Beim Thema Blockchain scheint die Welt verrückt geworden zu sein. Die ständige Angst einiger Vorstände und Experten, dass sie den nächsten Hype verpassen und den Anschluss verlieren könnten, hat hier eine neue Qualität erreicht. Man mag gar nicht ausrechnen, wie viele Milliarden durch hoffnungsvolle Investitionen in das Thema Blockchain gerade verbrannt werden. Sogar die Bundesregierung bekennt sich im Koalitionsvertrag eindeutig zur Blockchain-Technologie und nimmt einen zweistelligen Millionenbetrag in die Hand, um sie in den Behörden und der Verwaltung durchzusetzen.

Anzeige

Wir haben uns als IT-Unternehmen naturgemäß mit diesem Thema sehr intensiv beschäftigt. Unsere nüchterne Erkenntnis - die Revolution findet nicht statt! Zumindest nicht unter den aktuellen Voraussetzungen. Als wir versuchten, die Blockchain in die eigenen Geschäftsprozesse zu integrieren bzw. diese damit sogar abzulösen, ist von den vollmundigen Ankündigungen und Verheißungen nicht viel übrig geblieben. Ein paar Beispiele gefällig?

Der klassische Maklerpool ist überflüssig, es lebe die Blockchain!

Maklerpools bündeln Geschäftsprozesse zwischen Versicherungsmakler und Versicherungsgesellschaft, sie sind Großhändler von Versicherungsprodukten. Mal geliebt und manchmal von den Marktteilnehmern gehasst, gehören sie dennoch fest in die Landschaft des Versicherungsvertriebs. Kernstück eines jeden Maklerpools ist die Provisionsabrechnung, also das Verteilen von Bestands- und Abschlussprovision an die Versicherungsmakler. Da läge es nahe, die Provisionsabrechnung via Blockchain abzuwickeln.

Bei Erfolg, so die nahe liegende Schlussfolgerung, könnte man auf den Maklerpool gleich in Gänze verzichten. Warum? Die Blockchain sei sicher, heißt es, denn sie wird nicht auf der IT-Infrastruktur des Pools betrieben, sondern ist weltweit über viele Knoten verteilt. Nur so ist sie wirklich ausfallsicher und vor Manipulation geschützt.

Einer der prominentesten Blockchains wäre das in Russland ins Leben gerufene Ethereum-Projekt (https://www.ethereum.org). Hier können sogar sogenannte Smart Contracts auf der Blockchain gespeichert und ausgeführt werden, ideal für die gesamte Provisionsabrechnung. Eine vollautomatische Abwicklung wäre denkbar, vorausgesetzt die Versicherer beteiligen sich an der Integration. Denn idealerweise sollte der Geldfluss von der Gesellschaft bis zum Makler über die Smart Contracts stattfinden.

Jetzt gilt es noch das Problem der Vertrauensbildung zwischen den Marktteilnehmern zu lösen. Das bedeutet, es dürfen nur Makler angebunden werden, die die gesetzlichen Vorgaben erfüllen bzw. die Mindeststandards des Pools hinsichtlich Beratungsqualität und Zuverlässigkeit. Dieser Punkt ist sehr wichtig, schließlich betreuen die Makler die Kunden, und diese sollen möglichst zufrieden sein. Das geht im Prinzip einfach. Die gesetzlichen Anforderungen sind durch eine Abfrage bei der IHK im Vermittlerregister festzustellen und die Kundenzufriedenheit lässt sich durch Feedbackformulare und Scoringsysteme abbilden.

Aber spinnt man den Blockchain-Faden weiter, dann braucht man natürlich auch keinen Versicherungsmakler mehr. Die Beratung wird durch KI-Systeme übernommen und der Kunde verbindet sich direkt mit der Versicherungsgesellschaft…

Stopp! Wozu braucht es dann noch eine Versicherungsgesellschaft? Alle Kunden könnten einen Beitrag in die Blockchain zahlen, diese kalkuliert den Beitrag auf Grund der Schäden und begleicht die Schäden automatisch. Theoretisch ein interessantes Denkmodell. Aber praktisch nicht umsetzbar. Denn es gibt ein großes Problem, das viele nicht sehen (wollen).

Das Problem heißt Blockchain!

Die Blockchain ist langfristig nicht sicher

Ein bedeutender Vorteil der Blockchain ist ihre Sicherheit. Da sie weltweit über viele Computer von unterschiedlichen Teilnehmern verteilt ist, wird sie zur Zeit auch von keiner Einzelperson oder Firma beherrscht. Sämtliche Transaktionen sind weltweit gespiegelt und gesichert durch ein intelligentes Zusammenspiel von kryptographischen Algorithmen, elektronischen Signaturen und einer Verkettung dieser Sicherheitsmerkmale über sogenannte Blöcke, in denen die Transaktionen gespeichert sind. Das Verfahren verstehen nur wenige Experten, man kann jedoch der allgemeinen Bewertung vertrauen: das Verfahren ist sicher.

Das Problem ist nicht die Technik, das Problem ist der Mensch. Aktuell wird von einigen Marktteilnehmern sehr viel Geld investiert, um sich einen möglichst großen Teil an den verschiedenen Blockchains zu sichern. Und das ist fatal, denn werden mehr als 50 Prozent der Blockchain von einer Einzelperson oder einem Unternehmen beherrscht, dann ist sie schlicht nicht mehr sicher. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann dieser Punkt erreicht wird.

Der Hintergrund: Die Überprüfung einer Manipulation der Blockchain basiert darauf, dass die Kopie der Blockchain auf mehreren Rechnern vorhanden ist. Wenn ich mit keinem unabhängigen Rechner vergleichen kann, ob meine Kopie die richtige ist, kann ich auch nicht mehr feststellen, welche Kopie die richtige ist. Der Schutz vor Manipulation ist verloren. Es müssen mehrere Privat-Personen bzw. unabhängige Firmen eingebunden sein, damit die Blockchain sicher bleibt.

Auch die Blockchain-Technik erzeugt hohe Kosten!

Als Alternative gibt es findige Konzepte, die scheinbar mehr Kontrolle ermöglichen, wie zum Beispiel von IBM. Hier verteilt man die Blockchain gar nicht erst über mehrere Marktteilnehmer, man betreibt sie einfach ausschließlich im eigenen Haus. Für die eigene Nutzung scheint das ein sinnvoller Ansatz zu sein, aber das ist sehr kurzsichtig gedacht. Denn betrachtet man die so genannten Transaktionskosten genauer, geht der Vorteil gegenüber konventionellen Lösungen schnell verloren.

Transaktionen sind zum Beispiel einzelne Buchungen oder das Speichern von Daten. Eine sichere Speicherung in der Blockchain erfordert jedoch einen enormen Rechenaufwand. Das verbraucht Ressourcen an Computerhardware und Strom, viel Strom. Die Hardwareressourcen werden von sogenannten Minern zur Verfügung gestellt. Das sind die Goldgräber der Blockchain, nämlich die, die mit dem System Geld verdienen. In der Vergangenheit sind einige Miner sehr reich geworden, was den Hype noch angefeuert hat.

Jede Menge neue Rechenzentren wurden errichtet, vorzugsweise in Regionen mit billigem Strom und ohne Steuern. Die klassische Goldgräberstimmung!

Hier kommt jetzt die entscheidende Frage: Was bedeutet das für denjenigen, der via Blockchain sein Geschäft abwickeln will, und für den die Transaktionskosten ein elementarer Bestandteil der Kalkulation sind?

Im Etherium-System liegen die Kosten aktuell bei ca. 15 Cent für eine Transaktion, vorausgesetzt, der Preis für die Kryptowährung Etherium bleibt stabil bei 100 Euro pro Einheit. Was keine seriöse Annahme ist, denn in der Vergangenheit betrug der Preis auch schon das Mehrfache. Die Aussicht auf sinkende Transaktionskosten ist also eher trügerisch.

Anzeige

Stellt man sich jetzt einen mittelgroßen Pool mit 2.000 Maklern vor, bei der ein Abrechnungslauf im Monat zirka 20.000 Buchungen erzeugt, dann haben wir hier Kosten von 3000 €. Steigt das Etherium auf das Dreifache, liegen wir schon bei 9000 €. Und dabei bleibt es nicht. Will man den Pool vollständig auf die Blockchain auslagern, müssen außerdem noch Vertragsabschlüsse zu den Versicherungsprodukten, Vertragsänderungen und die ständig wechselnden Provisionszusagen der Versicherungsgesellschaften berücksichtigt werden.