann Kapital flexibel genutzt werden? Und wie werden Vererben und Schenken sinnvoll in die Ruhestandsplanung integriert?

Die Zukunft der Altersvorsorge liegt deshalb nicht allein im Sparen. Sie liegt im Zusammenspiel von Ansparen, Entsparen, Absichern und Weitergeben. Wer länger lebt, braucht länger Einkommen. Wer weniger oder keine Nachkommen hat, muss bewusster über Vermögensübertragung entscheiden. Und wer seinen Lebensstandard halten will, wird zusätzliche Vorsorge brauchen.

Die entscheidende Frage lautet künftig nicht mehr nur: Wie viel muss ich bis zur Rente sparen? Sondern: Wie gestalte ich 25 oder 30 Jahre Ruhestand finanziell so, dass Einkommen, Sicherheit, Flexibilität und Vermögensweitergabe zusammenpassen?

Das vollständige Gespräch mit Dr. Matthias Wald können Sie direkt hier hören oder im Versicherungsfunk auf Spotify & Apple-Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.

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