Versicherungsbote: Frau Deschka, seit Januar 2020 sind Sie als Vorständin der ERGO Deutschland für den Bereich Gesundheit zuständig. Zunächst die Frage: Wie ist der Versicherer durch das Krisenjahr 2020 gekommen – speziell mit Blick auf das Kranken-Geschäft?

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Ursula Deschka: Im Großen und Ganzen sind wir sehr zufrieden. Im Frühjahr gab es mit dem ersten Lockdown eine kleine Delle im Neugeschäft, die wir aber im Rest des Jahres wieder ausgebügelt haben. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Vor allem sind es unsere Mitarbeiter und Vertriebspartner, die wirklich Großes in besonderen Zeiten geleistet haben. Zweitens hat Gesundheit einen neuen Stellenwert bekommen. Den Menschen ist es wichtiger geworden, umfassend und ideal abgesichert zu sein. Davon profitieren wir natürlich auch geschäftlich.

Bereits vor der Coronakrise schwächelte branchenweit das Neugeschäft in der Krankenvollversicherung. Nun sind viele Selbstständige von den Lockdowns besonders betroffen oder gar in Existenznot geraten – und damit eine wichtige Zielgruppe für die PKV. Muss die Branche ihnen hier entgegenkommen?

Ursula Deschka ist Vorstandsvorsitzende der ERGO Krankenversicherung AGErgo Krankenversicherung Definitiv – und wir tun es auch bereits. Wenn Versicherte in der Krankenvollversicherung in nachhaltige Zahlungsschwierigkeiten geraten, gilt für sie der sogenannte Notlagentarif. Die Kostenübernahme von medizinischen Behandlungen ist so auch während finanziell anstrengenden Zeiten gesichert. Das ist aus guten Gründen sogar gesetzlich geregelt.

Große Potentiale sehen Branchen-Experten in der betrieblichen Krankenversicherung (bKV): Laut Umfragen ist das Interesse von Arbeitnehmern groß, aber diese Tarife bleiben mit 1,04 Millionen versicherten Personen eine Nische. Was kann hier getan werden, um die Policen bekannter zu machen?

Hier sehe ich drei verschiedenen Ebenen, auf denen sich etwas ändern kann: Die Branche sollte leistungsstarke Tarife anbieten. Außerdem sehe ich den Gesetzgeber in der Pflicht, bei der betrieblichen Gesundheitsvorsorge ähnlich attraktive steuerliche Regelungen aufzulegen wie bei der betrieblichen Altersvorsorge. Und zuletzt: Die bKV muss bei den Vertrieben stärker in den Fokus rücken und in jedem Beratungsgespräch mit Firmenkunden angesprochen werden.

Meine Vermutung ist, dass gerade in kleinen und mittleren Betrieben eine bKV vergleichsweise selten genutzt wird. Wie sind hier die Erfahrungen der Ergo?

Ihren Eindruck kann ich so nicht bestätigen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen mit flachen Hierarchien entscheiden sich häufig für bKV-Lösungen. Die Nachfrage und der Umfang unterscheiden sich nicht nach Größe der Unternehmen, sondern eher nach Branchen. Ich mache es mal ganz konkret: Beispielsweise IT- und Unternehmensberater fragen sehr hochwertigen Zahnersatz und Chefarztbehandlungen nach, große Unternehmen mit geringerem Gehaltsgefüge schließen eher doppelten Festzuschuss bei Zahnersatz ab.

Was halten Sie von sogenannten Budget-Tarifen im betrieblichen Krankenzusatzbereich?

Budgettarife bieten wir in unserem Portfolio nicht an – aus einem einfachen Grund: Unser Kompaktbausteine-Modell ist sehr beliebt. Das liegt unter anderem daran, dass wir die Leistungen nicht über das gesamte Produkt aufsummieren und deckeln. Wer zum Beispiel eine Zahnersatzleistung bekommt, hat also nicht weniger Anspruch auf eine neue Brille. Der Budgettarif ist zwar günstiger, aber die Police bietet meist keine umfassende Absicherung. Und das ist es, was letztendlich zählt.

Einige Anbieter sind dazu übergegangen, auch das Pflegerisiko über betriebliche Zusatzversicherungen abzusichern. Ist das ein Weg für die DKV?

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Auf jeden Fall. Das ist ein wichtiger Zukunftsmarkt, denn „In Würde altern“ ist der Wunsch jedes Menschen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns zukünftig alle mehr mit dem Thema Pflege auseinandersetzen müssen. Wir als Versicherer haben dabei eine klare soziale Verantwortung. Denn medizinischer Fortschritt, steigende Lebenserwartung und veränderte Lebenseinstellungen lassen die Kosten für gute Pflege immer weiter steigen.

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