Das deutsche Rentensystem verfolgt ein Prinzip, das lange nicht in Frage gestellt wurde: Leistung und Gegenleistung müssen „gleichwertig“ entgolten werden – jeder Euro, der zu einem bestimmten Zeitpunkt in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt wird, soll auch die gleiche monatliche Rentenleistung erzielen. Wer also eine höhere Beitragssumme in die Rentenkasse einzahlt, erhält auch eine höhere Leistung. Dieses Prinzip der Teilhabeäquivalenz aber steht seit einiger Zeit in der Kritik.

Anzeige

Hohes Einkommen bedeutet längere Lebenserwartung

Einer der meist-diskutierten Kritikpunkte stammt von Marcel Fratzscher, Präsident am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin: Menschen mit niedrigem Einkommen hätten eine geringere Lebenserwartung als Besserverdiener, weshalb die Rente speziell Gutverdiener bevorteile. Hätten doch viele einkommensschwache Menschen Jobs, die sie körperlich sehr beanspruchen; und das schmälere ihre Lebenserwartung. Zudem hätten Menschen mit niedrigem Einkommen weniger finanzielle Möglichkeiten, sich um ihre Gesundheit zu kümmern.

So hat das DIW in einer Studie die Lebenserwartung der einkommensschwächsten und stärksten Bevölkerungsgruppen nach verschiedenen Alterskohorten ausgewertet. Für Menschen, die zwischen 1947 und 1949 geboren wurden, betrug die Differenz in der Lebenserwartung volle sieben Jahre. Die einkommensschwächsten zehn Prozent der Bevölkerung hatten mit 65 Jahren im Durchschnitt noch 15 Jahre vor sich, die Einkommensstärksten glatte 22 Jahre. Die Konsequenz: Das Prinzip der Teilhabeäquivalenz müsse aufgeweicht werden durch einen höheren Rentenanspruch aus niedrigen Einkommen, so fordert Fratzscher.

Ein anderer Vorschlag, das Prinzip der Teilhabeäquivalenz zumindest abzuschwächen: Unabhängig von den eingezahlten Beiträgen soll jeder eine Mindestabsicherung erhalten. Diese Idee einer „Mindestrente“ würde die momentane Grundsicherung ablösen, denn die Leistung müsste nicht mehr bei den jeweiligen Trägern der Sozialhilfe beantragt werden. Zumindest eine tendenzielle Stärkung des Solidarprinzips gegenüber dem Äquivalenzprinzip.

Zwei Drittel für Einführung einer Mindestrente

Wie aber denken die Bürger über die Reformvorschläge? Dies wollte eine repräsentative Umfrage unter 2.051 Personen herausfinden, durchgeführt vom Meinungsforschungsinstitut INSA Consulere im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA). Das Ergebnis: Die Bürger stehen den Reformvorschlägen durchaus aufgeschlossen gegenüber.

Immerhin zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) sprachen sich für eine Mindestrente aus. Die Sehnsucht, durch eine Mindestleistung abgesichert zu sein, scheint in Zeiten des demographischen Wandels und der „Versorgungslücke“ also groß. Die Zustimmung nimmt zudem mit zunehmendem Alter zu. Zwar gab mit 55 Prozent auch eine Mehrheit der 18- bis 24-Jährigen an, eine Mindestrente zu befürworten. Der Wert stieg aber auf 72 Prozent bei den 55- bis 64- Jährigen und betrug immerhin noch 69 Prozent bei den über 65-Jährigen.

Gegen eine Mindestrente hingegen sprachen sich nur 14 Prozent der Befragten aus, wobei es hier kaum Unterschiede nach dem Alter gab.

Anzeige

Auffallende Unterschiede zeigten Ergebnisse nach politischer Orientierung. Während 80 Prozent der Grünen-Wähler für die Einführung der Mindestrente sind, sind nur 56 Prozent der FDP-Wähler dafür, was immer noch die knappe Mehrheit bedeutet. Bei den FDP-Wählern war außerdem die Ablehnung der Mindestrente am häufigsten: 32 Prozent der Befragten sprachen sich gegen eine Mindestrente aus.