Rente: „Schweden als Vorbild? Ja. Aber dann bitte richtig“
Die Vorschläge der Rentenkommission sind laut Vermittlerverband AfW ein wichtiger Schritt hin zu mehr Kapitaldeckung in der Altersvorsorge. Zugleich warnt der Verband vor einer Ausweitung staatlicher Angebote zulasten des Wettbewerbs. Entscheidend seien nun faire Rahmenbedingungen und qualifizierte Beratung.

Der AfW Bundesverband Finanzdienstleistung begrüßt die Empfehlungen der Alterssicherungskommission grundsätzlich und sieht insbesondere in der geplanten Einführung einer kapitalgedeckten Komponente innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung einen wichtigen Schritt zur Stabilisierung der Altersvorsorge. „Die Rentenkommission bestätigt, was wir seit Langem sagen: Deutschland wird seine Altersvorsorge nicht allein über Umlage, Steuerzuschüsse und immer neue Haltelinien zukunftsfest bekommen. Mehr Kapitalmarkt in der Altersvorsorge ist richtig, notwendig und überfällig“, erklärt AfW-Vorstand Norman Wirth.
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Die Kommission empfiehlt, künftig einen zusätzlichen, paritätisch finanzierten Beitrag in eine kapitalgedeckte Rentenkomponente innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung fließen zu lassen. Die Beiträge sollen individuell zugeordnet und langfristig am Kapitalmarkt investiert werden. Als Vorbild wird unter anderem das schwedische Modell genannt. Für den AfW kommt es dabei entscheidend auf die konkrete Ausgestaltung an. „Schweden als Vorbild? Ja. Aber dann bitte richtig“, betont Wirth. Das häufig genannte staatliche AP7-Modell sei Teil der gesetzlichen Alterssicherung und gerade kein staatlicher Wettbewerber in der privaten Vorsorge. Versicherte könnten dort zudem zwischen verschiedenen zugelassenen Fonds wählen. „Entscheidend ist: Das alles findet innerhalb der ersten Säule statt“, so Wirth.
Besonders kritisch bewertet der Verband das im Altersvorsorgereformgesetz vorgesehene staatlich organisierte Standarddepot für die private Altersvorsorge. Die Rentenkommission empfehle ausdrücklich ein enges Monitoring der bereits beschlossenen Reformen hinsichtlich Verbreitung, Kosten, Renditechancen und Förderwirkungen.
Für den AfW ist dies ein Anlass, das geplante staatliche Angebot grundsätzlich zu hinterfragen. „In der privaten Vorsorge sollte der Staat Regeln setzen, Transparenz schaffen, Förderung ermöglichen und überwachen. Aber nicht selbst mit strukturellen Vorteilen gegen private Anbieter in den Wettbewerb treten“, sagt Wirth. Das Standarddepot stelle einen ordnungspolitischen Systembruch dar und müsse deshalb nochmals kritisch geprüft werden.
Beratung gewinnt weiter an Bedeutung
Die stärkere Ausrichtung der Altersvorsorge am Kapitalmarkt erhöht aus Sicht des Verbandes den Beratungsbedarf. Gerade langfristige Kapitalmarktanlagen seien mit unterschiedlichen Risikoprofilen, steuerlichen Fragen, Fördermöglichkeiten und Auszahlungsvarianten verbunden. „Wer Millionen Menschen stärker an Kapitalmarktlösungen heranführen will, muss verstehen und kommunizieren, dass das keine einfacher Online- und One-size-fits-all-Lösung sein kann“, erklärt Wirth. Beratung sei deshalb „kein Kostenproblem, sondern Risikomanagement im Interesse der Verbraucherinnen und Verbraucher“.
Positiv bewertet der AfW auch die Vorschläge zur Weiterentwicklung der betrieblichen Altersversorgung. Der geplante Sozialpartnerdialog, der Abbau bürokratischer Hürden, eine bessere Portabilität von Verträgen sowie mehr Rechtssicherheit und eine stärkere Förderung von Geringverdienern seien wichtige Ansätze. Allerdings dürften diese Maßnahmen nicht isoliert betrachtet werden. Nach Auffassung des Verbandes müssen gesetzliche Kapitalrente, Frühstart-Rente, private Vorsorge und betriebliche Altersversorgung künftig stärker verzahnt werden. Nur ein abgestimmtes Gesamtkonzept könne die Altersvorsorge langfristig stabilisieren.
Zustimmung erhält auch die stärkere Berücksichtigung von Finanzbildung und der Digitalen Rentenübersicht. Beide Instrumente könnten dazu beitragen, Versorgungslücken frühzeitig sichtbar zu machen und das Bewusstsein für die eigene Altersvorsorge zu stärken. „Die Rentenübersicht zeigt Lücken auf. Schließen muss man sie selber“, bringt Wirth die Herausforderung auf den Punkt.
Flexibilität für Selbstständige gefordert
Bei den Plänen, Selbstständige stärker in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, fordert der AfW Augenmaß. Eine Vorsorgepflicht sei grundsätzlich sinnvoll, dürfe jedoch nicht in einen starren Zwang münden. „Wer bereits ausreichend privat, berufsständisch oder anderweitig kapitalgedeckt vorsorgt, muss ein echtes Opt-out haben“, fordert Wirth. Gerade Selbstständige benötigten aufgrund schwankender Einkommen und unterschiedlicher Lebensphasen flexible Lösungen.
Trotz einzelner Kritikpunkte sieht der Verband in den Empfehlungen der Rentenkommission eine große Chance für einen grundlegenden Neustart der Altersvorsorgepolitik. „Die Richtung stimmt: mehr Kapitalmarkt, mehr Systematik, mehr Ehrlichkeit über die demografischen Herausforderungen“, fasst Wirth zusammen. Nun müsse die Politik beweisen, „ob sie wirklich zu einem großen Wurf bereit ist“.
