Die Coronakrise hat auch die Kfz-Versicherungsbranche erfasst. Wie sind Sie bisher durch die Corona-Krise gekommen? Haben sich die Lockdowns auch auf Ihr Geschäft mit Oldtimer-Policen ausgewirkt?

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Désirée Mettraux: Wir sind mit dem letzten Jahr zufrieden. Es war — trotz der Corona-Maßnahmen — für uns ein gutes Jahr. Einerseits können wir einen Prämienwachstum verzeichnen. Auf der anderen Seite sind die Schadenzahlungen unter Vorjahresniveau, was sicher auch mit dem Lockdown im Frühjahr 2020 zusammenhängt. In der Lockdown-Phase hatten viele Zulassungsstellen geschlossen, der Handel mit Liebhaberfahrzeugen und Oldtimern brach in dieser Zeit ein, konnte sich anschließend aber schnell wieder erholen.

Viele Events und Kontaktmöglichkeiten für Oldie-Fans: Oldtimer-Treffs, Sternfahrten, Car-Rallys, Messen etc. konnten nicht wie gewohnt stattfinden. Wie hat sich die Oldtimer-Szene im Lockdown organisiert? Konnten digitale Kanäle hier ausreichend Ersatz schaffen?

Zunächst war die Szene natürlich geschockt. Reihenweise mussten große Messen und Veranstaltungen wie Rallyes oder Treffen abgesagt werden — oft mit erheblichen finanziellen Einbußen für Veranstalter und Aussteller. Doch die Not macht erfinderisch: Das Internet hat alle wieder enger zusammenrücken lassen. Wir hätten nie gedacht, dass wir mit unserer virtuellen Onlinemesse für Oldtimer & Youngtimer, der Classics to Click, soviel Zuspruch erhalten würden. 6.500 Besucher sahen unsere virtuellen Messehallen. Inzwischen veranstalten wir sie jetzt im März 2021 schon zum zweiten Mal und wir haben vor, sie dauerhaft als festes OCC-Event zu etablieren. Ansonsten konzentriert sich die Kommunikation zwischen uns und der Oldtimerszene derzeit auf Kanäle wie Facebook, Tiktok, Clubhouse, Spotify oder Youtube. So sind wir trotz Lockdown und Pandemie nah dran. Wir hoffen natürlich, dass zumindest ein Offline-Event wie geplant stattfinden kann: unsere beliebte OCC-Küstentrophy im Juni 2021.

Sie sind Digitalisierungs-Expertin, haben bei InsurTechs gewirkt: und wollten auch OCC eine digitale Frischzellenkur verpassen. Hat die Coronakrise diesen Trend beschleunigt? Wie weit sind Sie mit der Digitalisierungsstrategie?

Ja und nein. Sicherlich hat die Coronakrise gewisse Lösungen und Prozesse, die schon länger diskutiert wurden, beschleunigt. Damit ist in erster Linie die Digitalisierungsstrategie gemeint, die in Krisenzeiten ein Online-Geschäft sowohl im B2C als auch im B2B-Bereich ermöglicht und stabile Wachstumsraten aufzeigt.

Es gibt dazu auch keine Alternativen. Aber nach oben ist noch Luft, noch längst läuft nicht alles so rund, wie man es sich wünscht. Neue Prozesse müssen von Kunden und Partnern auch angenommen werden. Und dieser Prozess dauert. Die Transformation braucht manchmal Zeit, weil: digitale Transformation hat ja vor allem etwas mit dem Mindset zu tun hat. Technologie kann man schnell kaufen, die erforderliche Einstellung dazu aber nicht…

Die Coronakrise hat schonungslos die Schwachstellen der deutschen Digitalisierung offengelegt. Schulen haben keine digitalen Lernplattformen. In den Gesundheitsämtern regiert das gute alte Faxgerät, viele Firmen verzichten auf Homeoffice und halten an der Anwesenheitspflicht fest. Wie erklären Sie sich als digitalisierungs-affine Expertin, dass eine High-Tech-Nation wie Deutschland in Sachen digitale Infrastruktur so ein schlechtes Bild abgibt? Wie ist das in Ihrer Heimat Schweiz?

Was ich beobachten kann: Oft werden wichtige Themen aufgeschoben, zu Tode diskutiert oder in die beliebte Ablage „nächstes Jahr ist auch noch Zeit“ verfrachtet. Der gesellschaftliche Wandel ist noch längst nicht bei allen angekommen – und folglich auch nicht die Erkenntnis, dass es ohne Digitalisierung nicht geht. Letztens las ich in einer Lokalzeitung von einer Digitalisierungsoffensive in einer norddeutschen Kleinstadt. Mit Fördergeldern und Subventionen sollten lokale Unternehmen dort fit fürs Internet gemacht werden. Dabei stellte sich heraus, dass viele der Geschäftsleute noch nicht einmal eine eigene Internetpräsenz hatten. Auf die Frage, ob ihnen denn geholfen werden solle auf dem Sprung ins Netz, antworteten manche der Betroffenen, dass es doch früher auch ohne Internet funktioniert habe, man brauche das nicht. Die Digitalisierung ist offenbar in manchen Köpfen nicht angekommen. Wir reden da von einem Mindset, das fehlt.

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Überhaupt ärgert mich die Besitzstandswahrung. Vielfach haben die Menschen Angst, etwas zu verlieren. Dabei übersehen sie, dass es durch die Digitalisierung wesentlich mehr Gewinner geben wird, auch was den Wohlstand betrifft. Die OCC-Belegschaft wuchs in den letzten 12 Monaten um 16 Prozent – ohne digitale Transformation wäre das nicht passiert. Zur Frage der Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland: In der Schweiz ist das Internet generell besser abgedeckt und viel schneller. Deutsche Kunden dagegen zeigen eine stärkere Affinität zu Onlineversicherungen…

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