Wie transparent sind Lebensversicherungen, wenn Anbieter nicht einmal die eigenen Verträge korrekt berechnen können? Diese Frage wirft ein aktueller Vorfall bei der Ergo Lebensversicherung auf. Der Düsseldorfer Konzern hat hunderttausende Lebensversicherungen falsch berechnet und Erträge sowie Gutschriften fehlerhaft ausgewiesen, berichtet Herbert Fromme in der Süddeutschen Zeitung.

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Dass damit ein erheblicher Image-Schaden verbunden sein dürfte, ist wohl auch dem Versicherer bewusst. Obwohl die Fehler bereits seit 2012 dem Konzern bekannt sind, wurde die Öffentlichkeit bisher nicht informiert. Lediglich die betroffenen Kunden sollen eine Korrektur ihrer Verträge erhalten. Auch die deutsche Finanzaufsicht BaFin wurde unterrichtet, verweigert aber eine Stellungnahme.

Berechnungen zum Vorteil und Nachteil des Kunden

Immerhin: Böse Absicht kann man der Ergo diesmal nicht unterstellen. Denn der Versicherer hat an Kunden nicht nur zu wenig ausgezahlt, sondern oft auch zu hohe Beträge. Ursache für den hunderttausendfachen Irrtum sollen falsch rechnende Programme des Versicherers gewesen sein.

“Meistens handelt es sich um kleine Summen“, sagte eine Ergo-Sprecherin der Süddeutschen Zeitung. Dabei gehe es von wenigen Cent „bis in den niedrigen dreistelligen Bereich“, also 100 Euro und mehr. Branchenexperten schätzen jedoch, dass auch fünfstellige Summen auf dem Spiel stehen. Und tatsächlich musste die Pressesprecherin bestätigen, dass auch „Regulierungsbeträge im niedrigen fünfstelligen Bereich auftreten“. Man hat sich also in Einzelfällen um zehntausende Euro verrechnet.

Wie groß das Ausmaß des Schadens ist, kann die Ergo noch gar nicht sagen. Zum jetzigen Zeitpunkt seien 350.000 Verträge korrigiert und die entsprechenden Bescheide verschickt worden. Aber die Bereinigung der Fehler verlangt dem Versicherer einen hohen organisatorischen Aufwand ab. „Noch sind nicht alle Fehler vollständig analysiert“, erklärt die Sprecherin. Aktuell betreut die Ergo über 7 Millionen Lebensversicherungs-Verträge.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Ergo verrechnet hat. 2011 kam ans Licht, dass der Versicherer von bestimmten Riester-Kunden höhere Kostensätze verlangte, als ihnen mitgeteilt worden war. Doch auch damals konnte dem Versicherer kein böser Vorsatz unterstellt werden, wie die abschließenden Zahlen laut SZ zeigten. Aufgrund der Falschberechnung von Riester-Verträgen hatte man nicht nur 2 Millionen Euro zu wenig ausgezahlt, sondern man überwies in anderen Fällen den Kunden auch insgesamt acht Millionen Euro zu viel. Trotzdem zeigte man sich später kulant: „Wir haben die zu viel gezahlte Summe nicht zurückgefordert“.

Kritiker fordern mehr Transparenz

Ergos Probleme würden aus den so genannten Rechenkernen des Versicherers resultieren, erklärt die Süddeutsche. Das sind jene Programme, die die komplexen Berechnungen für die Kosten, Gutschriften und letztendlich Auszahlungen des jeweiligen LV-Vertrages vornehmen. Die Rechenkerne seien zum Teil 50 Jahre alt und andere wurden wiederum in den 90ern programmiert, schreibt das Münchener Blatt. Bei einer Anpassung im Jahr 2003 wurde die Technik umgestellt, aber zum Teil fehlerhafte Rechenkerne nicht korrigiert.

Die Ergo ist nicht der einzige Versicherungskonzern, bei dem die Berechnungen auf teils veralteten und fehleranfälligen Rechenkernen beruhen. Schließlich erforderten Gesetzesänderungen in den letzten Jahren zahlreiche Anpassungen der IT-Technik. Und so gehen Verbraucherorganisationen davon aus, dass auch bei anderen Gesellschaften falsch gerechnet wird.

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Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten (BdV) lässt sich auch nicht dadurch besänftigen, dass einige Verbraucher versehentlich bevorteilt wurden. “Wenn ein Versicherer zu viel auszahlt, geht das zu Lasten anderer Kunden“, erklärte er in einer Stellungnahme. Er forderte eine Korrektur der aktuellen Rechtsprechung. „Der Bundesgerichtshof hat im Februar 2015 entschieden, dass die Gutschriften und Auszahlungen der Lebensversicherer nicht nachprüfbar sein müssen“. Hier müsse eine Klarstellung erfolgen.

Süddeutsche Zeitung