Gesetzliche Krankenkassen: Freiwillige Kassenleistungen auf dem Prüfstand
Im Ringen um Milliardenlücken in der gesetzlichen Krankenversicherung verschärft sich der Ton. KBV-Chef Andreas Gassen fordert die komplette Abschaffung freiwilliger Zusatzleistungen der Kassen. Das mögliche Einsparvolumen: rund eine Milliarde Euro jährlich.

Die finanzielle Lage der gesetzlichen Krankenversicherung spitzt sich weiter zu. Schon seit Wochen mehren sich die Warnungen, dass 2026 zum Wendepunkt für das System werden könnte. Steigende Ausgaben in Kranken- und Pflegeversicherung, Reformvorschläge für einen Stabilitätspakt bis 2035 und politische Forderungen nach Leistungskürzungen markieren eine Phase grundlegender Weichenstellungen. Während bislang vor allem über höhere Zuzahlungen oder strukturelle Reformen diskutiert wurde, rückt nun ein anderer Ansatz in den Mittelpunkt: der Verzicht auf freiwillige Zusatzleistungen der Kassen.
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Gassen: „Nice to have‘-Leistungen als Erstes zu streichen“
Wie das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) berichtet, fordert der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, die vollständige Abschaffung der sogenannten Satzungsleistungen. „Wenn nicht genug Geld für den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung da ist und gespart werden muss, sind ‚Nice to have‘-Leistungen als Erstes zu streichen“, sagte Gassen dem RND.
Mit Blick auf Forderungen der Krankenkassen nach Honorarkürzungen für Ärzte betonte er: „Es kann doch nicht sein, dass Kassen die Vergütung für Leistungen, die durch den Gemeinsamen Bundesausschuss beschlossen worden sind, kürzen wollen und gleichzeitig hohe Summen für werbewirksame Dinge bezahlen.“ Das mögliche Einsparvolumen durch eine komplette Abschaffung bezifferte Gassen auf knapp eine Milliarde Euro pro Jahr.
Was auf dem Prüfstand stünde
Bei den Satzungsleistungen handelt es sich um freiwillige Angebote, die über den gesetzlichen Leistungskatalog hinausgehen und von Kasse zu Kasse unterschiedlich sind. Dazu zählen unter anderem:
- Homöopathie
- Anthroposophie
- Phytotherapie
- Zuschüsse zu Gesundheitskursen
- Kostenübernahmen für Fitnesstracker
Kritiker sehen darin seit Jahren vor allem Marketinginstrumente im Wettbewerb um Mitglieder. Medizinisch sinnvolle Zusatzleistungen – etwa Schutzimpfungen für Auslandsreisen oder höhere Zuschüsse bei künstlicher Befruchtung – sind ebenfalls Teil dieses Instruments.
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Zwölf Milliarden Euro Finanzierungslücke
Im kommenden Jahr droht der gesetzlichen Krankenversicherung eine Finanzierungslücke von rund zwölf Milliarden Euro. Eine von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken eingesetzte Expertenkommission soll kurzfristige Einsparvorschläge erarbeiten. Im Gespräch sind neben höheren Zuzahlungen auch Einschnitte zulasten der Pharmaindustrie, der Ärzteschaft und der Kliniken. Bereits zuvor war ein Versuch gescheitert, die Kostenübernahme für Homöopathie gesetzlich auszuschließen.
