Das stille Verschwinden der unabhängigen Versicherungsmakler
Der deutsche Versicherungsmaklermarkt hat sich leise, aber tiefgreifend verändert. Aus vielen unabhängigen, oft familiengeführten Häusern ist zunehmend ein von globalen Konzernen und Plattformen dominierter Markt geworden. Warum diese Entwicklung zugleich effizient und beunruhigend wirkt, erklärt der ehemalige Versicherungsmanager Alwin W. Gerlach.

- Das stille Verschwinden der unabhängigen Versicherungsmakler
- Die stille Verengung des deutschen Marktes
Es gab einmal eine Zeit, in der der deutsche Versicherungsmakler kein Teil eines weltumspannenden Systems war. Die Branche bestand aus vielen eigenständigen Häusern, oft familiengeführt, regional verwurzelt, geprägt von Persönlichkeit, Erfahrung und langfristigem Vertrauen. Namen wie Jauch & Hübener, Funk Gruppe, König & Reeker oder später Ecclesia Gruppe standen nicht nur für Versicherungsvermittlung. Sie standen für eine Haltung. Für ein Verständnis von Beratung, das näher am Kunden lag als an internationalen Kapitalstrukturen. Der Makler war einst Mittler, oft Vertrauensperson, manchmal fast Teil der wirtschaftlichen Biografie seiner Kunden.
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Besonders nach 1945 entstand in Deutschland eine Maklerlandschaft, die stark vom Mittelstand geprägt war. Viele Unternehmen entwickelten sich aus regionalen Beziehungen heraus. Industrie, Handel, soziale Einrichtungen, Kirchen oder kommunale Strukturen arbeiteten oft jahrzehntelang mit denselben Maklern zusammen. Man kannte sich persönlich. Risiken wurden nicht nur in Datenmodellen verstanden, sondern aus Erfahrung. Der Markt war vielfältig. Nicht perfekt. Aber lebendig.
Heute wirkt diese Welt fast weit entfernt.
Jauch & Hübener, das Symbol einer verschwundenen Epoche
Kaum ein Name zeigt die Veränderung deutlicher als Jauch & Hübener. Über Jahrzehnte galt das Hamburger Haus als eines der bedeutendsten deutschen Maklerunternehmen überhaupt. Hanseatisch geprägt, tief mit der Industrie verbunden, fachlich angesehen und wirtschaftlich stark. Viele große deutsche Unternehmen vertrauten diesem Namen. Jauch & Hübener stand für die klassische deutsche Industrieversicherungskultur der Nachkriegszeit.
Doch heute existiert das Unternehmen nicht mehr als unabhängiges deutsches Maklerhaus. Es wurde Teil von Aon. Damit verschwand nicht nur ein traditionsreicher Name in einem internationalen Konzerngefüge – es verschob sich zugleich symbolisch Macht von nationalen Strukturen hin zu globalen Plattformen. Und genau diese Entwicklung setzte sich über Jahrzehnte immer weiter fort.
Wie amerikanische Giganten den Markt übernahmen
Die eigentliche Macht im weltweiten Versicherungsmaklermarkt liegt heute vor allem bei wenigen amerikanischen und angelsächsischen Konzernen. Marsh McLennan, Aon, WTW, Arthur J. Gallagher & Co. oder inzwischen auch Howden Group dominieren große Teile des internationalen Industrie-, Beratungs- und Rückversicherungsgeschäfts.
Diese Unternehmen sind längst keine klassischen Maklerhäuser mehr. Sie sind globale Risikokonzerne geworden. Sie analysieren Cyberangriffe, beraten Regierungen, modellieren Klimarisiken, strukturieren milliardenschwere Versicherungsprogramme und beeinflussen indirekt ganze Wirtschaftszweige. Ihre Macht beruht nicht nur auf Größe, sondern auf Daten, Kapital, internationaler Vernetzung und enormer Marktkonzentration.
Dass gerade amerikanische Unternehmen diese Dominanz erreichten, war kein Zufall. Die USA verfügten früh über riesige Kapitalmärkte, aggressive Expansionsstrategien und eine andere wirtschaftliche Mentalität. Während deutsche Makler oft vorsichtig, langfristig und regional dachten, bauten amerikanische Häuser internationale Netzwerke auf und kauften systematisch Wettbewerber auf. Wachstum wurde dort nicht als Risiko betrachtet, sondern als Voraussetzung für Macht.
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London spielte dabei ebenfalls eine entscheidende Rolle. Der globale Versicherungsplatz Lloyd’s wurde zum internationalen Zentrum großer Industrie- und Spezialrisiken. Amerikanische und britische Makler verstanden früh, dass die Zukunft nicht mehr national sein würde. Deutsche Häuser hingegen blieben lange mittelständisch geprägt – kulturell stark, wirtschaftlich jedoch weniger aggressiv. Vielleicht war das menschlicher. Vielleicht aber auch strategisch zu defensiv.
Die stille Verengung des deutschen Marktes
Heute zeigt sich die Folge dieser Entwicklung überall im deutschen Maklermarkt. Viele ehemals eigenständige Häuser verschwanden. Manche wurden übernommen. Andere fusionierten. Wieder andere existieren nur noch als Marken innerhalb größerer Gruppen. Die Vielfalt schrumpfte langsam, fast unbemerkt.
Und genau darin liegt etwas Nachdenkliches. Denn die Veränderung geschah nicht laut. Keine große Krise zerstörte den Markt. Vielmehr entstand über Jahrzehnte eine stille Konzentration. Immer weniger Akteure kontrollieren immer größere Teile des Geschäfts.
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Gerade deshalb wirken Namen wie König & Reeker oder die Funk Gruppe heute fast wie Erinnerungen an eine andere Zeit. Die Funk Gruppe gehört bis heute zu den wenigen großen unabhängigen deutschen Maklern. Familiengeführt, tief mit der Industrie verbunden, technisch hoch angesehen. Funk verkörpert noch ein Stück jener traditionellen Maklerkultur, die in Deutschland lange typisch war.
Doch selbst Häuser mit traditionellen Wurzeln bewegen sich zunehmend in Richtung Konzentration. Besonders deutlich zeigt das die Ecclesia Gruppe. Ursprünglich stark verwurzelt im kirchlichen, sozialen und gesundheitlichen Bereich, galt Ecclesia lange als eher werteorientiertes Spezialhaus mit besonderer kultureller Identität. Gleichzeitig gehört die Gruppe heute selbst zu den größten expandierenden Kräften des deutschen Maklermarktes. Durch zahlreiche Übernahmen und Beteiligungen wächst Ecclesia kontinuierlich weiter. Und genau das macht die Entwicklung so komplex. Denn Ecclesia zeigt, dass die Marktlogik inzwischen fast alle erfasst. Nicht nur amerikanische Konzerne folgen der Strategie von Wachstum, Bündelung und Expansion. Selbst traditionelle deutsche Häuser geraten zunehmend unter denselben Druck. Wer nicht wächst, verliert Reichweite. Wer nicht skaliert, verliert Effizienz. Wer nicht zukauft, wird irgendwann womöglich selbst gekauft. Die Konzentration entsteht daher nicht allein aus Machtstreben einzelner Unternehmen. Sie entsteht aus einem System, das Größe zunehmend belohnt.
Weniger Auswahl, mehr Abhängigkeit
Natürlich besitzt diese Entwicklung rationale Gründe. Die Welt ist komplizierter geworden. Cyberrisiken, internationale Haftung, regulatorische Anforderungen, globale Lieferketten oder künstliche Intelligenz verlangen enorme Ressourcen. Kleine Makler können vieles davon tatsächlich kaum noch allein bewältigen. Große Gruppen schaffen Spezialisierung, Datenzugang und internationale Lösungen. Und dennoch bleibt ein unangenehmes Gefühl zurück. Denn je stärker sich Märkte konzentrieren, desto kleiner wird die echte Auswahl. Nach außen existieren viele Namen. Im Hintergrund jedoch gehören immer mehr Strukturen denselben Plattformen, Investoren oder Konzernen. Der Markt wirkt vielfältig, wird aber innerlich enger.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Tragik unserer Zeit. Dass Entwicklungen gleichzeitig sinnvoll und bedrückend sein können. Die Konzentration schafft Effizienz, aber sie reduziert Vielfalt. Sie schafft Stabilität, aber auch Machtballung. Sie löst Probleme, und erzeugt neue Abhängigkeiten. Der Versicherungsmaklermarkt wird dadurch fast zu einem Symbol unserer gesamten Wirtschaftswelt. Überall entstehen Plattformen, Konsolidierer und globale Strukturen. Überall verschwinden kleinere eigenständige Akteure langsam aus dem Bild. Und irgendwann bleibt vielleicht nicht mehr die Frage, welcher Makler der beste ist. Sondern nur noch, welcher Großkonzern hinter ihm steht.
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