Regulierung ohne Ende: Der Bürokratieabbau, der (vielleicht?) nie kommt
Regulierung soll Sicherheit schaffen, Verbraucherschutz stärken und Märkte stabil halten. Doch in der Versicherungsbranche wächst seit Jahren der Eindruck, dass europäische und nationale Vorgaben immer mehr Kapazitäten binden. Die Politik verspricht Bürokratieabbau – aber viele Praktiker fragen sich: Wird diesmal wirklich etwas weniger?

Regulatorik ist für Versicherer ein operativer Dauerzustand. Solvency II, IDD, DSGVO, Nachhaltigkeitsberichterstattung, KI-Regulierung: Viele Vorgaben haben gute Gründe. In Summe aber entsteht ein wachsender Umsetzungsdruck, der Personal, IT und Management bindet. Genau darüber habe ich im Podcast „Die Versicherungsbranche in 2030 Tagen“ mit Peter Bochnia gesprochen, Vertriebsvorstand der LVM. Bochnia ist seit Anfang 1986 in der Versicherungsbranche tätig, seit Ende 1987 bei der LVM und kennt damit fast vier Jahrzehnte Branchendebatten über zu viel Bürokratie, überbordende Regulierung und angekündigte Entlastung.
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Erfahrung trifft Reformversprechen
Bochnia beschreibt die Lage nüchtern: „man spürt schon die starke Regulatorik, die jetzt auch aus Europa kommt.“ Dass die Branche diese Entwicklung nicht nur beklagen, sondern aktiv begleiten müsse, betont er ebenfalls. Es sei wichtig, dass Verbände „die Auswirkungen der Regulatorik sichtbar“ machen und erklären, um Einfluss nehmen zu können.
Seine Skepsis speist sich erkennbar aus Erfahrung. Wer seit fast 40 Jahren in der Branche arbeitet, hat viele politische Ankündigungen zum Bürokratieabbau gehört. Bochnia formuliert es so: „Es ist ja auch erklärtes Ziel, die Regulatorik und Bürokratie entsprechend halt runter zu fahren, aber das ist schon ein schweres Thema.“ Und weiter: „Man sagt das zwar immer, aber man spürt es nicht so richtig, dass da was passiert.“ Sein Eindruck sei vielmehr, „dass dann immer wieder neue Gesetze, neue Regulatorik kommt, die uns dann halt bindet und halt auch Kapazitäten bindet.“
Diese Wahrnehmung passt zum gesamtwirtschaftlichen Befund. In der KPMG-Studie „Business Destination Germany 2026“ wird Bürokratie als größter Standortnachteil Deutschlands beschrieben. 70 Prozent der befragten internationalen Investoren sehen Deutschland bei Regulierung unter den fünf schwächsten EU-Ländern, nur 19 Prozent erwarten in den nächsten fünf Jahren Fortschritte. Für Versicherer wiegt das besonders schwer, weil sie ohnehin zu den am stärksten beaufsichtigten Branchen gehören.
Entlastung auf dem Papier
Auf europäischer Ebene gibt es durchaus Bewegung. Die EU-Kommission will laut ihrer Simplification-Agenda Verwaltungslasten bis zum Ende des Mandats um 25 Prozent für Unternehmen und um 35 Prozent für KMU senken. Das soll 37,5 Milliarden Euro an wiederkehrenden Verwaltungskosten sparen. Auch EIOPA folgt dieser Linie: Die Vorschläge von 2026 zu Solvency-II-Melde- und Offenlegungspflichten sehen weniger Templates, mehr Proportionalität und technische Vereinfachungen vor. EIOPA stellt Entlastungen von 30 Prozent bei jährlichen Templates für Einzelunternehmen und 44 Prozent für kleine, wenig komplexe Unternehmen in Aussicht.
Doch selbst Entlastung erzeugt zunächst Arbeit. Neue Berichtspflichten müssen verstanden, Systeme angepasst, Prozesse verändert und Zuständigkeiten geklärt werden. Der Abbau von Bürokratie wird damit paradoxerweise selbst zum Projekt. Genau darin liegt die praktische Skepsis vieler Unternehmen: Was politisch als Vereinfachung startet, kommt im Haus oft als neue Umsetzungswelle an.
Bürokratieabbau muss spürbar werden
Auch das Allianz Risk Barometer 2026 zeigt, dass Gesetzes- und Regulierungsänderungen für Unternehmen ein zentrales Risiko bleiben: „Changes in legislation and regulation“ rangiert global auf Platz vier der wichtigsten Geschäftsrisiken. Befragt wurden 3.338 Risikoexperten aus 97 Ländern.
Für Versicherer reicht es daher nicht, wenn Bürokratieabbau in Prozentzielen und Strategiepapieren steht. Er muss im Arbeitsalltag messbar werden: weniger Doppelmeldungen, konsistente Fristen, echte Proportionalität, praxistaugliche Übergangsfristen und digitale Schnittstellen zur Aufsicht. Erst dann wird aus einem politischen Versprechen eine betriebliche Entlastung.
Bis dahin bleibt die Lage widersprüchlich: Die Branche hofft auf weniger Bürokratie – und bereitet sich gleichzeitig auf die nächste Regulierungswelle vor. Bochnia bringt diese Mischung aus Hoffnung und Skepsis auf den Punkt: „Also insofern habe ich die Hoffnung, dass da was passiert. Ich glaube aber auch, das wird ein dickes Bett, dass wir da auch gemeinsam bohren müssen.“
Das vollständige Gespräch mit Peter Bochnia können Sie direkt hier hören oder im Versicherungsfunk auf Spotify & Apple-Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.
