Hat die Allianz Deutschland seit Jahren die Rentenansprüche der eigenen Vertreter zu niedrig berechnet? Diesen Vorwurf erhebt die Süddeutsche Zeitung am Freitag gegen den Branchenprimus. Anlass ist die Klage einer Vertreterin vor dem Landgericht München. Demnach sollen mehr als 1.000 ihrer Verträge im Lebensversicherungs- und im Sachbereich falsch oder gar nicht verbucht und so auch nicht korrekt für die Altersversorgung herangezogen worden sein.

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Klageschrift: Rentenansprüche für mehr als 1.000 Verträge falsch berechnet

Im konkreten Rechtsstreit geht es um die Altersvorsorge einer Vertreterin, die freiberuflich eine Allianz-Agentur in Süddeutschland betreibt. Mit jedem Vertrag, den die Agentin vermittelt, erwirbt sie auch Ansprüche auf eine Alters-, Berufs- und Hinterbliebenenrente über ein konzerneigenes Versorgungswerk des Münchener Versicherers. Wie viel ihr zusteht, muss die Allianz mit aufwendigen Verfahren errechnen.

2008 stellte die Frau erstmals Ungereimtheiten bei ihrer Betriebsrente fest, berichtet die „Süddeutsche“. Mehr als 1.000 Verträge seien nicht erfasst worden oder irgendwann einfach aus der Versorgungsberechnung herausgefallen. Es gehe insgesamt um mehrere hundert Euro Monatsrente. Zuständig für die Berechnung sei die Allianz Beratungs- und Vertriebs-AG (ABV), eine Tochterfirma der Allianz.

Immer wieder Fehler - und Verweis auf "mangelnde Kapazitäten"

Die "Süddeutsche" zitiert aus der Klageschrift, wonach die Vertreterin seit 2012 in zahlreichen Mails und Briefen das Versorgungswerk aufgefordert habe, ihre Bestände zu überprüfen und Fehler auszubessern. Diese seien zwar tatsächlich korrigiert worden. Aber immer wieder hätten sich neue Fehler eingeschlichen. So sei der Frau 2013 durch die Allianz versichert worden, dass ihre Bestände nun korrekt erfasst seien. Nur wenige Monate später habe die Vertreterin schon 400 neue Fehlberechnungen monieren müssen.

Sogar ranghohe Allianz-Manager hätten sich zu dem Problem geäußert und Besserung gelobt. Doch stattdessen sei die Vertreterin vertröstet und oft monatelang hingehalten worden. Man habe die Berechnungsfehler „jahrelang ignoriert, verleugnet und vertuscht“, zitiert die „Süddeutsche“ aus einem Brief der Vermittlerin, der in der Klageschrift erscheint. Mehrfach habe die Allianz geantwortet, dass eine Überprüfung der Rentenansprüche aufgrund mangelnder Kapazitäten aktuell nicht möglich sei. Brisant: Auch Firmenchef Oliver Bäte soll seit sieben Monaten über die Missstände informiert sein.

Ein Einzelfall – oder die Altersvorsorge von 8.000 Vertretern betroffen?

Die klagende Vertreterin will öffentlich nicht zu dem Fall Stellung beziehen, berichtet die „Süddeutsche“, ebensowenig ihr Anwalt. Doch es bestehe der Verdacht, dass nicht nur sie allein von den Falschberechnungen betroffen ist – sondern 8.000 weitere Allianz-VertreterInnen, die in dem Versorgungswerk organisiert sind. Möglicher Streitwert: ein dreistelliger Millionenbetrag. „Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern um systembedingte Fehler“, zitiert das Münchener Blatt aus der Anklageschrift. Dies hätten Recherchen bei anderen Vertretern ergeben.

Die Allianz wehrt sich gegen die Klage mit der Behauptung, die Falschberechnungen würden nur Einzelfälle betreffen. Mit einer kuriosen Begründung: „Manuelle Eingabefehler“ hätten zu den Fehlberechnungen geführt, diese seien nun behoben. Werden bei einem milliardenschweren Konzern die gemeldeten Daten der Vertreter noch von Hand eingegeben? "Wir haben auch geprüft, ob es allgemeine Fehler gab, also solche im System. Dafür gab es keine Anhaltspunkte", teilte die Versicherung mit. Man nehme die Vorwürfe sehr ernst.

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Wenn sich aber herausstellen sollte, dass tausende andere Renten von Vertretern falsch berechnet wurden, droht der Allianz auch ein Imageverlust bei Kunden. Wie verlässlich sind die Berechnungen des Versicherers, wenn er nicht einmal die Renten der eigenen Vertreter korrekt ausweisen kann? Erinnerungen werden wach an den Skandal beim Konkurrenten Ergo, als die Düsseldorfer hunderttausende Lebensversicherungs-Policen falsch berechnet hatten und nachbessern mussten (der Versicherungsbote berichtete).

Süddeutsche Zeitung