Wenn deutsche Autofahrer einen Telematik-Tarif in der Autoversicherung abschließen wollen, können sie nur auf ein überschaubares Angebot zurückgreifen. Elf der aktuell 91 deutschen Kfz-Versicherer bieten eine solche Option an: Tendenz sinkend. Denn im Vorjahr waren es noch vierzehn Versicherer, die eine solche Police ins Schaufenster stellten. Das ergab eine aktuelle Marktstudie des Onlineportals „Finanztip“ (Stand: September 2018).

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Erstaunlich ist dieser Negativtrend auch deshalb, weil Telematik als Zukunftsthema der Versicherungsbranche gehandelt wird. In der Kfz-Versicherung misst dabei eine App, eine Black Box bzw. die Sensoren des Fahrzeuges das individuelle Fahrverhalten des Versicherten. Wer vorsichtig und vorausschauend fährt, erhält Rabatte von bis zu 30 Prozent.

138.000 Policen bei den beiden Marktführern

Wie schwierig es die Policen haben, zeigt ein Blick auf die beiden Marktführer in der Kfz-Versicherung. Gemeinsam versichern die HUK Coburg und die Allianz knapp 20 Millionen Fahrzeuge in Deutschland. Wie eine Anfrage des Versicherungsboten ergab, hatte die HUK zum Ende des ersten Halbjahres knapp 70.000 Telematik-Policen verkauft, die Allianz 68.000: in Summe deutlich weniger als 150.000 Verträge. Hierbei gilt es aber zu bedenken, dass die HUK Telematik erst seit dem Jahresanfang 2017 anbietet, die Allianz seit Mai 2016.

Es ist also noch reichlich Luft nach oben, wie ein Blick auf andere europäische Staaten zeigt. Laut „Finanztip“ gilt Italien aktuell als Musterland der Telematik: dort werde bei mehr als 7 Millionen Fahrzeugen die eigene Fahrweise ausgewertet. „Die meisten Telematik-Angebote richten sich in Deutschland ausschließlich an junge Fahranfänger“, sagt Arne Düsterhöft, Digital-Experte des Webportals. „Das schränkt den möglichen Kundenkreis stark ein.“ Hinzu komme, dass Versicherer und Autohersteller noch um die Daten der Fahrer streiten würden. „Auch das bremst eine umfassende Marktdurchdringung“.

Sieben Versicherer bieten ihre Telematik-Tarife bisher ausschließlich für Fahranfänger: die Allianz (Versicherter muss jünger als 29 Jahre sein), Axa (unter 30), Cosmos Direkt (unter 29), HUK-Coburg (unter 25), Huk24 (unter 25), Sijox/ Signal Iduna (unter 30 Jahre) und Württembergische (unter 30 Jahre). Sowohl die Allianz als auch die HUK haben aber gegenüber dem Versicherungsboten im August kommuniziert, dass sie prüfen, das Angebot auf alle Fahrer auszuweiten. Die Versicherer ohne Alterseinschränkung sind aktuell die Generali, HDI und VHV.

Höchstrabatt kaum zu erreichen

Allerdings gibt es auch einen Pferdefuß, wenn die Versicherer mit Rabatten von bis zu 30 Prozent werben. Die lassen sich nämlich kaum erzielen. „Hierbei handelt es sich aber um Spitzenwerte, die nur mit sehr Telematik-freundlichem Fahren erreichen werden können“, sagt Düsterhöft. Da einige Faktoren wie etwa häufige Nachtfahrten nur schwer beeinflussbar seien, empfiehlt der Experte, mit deutlich geringeren Rabatten zu rechnen.

Neben Datenschutz-Gründen könnte es weitere Ursachen geben, weshalb es Telematik-Tarife in Deutschland schwer haben: kulturelle. In einer Yougov-Studie im Auftrag der Axa gaben 64 Prozent der Unter-25jährigen Fahranfänger an, dass „Fahrspaß“ das wichtigste Kriterium bei der Nutzung des Autos sei. Mit anderen Worten: In der Autonation Deutschland ist es nicht leicht, die Bürger zu zurückhaltendem Fahren zu bewegen, selbst mit Rabatten.

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"Viele Verkehrsteilnehmer sehen Geschwindigkeitsbeschränkungen als eine Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit“, kommentierte Jürgen Follmann von der Hochschule Darmstadt vor der Bundestagswahl die Frage, weshalb sich kaum eine Partei für ein generelles Tempolimit für Autobahnen einsetzt. Allein die Linke und die Grünen sind aktuell dafür. Will man diese Erkenntnis auf Telematik übertragen, könnte man zuspitzen: Viele deutsche Autofahrer lassen sich auch von ihrer Kfz-Versicherung ungern ausbremsen.