ERGO-Vorständin: „Jede Generation muss mehr Verantwortung für ihre eigenen Ausgaben übernehmen“
Mit der DKV als Marktführer und der ERGO Krankenversicherung als zweitgrößtem Anbieter dominiert die ERGO-Gruppe den Markt für Krankenzusatzversicherungen. Im Interview erläutert Frauke Fiegl, Vorstandsvorsitzende der DKV und der ERGO Krankenversicherung, warum die Zusatzversicherung an Bedeutung gewinnt und welche Trends den Markt künftig prägen.

- ERGO-Vorständin: „Jede Generation muss mehr Verantwortung für ihre eigenen Ausgaben übernehmen“
- „Gesamthaft betrachtet, braucht es beide Systeme – GKV wie PKV"
Versicherungsbote: Mit der DKV als klarem Marktführer und der ERGO Krankenversicherung auf Rang zwei prägt Ihre Gruppe das Zusatzversicherungsgeschäft in Deutschland maßgeblich. Gleichzeitig wächst die Zahl der Krankenzusatzversicherungsverträge seit Jahren kontinuierlich, während die gesetzliche Krankenversicherung strukturell unter Finanzierungsdruck steht. Sehen Sie die Zusatzversicherung heute primär als Komfortleistung – oder entwickelt sie sich zunehmend zu einem notwendigen Bestandteil individueller Gesundheitsvorsorge?
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Frauke Fiegl: Wenn wir über Gesundheitsversorgung und Zusatzversicherung sprechen, gehört für uns die Pflegeversicherung ausdrücklich dazu. Gesundheit und Pflege sind miteinander verbunden. Viele Menschen unterschätzen sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Pflegefalls als auch die finanziellen Folgen. Pflegebedürftigkeit trifft nicht nur Hochbetagte. Nur ein Drittel der Pflegebedürftigen ist 85 Jahre und älter, mehr als zwanzig Prozent sind jünger als 65 Jahre.
Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt – unabhängig davon, ob man privat oder gesetzlich versichert ist – nicht alle Kosten ab, insbesondere in der stationären Pflege. Pflegezusatzversicherungen helfen, die finanzielle Belastung zu reduzieren.
Auch gesetzliche Krankenversicherung und private Krankenzusatzversicherung gehen Hand in Hand: Eine Zahnzusatzversicherung hilft, die Eigenanteile beim Zahnersatz deutlich zu reduzieren und ermöglicht gleichzeitig eine höherwertige Versorgung. Sie sichert außerdem Leistungen ab, die über das hinausgehen, was die GKV regulär übernimmt, zum Beispiel bei zahnärztlicher Prophylaxe. Im ambulanten Bereich reduzieren Zusatzversicherungen Zuzahlungen oder ergänzen Leistungen, etwa bei Sehhilfen.
Ein weiterer Vorteil der privaten Absicherung ist, dass bei privaten Zusatzversicherungen jede Altersgruppe ihre eigenen Ausgaben grundsätzlich selbst trägt.
Innerhalb der ERGO-Gruppe vereinen DKV und ERGO Kranken zwei unterschiedliche Schwerpunktmodelle – ein breit diversifiziertes Portfolio einerseits und eine nahezu vollständige Fokussierung auf Zusatzversicherungen andererseits. Welche strategische Logik steht hinter dieser Aufstellung?
Die DKV und ERGO Krankenversicherung haben bewusst unterschiedliche Profile – das ist Teil unserer strategischen Aufstellung. Die DKV ist im Krankenversicherungsgeschäft unser Vollsortimenter: Sie bietet das gesamte Produktspektrum von der privaten Vollversicherung über Zusatzversicherungen bis hin zur betrieblichen Kranken- und Pflegeversicherung an und adressiert damit Privatkunden ebenso wie Firmenkunden und Verbände.
Die ERGO Krankenversicherung ist demgegenüber spezialisiert auf Zusatzversicherungen und steht für innovative Lösungen mit besonderem Schwerpunkt auf der Zahnzusatzversicherung. Bei der ERGO Krankenversicherung wollen wir unsere Produktpalette gezielt – auch über Zahn hinaus – weiter ausbauen.
Strategisch ergänzen sich beide Risikoträger: Die DKV deckt als Vollsortimenter ein breites Spektrum ab, während die ERGO Krankenversicherung ihre Stärke in Fokussierung und Spezialisierung ausspielt. So können beide Gesellschaften nebeneinander wachsen, indem sie unterschiedliche Kundensegmente gezielt bedienen und gleichzeitig vom Wissens- und Erfahrungsaustausch innerhalb der Gruppe profitieren.
Die ERGO Krankenversicherung hat ihre gebuchten Bruttoprämien in der Krankenkostenteilversicherung zwischen 2019 und 2024 um mehr als 37 Prozent gesteigert, die Zahl der versicherten Personen im gleichen Zeitraum um gut 20 Prozent. Welche Faktoren erklären dieses überdurchschnittlich dynamische Wachstum?
Das überdurchschnittliche Wachstum der ERGO Krankenversicherung in der Krankenkostenteilversicherung beruht im Kern auf drei Faktoren: attraktive Produkte, gute Services und leistungsfähiger Vertrieb.
Im Zusatzversicherungsbereich, insbesondere bei der Zahnzusatzversicherung, haben wir unser Produktangebot gezielt weiterentwickelt. Klare Leistungsversprechen, transparente Tarifstrukturen und ein stimmiges Preis-Leistungs-Verhältnis sind dabei entscheidend.
Zudem setzt die ERGO Krankenversicherung auf ein Omnikanal-Vertriebsmodell: Kundinnen und Kunden können über unterschiedliche Wege zu uns kommen – von der telefonischen Beratung über Partner im Vertrieb bis hin zu digitalen Zugangswegen. Diese Kombination erhöht unsere Reichweite und ermöglicht es, verschiedene Kundengruppen bedarfsgerecht anzusprechen.
Mit einem Anteil von 92 Prozent der Bruttoprämien ist die Zusatzversicherung für GKV-Versicherte das nahezu alleinige Geschäftsmodell der ERGO Krankenversicherung. Welche Chancen – aber auch welche Abhängigkeiten – ergeben sich aus dieser starken Fokussierung auf Ergänzungstarife?
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Mit Vollversicherung, Zusatzversicherung und betrieblicher Kranken- und Pflegeversicherung deckt die DKV unterschiedliche Bedarfsfelder ab. Beim Beitragsvolumen hat die Vollversicherung weiterhin das größte Gewicht. Gleichzeitig sind alle drei Geschäftsfelder fester Bestandteil unseres Geschäfts und wir werden im Rahmen unseres aktuellen Strategieprogramms bis 2030 weiter in sie investieren.
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Die Nachfrage – insbesondere im Bereich der Ergänzungsversicherungen – ist weiterhin stabil und auf einem guten Niveau. Die aktuellen politischen Diskussionen rund um das Gesundheitssystem rücken die Rolle der PKV zusätzlich in den Fokus. Viele Kundinnen und Kunden wollen ihren gesetzlichen Schutz gezielt erweitern, an erster Stelle im Zahnbereich, aber auch in der stationären und ambulanten Versorgung. Parallel entwickeln wir unser Geschäftsmodell kontinuierlich weiter; unser Fokus liegt bei digitalen Services, schnellen Prozessen sowie einer hohen Service-Qualität.
„Gesamthaft betrachtet, braucht es beide Systeme – GKV wie PKV"
Zusatz- und Vollversicherung erfüllen unterschiedliche ökonomische Funktionen innerhalb der PKV. Erwarten Sie hier langfristig eine strukturelle Verschiebung – oder bleibt die Vollversicherung der ökonomische Kern der privaten Krankenversicherung?
Wir sprechen hier weniger von einem „ökonomischen Kern“, sondern sehen zwei sich ergänzende Säulen mit unterschiedlichen Rollen. Die Vollversicherung adressiert weiterhin klar umrissene Zielgruppen mit einem umfassenden, langfristigen Absicherungskonzept – das bleibt ein wichtiges Segment der PKV. Die Ergänzungsversicherung spricht andere Kundengruppen an: Sie ergänzt den gesetzlichen Schutz bedarfsgerecht und stellt ein wichtiges Ertrags- und Wachstumselement dar. Aus unserer Sicht ist das keine Verdrängung, sondern Arbeitsteilung. Voll- und Zusatzversicherung stärken gemeinsam die Rolle der PKV im deutschen Gesundheitswesen.
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Gesamthaft betrachtet, braucht es beide Systeme – GKV wie PKV. Angesichts der Herausforderungen, die mit der demografischen Entwicklung auf uns zukommen, muss jede Generation mehr Verantwortung für ihre eigenen Ausgaben übernehmen. Dies ist die Stärke der PKV und praktizierte Generationengerechtigkeit. Ein wichtiges Instrument dafür ist die kapitalgedeckte Vorsorge durch Bildung von Alterungsrückstellungen. 2025 betrugen die Alterungsrückstellungen aller privat Kranken- und Pflegeversicherten insgesamt 355 Milliarden Euro.
Sie verantworten auch das Aktuariat. Welche versicherungstechnischen Effekte sprechen konkret für einen frühen Abschluss einer Zusatzversicherung – insbesondere im Hinblick auf Eintrittsalter, Gesundheitszustand und Beitragsentwicklung?
Wir empfehlen generell, sich frühzeitig mit dem eigenen Versicherungsschutz auseinanderzusetzen – dazu gehört auch die private Krankenversicherung, egal ob Voll- oder Ergänzungsversicherung.
Ein frühzeitiger Abschluss einer Krankenversicherung ist aus mehreren Gründen zu empfehlen: Erstens das Eintrittsalter. Wer jung einsteigt, zahlt in der Regel niedrigere Beiträge, insbesondere in Tarifen mit Alterungsrückstellungen, in denen wir von Anfang an Kapital für höhere Leistungsbedarfe im Alter aufbauen und die Beitragsentwicklung über die Zeit glätten. Zweitens der Gesundheitszustand: In jungen Jahren liegen seltener Vorerkrankungen vor. Wer früh vorsorgt, sichert sich deshalb oft sowohl einen umfassenderen Schutz als auch ein günstigeres Beitragsniveau.
Darüber hinaus haben wir in unserem Portfolio auch Produkte, die ohne Alterungsrückstellungen kalkuliert werden oder die keine Gesundheitsprüfung voraussetzen. Am Grundprinzip ändert sich aber nichts: Wer sich rechtzeitig mit seinem Bedarf beschäftigt, erhält in der Regel mehr Optionen und bessere Konditionen. Wichtig ist, dass die gewählte Versicherung zur persönlichen Lebenssituation passt – dabei hilft eine qualifizierte Beratung.
Medizinischer Fortschritt, steigende Zahnersatzkosten und höhere Versorgungsansprüche verändern kontinuierlich das Leistungsniveau. Wie reagieren Sie in der Produktgestaltung darauf, um langfristige Stabilität und Attraktivität gleichermaßen sicherzustellen?
In der Produktentwicklung folgen wir einem klaren Leitprinzip: Kundenfokus und Einfachheit – natürlich im Rahmen der rechtlichen Vorgaben. Medizinischer Fortschritt, steigende Kosten – etwa im Bereich Zahnersatz – und höhere Versorgungsansprüche sind für uns keine neuen Phänomene, sondern dauerhafte Steuerungsgrößen bei der Gestaltung unserer Produkte.
Uns ist es wichtig, dass Leistungen in der PKV verlässlich bleiben und unsere Kunden von medizinischem Fortschritt profitieren können. Dafür benötigen wir flexible, innovative Produkte mit klar definierten Leistungsniveaus, die für die Kunden gut verständlich sind.
Um Kostenbewusstsein zu stärken und eine verantwortungsvolle Inanspruchnahme der Leistungen zu fördern, setzen wir auf Elemente wie Eigenbeteiligungen.
Ein wesentlicher Hebel ist für uns die Digitalisierung: Im Sinne von „digital first“ vereinfachen wir Abläufe – vom Abschluss über die Verwaltung bis zur Leistungsabrechnung. Digitale Services erhöhen die Attraktivität unserer Produkte, verbessern das Kundenerlebnis und helfen uns zugleich, Prozesse effizienter zu gestalten. All diese Maßnahmen zahlen gemeinsam auf die Stabilität und Attraktivität unserer Produkte ein.
Welche strukturellen Trends werden die Krankenzusatzversicherung in den kommenden fünf Jahren am stärksten prägen – demografische Effekte, GKV-Leistungsentwicklung oder veränderte Versorgungsansprüche?
Wir sehen drei strukturelle Trends: die Umsetzung notwendiger Reformen in der gesetzlichen Krankenversicherung, den anhaltenden Kostendruck durch die demographische Entwicklung sowie ein verändertes Bewusstsein für Prävention und die damit verbundenen Chancen. Kunden werden weiterhin Wert auf ihre eigene Gesundheit legen und einen passgenauen Versicherungsschutz anstreben. Mit unseren Krankenzusatzversicherungen haben wir bei der DKV und der ERGO Krankenversicherung ein vielfältiges, bedarfsgerechtes Angebot und sind damit zukunftssicher aufgestellt.
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Hintergrund: Frauke Fiegl ist Vorstandsvorsitzende der DKV Deutsche Krankenversicherung AG und der ERGO Krankenversicherung AG sowie Mitglied des Vorstands der ERGO Deutschland AG. Dort verantwortet sie das Ressort Gesundheit und Reise. Die Volljuristin ist seit 2022 in leitenden Vorstandspositionen der ERGO-Gruppe tätig und steht seit 2024 an der Spitze der DKV. Zuvor war sie unter anderem für die ERGO Group AG und den AXA Konzern im Krankenversicherungsbereich tätig. Die Interviewfragen stellte Sven Wenig.
- ERGO-Vorständin: „Jede Generation muss mehr Verantwortung für ihre eigenen Ausgaben übernehmen“
- „Gesamthaft betrachtet, braucht es beide Systeme – GKV wie PKV"
