Bereits zum vierten Mal hat die europäische Versicherungsaufsicht EIOPA die größten Versicherer Europas zum Stresstest gebeten. 42 Gesellschaften nahmen 2018 teil, sie bilden rund 75 Prozent des europäischen Versicherungsmarktes ab. Erneut ging es um die Frage, wie gut die Versicherer auf mögliche Krisen vorbereitet sind und diese finanziell meistern können. Der dahinter stehende Gedanke, gewonnen aus den Erfahrungen der Finanzkrise: Auch Versicherer sind derart groß und international vernetzt, dass sie „Too big to fail“ sein können, also das Finanzsystem durch den Kollaps eines großen Anbieters ernsthaft gefährdet ist.

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Versicherer insgesamt solide

Drei Schock-Szenarien mussten sich die Versicherer diesmal stellen und diese anhand von Modellrechnungen durchexerzieren:

  • Szenario 1: ein plötzlicher Anstieg der Zinsen, der mit einer notwendigen Teuerung bei den Prämien, unerwartet vielen Schadensmeldungen, Massenstorno, Inflation und Kapitalmarktverwerfungen einhergeht
  • Szenario 2: anhaltend niedrige Zinsen und stark steigende Lebenserwartung
  • Szenario 3: Die europäischen Staaten werden in sehr kurzer Zeit von schweren Naturkatastrophen heimgesucht: vier Stürme, zwei Hochwasser und zwei Erdbeben.

Insgesamt zeigte sich die Frankfurter Behörde mit dem Ergebnis des Stresstests zufrieden. Die Versicherer seien „angemessen kapitalisiert“, um auch derartige Krisen mit negativen Kettenreaktionen bewältigen zu können. Oder wie es in einem kommentierenden Pressetext der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) heißt: „Bei einer Realisierung der Stressszenarien wäre die europäische Versicherungsbranche ganzheitlich betrachtet robust aufgestellt“.

Im Detail: Beim ersten Krisenszenario eines plötzlichen Zinsanstiegs würde die Solvenzkapital-Anforderung (SCR) der 42 Versicherer von 202 auf 145,2 Prozent sinken. Stark vereinfacht haben dann die Versicherer nicht mehr das Doppelte des von der Aufsichtsbehörde geforderten Eigenkapitals, sondern „nur noch“ das 1,45fache. Im zweiten Krisenszenario des anhaltenden Niedrigzinses sinkt die SCR-Quote auf 137,4 Prozent.

Im dritten Fall, dem Naturkatastrophen-Szenario, stehen die Versicherer am besten da, weil hier die Risiken zusätzlich durch Rückversicherer abgedeckt sind. 55 Prozent der drohenden Verluste könnten über Rückversicherer abgewickelt werden, berichtet EIOPA. Eine konkrete SCR-Quote wird für dieses Krisenszenario nicht genannt.

Wer hätte im Krisenfall Probleme? Wir erfahren es nicht

Aber es gibt auch weniger erfreuliche Ergebnisse. So gab es in den ersten beiden Krisenszenarien auch Versicherer, die unter die 100 Prozent SCR-Quote rutschen würden: Hier würde das Eigenkapital nicht ausreichen, um alle Ansprüche und Garantien der versicherten Kunden zu erfüllen. Im ersten Szenarien betrifft dies sechs Gesellschaften, im zweiten gar sieben.

Welche Anbieter aber betrifft dies? Wie groß sind sie und in welchem europäischen Staat sitzen sie? Das erfährt der Verbraucher nicht. Die EIOPA lässt es den Versicherern nämlich freigestellt, ob sie ihr Stresstest-Ergebnis auf der eigenen Webseite veröffentlichen wollen oder nicht. Eine Pflicht zur Veröffentlichung besteht hingegen nicht. Im Sinne von mehr Transparenz ist das zu bedauern.

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Bereits bei früheren Stresstests hatte der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zu bedenken gegeben, dass die beschriebenen Krisenszenarien sehr unwahrscheinlich seien und kaum eintreten werden. Auch vor diesem Hintergrund ist es zu bewerten, dass die einzelnen Versicherer ihre Ergebnisse nicht öffentlich machen müssen: eine Panik bei den Kunden, die die finanzielle Situation einzelner Anbieter noch verschärfen könnte, soll vermieden werden. Allerdings waren die Ereignisse der Finanzkrise von 2008 auch von kaum einen Marktbeobachter für möglich gehalten wurden - und brachten trotzdem die Finanzwelt an den Rand eines Zusammenbruches.