InsurTechs haben es auf dem deutschen Markt schwer: Viele vielversprechende Akteure, die sich mittlerweile einen Namen in der Branche machen konnten, arbeiten noch nicht profitabel und können die hochgesteckten Erwartungen nur zum Teil erfüllen. Ob Ottonova, Neodigital, Nexible oder Element: Sie alle schrieben auch 2021 rote Zahlen, wie aus den SFCR-Berichten hervorgeht. Tribut an die hohen Kosten, strengen Regulierungsvorgaben und fehlende Markenbekanntschaft, die jungen Playern auf dem Versicherungsmarkt so manche Steine in den Weg legt. Einigen der Firmen werden jedoch gute Chancen für die Zukunft eingeräumt.

Anzeige

Dem Stand der InsurTech-Szene widmet sich das New Players Network, ein Think Thank, das unter dem Dach der Versicherungsforen Leipzig angesiedelt ist. Bereits in der siebten Auflage legen die Netzwerker und Analysten nun ihre InsurTech-Übersicht vor. Und sie wissen Positives zu berichten. „2021 war ein Jahr der Erholung im InsurTech-Markt, nach der Corona-Krise ist nun wieder eine Gründermentalität zu beobachten. Die Relevanz der InsurTech-Szene wird auch 2022 weiter zunehmen. Das Thema Nachhaltigkeit wird mehr und mehr in den Fokus rücken und wir werden mehr von erfolgreichen Unicorns und Decacorns hören“, sagt Felix Sandt, Leiter des New Players Network. Ein Einblick in die Übersicht ist auf der Webseite des New Player Networks einsehbar.

Höhepunkt der Neugründungen: das Jahr 2017

Ein Blick auf die letzten Jahre zeigt, dass die Neugründungen tatsächlich während der Corona-Pandemie einbrachen. 195 Start-ups aktive zählt die aktuelle InsurTech-Übersicht: davon wurden 15 im Jahr 2014 gegründet, 33 im Jahr 2015, 32 in 2016. Den Höhepunkt markiert dann das Jahr 2017, in dem -angefeuert auch durch viel Hype- 40 Neugründungen zu verzeichnen waren. Doch bereits danach setzt eine Trendumkehr ein. So wurden 2018 nur noch 32 neue Wettbewerber gezählt, 21 in 2019, 18 in 2020 und schließlich lediglich vier in 2021.

Nun habe sich die Start-up-Szene weitestgehend von der Corona-Pandemie erholt, berichten die Versicherungsforen. Die Zahl der Neugründungen erreiche wieder Vorkrisenniveau: ohne dass hierzu Zahlen für das laufende Jahr genannt werden. „Die Krise brachte neben einer neuen Fokussierung der Geschäftsmodelle auf Gesundheit und gesundheitliche Absicherung einen Digitalisierungsboom. Es stehen nun Eigenschaften wie Einfachheit, Wissensvermittlung und Erreichbarkeit im Mittelpunkt. Dies bietet großes Potenzial für zukünftige InsurTechs“, so Felix Sandt. Hervorgehoben wird im Pressetext, dass mit Clark und Wefox zwei Akteure mittlerweile den Status von Unicorns erreicht hätten. Als Unicorn bezeichnet man ein Start-up, dessen Marktwert bei über einer Milliarde US-Dollar liegt.

Eine deutliche Tendenz hierbei: Große Versicherungen erschließen sich zunehmend den Markt, indem sie Tochterfirmen gründen oder in neue Geschäftsmodelle investieren. Die Angebote der Start-ups seien für das Kerngeschäft der Versicherer interessant oder sogar notwendig. „Während früher insbesondere ausländische Investoren deutsche InsurTechs unterstützt haben, sind in den letzten Jahren auch deutsche Versicherer aktiv geworden und haben sich mit verschiedenen Beteiligungen einen Teil des Marktes gesichert“, so Theresa Löwe, Head of Transformation beim New Players Network. „Große Firmen suchen vermehrt nach Innovationsimpulsen von außen, um ihre eigene Zukunftsfähigkeit zu sichern“. Das führt auch zu neuen Abhängigkeiten, weil InsurTechs zunehmend Services für Versicherer übernehmen. Die Versicherungsforen sprechen von "Satellitenunternehmen in der Assekuranz".

Einblick in die Start-up-Welt: die Geschäftsmodelle

Die Vielzahl der Anbieter werden von den Versicherungsforen detailliert analysiert und nach ihrem Schwerpunkt zugeordnet. Es fällt auf, dass diese Kategorien keineswegs trennscharf sind: Mehrere Anbieter sind breit aufgestellt und wenden sich nicht nur mit eigenen Versicherungen an den Endkunden, sondern bieten zusätzlich Versicherern White-Label-Lösungen oder Services und Tools für Datenanalyse und Vertrieb. Das lässt die Zuordnung mitunter fragwürdig erscheinen. Zwei übergeordnete Geschäftsmodelle werden hierbei grob unterschieden. Tier 1: Werschöpfung in den Kernbereichen der Versicherungswirtschaft. Sowie Tier 2: Wertschöpfung durch technologiebasierte Geschäftsprozesse, die den Versicherungsprozess unterstützen. Folgende Bereiche identifizieren die Studienmacher:

14 digitale Versicherer: Anbieter wie Wefox, Element, andsafe oder Lemonade. Zu bedenken ist hier, dass viele der InsurTechs weitere Services anbieten und mehrgleisig fahren, etwa IT-Dienstleistungen für den Vertrieb

15 digitale Assekuradeure: etwa massup, helvengo, Fintiba oder asspari. Dies sind Versicherungsagenten mit speziellen Vollmachten, die sie berechtigen, Versicherungsverträge für die Versicherer abzuschließen, zu verwalten, Schäden zu regulieren und insgesamt als Versicherer aufzutreten. Aufgrund ihrer Nähe zu den Endkunden haben sie einen digitalen Wissensvorsprung. Oft sind sie auf bestimmte Kundengruppen spezialisiert wie Freelancer, Studenten oder haben ihren Fokus auf spezialisierte Themen wie Nachhaltigkeit.

6 Peer2Peer-Versicherer: Dahinter verbergen sich Gemeinschaften, die selbst Risiken tragen und sich verpflichten, im Schadenfall als Versichertenkollektiv gegenseitig zu unterstützen. Dabei muss es sich nicht allein um Privatpersonen handeln. Beispiel Ryskex: eine Plattform, die Blockchain-basiert Rückversicherer, Industriekonzerne und den Kapitalmarkt hat, um eigentlich nicht versicherbare Risiken finanziell aufzufangen.

17 Anbieter Schaden- und Leistungsmanagement: Hier wird die Gesamtheit an Funktionen rund um die Bewertung und Bearbeitung eines Schadenfalls zusammengefasst. Beispiele sind Anbieter wie claimBuddy, das White-Label-Lösungen für die Schadenaufnahme und -bewertung von Kfz-Unfällen bietet. Oder Perseus mit Services zur Prävention und Bearbeitung von Cyberschäden.

6 Vergleichsportale Gewerbekunden: Diese Anbieter bieten Plattformen, um Anbieter und Kunden zusammenzubringen. Die hier aufgeführten Portale wenden sich aber nicht an Privatkunden, sondern agieren mit Zielgruppe Gewerbekunde: Beispiele sind Baobab mit Cyberversicherungen und -services für kleine und mittelständische Unternehmen oder Finlex, die Versicherungsmaklern eine Plattform für Vermögensschäden bietet.

3 Vergleichsportale Privatkunden: Hier listen die Versicherungsforen nicht etablierte Branchengrößen wie Check24 oder Verivox auf, sondern zielen auf neuere Wettbewerber wie Anivo, insurando oder Snoopr.

15 Vertragsmanager: Vertragsmanager haben sich der digitalen Verwaltung von Verträgen, Dokumenten und (Kunden-)Konten verschrieben, ob mit oder ohne Beratungsvollmacht. Hierunter fallen Anbieter wie Clark, allesmeins oder rentablo.

Anzeige

Anbieter von Versicherungsprodukten: Die Versicherungsforen fassen hierunter Gesellschaften, die oft auf wenige Versicherungsprodukte spezialisiert sind: oft spezialisiert auf bestimmte Produkte wie etwa Forderungsausfallversicherungen (crebita), Wetterversicherungen (Wetterheld) oder Flugausfallversicherungen (getNeo). Viele sind als Versicherungsvertreter oder Makler registriert und kooperieren mit etablierten Versicherern per White-Label-Lösung. 20 dieser Anbieter wurden im Bereich Komposit identifiziert, fünf im Bereich Leben.

Seite 1/2/