„Gesamthaft betrachtet, braucht es beide Systeme – GKV wie PKV"
Zusatz- und Vollversicherung erfüllen unterschiedliche ökonomische Funktionen innerhalb der PKV. Erwarten Sie hier langfristig eine strukturelle Verschiebung – oder bleibt die Vollversicherung der ökonomische Kern der privaten Krankenversicherung?

- ERGO-Vorständin: „Jede Generation muss mehr Verantwortung für ihre eigenen Ausgaben übernehmen“
- „Gesamthaft betrachtet, braucht es beide Systeme – GKV wie PKV"
Wir sprechen hier weniger von einem „ökonomischen Kern“, sondern sehen zwei sich ergänzende Säulen mit unterschiedlichen Rollen. Die Vollversicherung adressiert weiterhin klar umrissene Zielgruppen mit einem umfassenden, langfristigen Absicherungskonzept – das bleibt ein wichtiges Segment der PKV. Die Ergänzungsversicherung spricht andere Kundengruppen an: Sie ergänzt den gesetzlichen Schutz bedarfsgerecht und stellt ein wichtiges Ertrags- und Wachstumselement dar. Aus unserer Sicht ist das keine Verdrängung, sondern Arbeitsteilung. Voll- und Zusatzversicherung stärken gemeinsam die Rolle der PKV im deutschen Gesundheitswesen.
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Gesamthaft betrachtet, braucht es beide Systeme – GKV wie PKV. Angesichts der Herausforderungen, die mit der demografischen Entwicklung auf uns zukommen, muss jede Generation mehr Verantwortung für ihre eigenen Ausgaben übernehmen. Dies ist die Stärke der PKV und praktizierte Generationengerechtigkeit. Ein wichtiges Instrument dafür ist die kapitalgedeckte Vorsorge durch Bildung von Alterungsrückstellungen. 2025 betrugen die Alterungsrückstellungen aller privat Kranken- und Pflegeversicherten insgesamt 355 Milliarden Euro.
Sie verantworten auch das Aktuariat. Welche versicherungstechnischen Effekte sprechen konkret für einen frühen Abschluss einer Zusatzversicherung – insbesondere im Hinblick auf Eintrittsalter, Gesundheitszustand und Beitragsentwicklung?
Wir empfehlen generell, sich frühzeitig mit dem eigenen Versicherungsschutz auseinanderzusetzen – dazu gehört auch die private Krankenversicherung, egal ob Voll- oder Ergänzungsversicherung.
Ein frühzeitiger Abschluss einer Krankenversicherung ist aus mehreren Gründen zu empfehlen: Erstens das Eintrittsalter. Wer jung einsteigt, zahlt in der Regel niedrigere Beiträge, insbesondere in Tarifen mit Alterungsrückstellungen, in denen wir von Anfang an Kapital für höhere Leistungsbedarfe im Alter aufbauen und die Beitragsentwicklung über die Zeit glätten. Zweitens der Gesundheitszustand: In jungen Jahren liegen seltener Vorerkrankungen vor. Wer früh vorsorgt, sichert sich deshalb oft sowohl einen umfassenderen Schutz als auch ein günstigeres Beitragsniveau.
Darüber hinaus haben wir in unserem Portfolio auch Produkte, die ohne Alterungsrückstellungen kalkuliert werden oder die keine Gesundheitsprüfung voraussetzen. Am Grundprinzip ändert sich aber nichts: Wer sich rechtzeitig mit seinem Bedarf beschäftigt, erhält in der Regel mehr Optionen und bessere Konditionen. Wichtig ist, dass die gewählte Versicherung zur persönlichen Lebenssituation passt – dabei hilft eine qualifizierte Beratung.
Medizinischer Fortschritt, steigende Zahnersatzkosten und höhere Versorgungsansprüche verändern kontinuierlich das Leistungsniveau. Wie reagieren Sie in der Produktgestaltung darauf, um langfristige Stabilität und Attraktivität gleichermaßen sicherzustellen?
In der Produktentwicklung folgen wir einem klaren Leitprinzip: Kundenfokus und Einfachheit – natürlich im Rahmen der rechtlichen Vorgaben. Medizinischer Fortschritt, steigende Kosten – etwa im Bereich Zahnersatz – und höhere Versorgungsansprüche sind für uns keine neuen Phänomene, sondern dauerhafte Steuerungsgrößen bei der Gestaltung unserer Produkte.
Uns ist es wichtig, dass Leistungen in der PKV verlässlich bleiben und unsere Kunden von medizinischem Fortschritt profitieren können. Dafür benötigen wir flexible, innovative Produkte mit klar definierten Leistungsniveaus, die für die Kunden gut verständlich sind.
Um Kostenbewusstsein zu stärken und eine verantwortungsvolle Inanspruchnahme der Leistungen zu fördern, setzen wir auf Elemente wie Eigenbeteiligungen.
Ein wesentlicher Hebel ist für uns die Digitalisierung: Im Sinne von „digital first“ vereinfachen wir Abläufe – vom Abschluss über die Verwaltung bis zur Leistungsabrechnung. Digitale Services erhöhen die Attraktivität unserer Produkte, verbessern das Kundenerlebnis und helfen uns zugleich, Prozesse effizienter zu gestalten. All diese Maßnahmen zahlen gemeinsam auf die Stabilität und Attraktivität unserer Produkte ein.
Welche strukturellen Trends werden die Krankenzusatzversicherung in den kommenden fünf Jahren am stärksten prägen – demografische Effekte, GKV-Leistungsentwicklung oder veränderte Versorgungsansprüche?
Wir sehen drei strukturelle Trends: die Umsetzung notwendiger Reformen in der gesetzlichen Krankenversicherung, den anhaltenden Kostendruck durch die demographische Entwicklung sowie ein verändertes Bewusstsein für Prävention und die damit verbundenen Chancen. Kunden werden weiterhin Wert auf ihre eigene Gesundheit legen und einen passgenauen Versicherungsschutz anstreben. Mit unseren Krankenzusatzversicherungen haben wir bei der DKV und der ERGO Krankenversicherung ein vielfältiges, bedarfsgerechtes Angebot und sind damit zukunftssicher aufgestellt.
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Hintergrund: Frauke Fiegl ist Vorstandsvorsitzende der DKV Deutsche Krankenversicherung AG und der ERGO Krankenversicherung AG sowie Mitglied des Vorstands der ERGO Deutschland AG. Dort verantwortet sie das Ressort Gesundheit und Reise. Die Volljuristin ist seit 2022 in leitenden Vorstandspositionen der ERGO-Gruppe tätig und steht seit 2024 an der Spitze der DKV. Zuvor war sie unter anderem für die ERGO Group AG und den AXA Konzern im Krankenversicherungsbereich tätig. Die Interviewfragen stellte Sven Wenig.
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