Der Diskurs um die Bedeutung der Berufsunfähigkeits-(BU)-Versicherung für den Verbraucher infolge eines Videointerviews des „Handelsblatt“-Journalisten Martin Dowideit am 4. Oktober in der „Orange“ getauften Jugendpostille des Blatts wurde vor allem in den sozialen Medien geführt. Der Protest - vor allem von Seiten der Versicherungsmakler - richtete sich gegen die Worte Dowideits. Der hat zu BU-Policen gesagt, er würde einen „zweiten Blick“ darauf empfehlen, es sei „vielleicht auch gar nicht so gefährlich in dem Job, den man hat.“

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Das „Handelsblatt“ ließ nun, an diesem Mittwoch, einen Versicherungsmakler zu Wort kommen. Dieser Mann, seinen Namen nennt er nicht, „hadert“, titelt das Blatt, mit der BU-Versicherung. Makler No Name, so nennen wir ihn hier mangels Klarname, spricht vermeintlich für die Vermittlerschaft, wenn er schreibt, nicht nur Verbraucher, auch „wir Vermittler“ seien verunsichert und würden von den Versicherern im Unklaren gehalten. Inwiefern nur er oder die Vermittler im Unklaren gehalten würden, das schreibt Makler No Name nicht.

Analyse oder Nabelschau?

Makler No Name gibt sich „skeptisch“, ob die BU-Policen das „Risiko des Verbrauchers treffen oder ob hier nur Panik geschürt wird“. Von wem die angebliche Panik ausgeht, das schreibt der Makler nicht. Zu seinem eigene Standing in der Gesellschaft und das seiner Berufskolleginnen und Kollegen spricht der Autor in einer Textzeile von „schlechtem Ruf“ und „schlechtem Leumund“, wodurch der Text an den Rand einer Nabelschau gerät – und sich von einer sachlich geprägten Analyse entfernt, und zu der es im Folgenden nicht kommt.

All dies Schlechte (der Ruf und der Leumund der Vermittler) sei „kein Wunder ... wenn selbst Vermittler keine Ahnung von relevanten Daten haben“. Immer und ausschließlich werde einem (welchem „einem“, Herr No Name?) kundgetan, dass jeder vierte Arbeitnehmer irgendwann berufs- oder erwerbsunfähig werde.

Empirie oder Totschlagargument?

BU-Statistiken beruhen auf empirischen Daten der Bundes- und Rentenstatistiker. Und im Feinwerk je Versicherer aggregiert von versicherungsmathematischen Sachverständigen (Aktuaren), die auch die passenden BU-Tarife der Unternehmen entwickeln (dies jetzt einmal nur für Makler No Name erläutert). Mr. No Name spricht zu der Quote (jeder Vierte...) von einem „Totschlagargument“. Mr. No Name, wenn Ihnen empirisch ermittelte Zahlen nicht passen, kontern Sie. Mit Empirie oder schweigen Sie. Bitte. Weiter unten folgt Empirie.

Es scheint aus Sicht von Herrn No Name alles rund um die BU noch viel schlimmer zu sein, denn „Fakt ist, dass die deutschen Lebensversicherer kaum Zahlenmaterial“ zu BU veröffentlichten, außer „läppischen Angaben“ zu Vertragszahlen und Rentenhöhen. In diesem Zusammenhang sei Autor No Name einmal auf die Geschäftsberichte der Versicherer hingewiesen. Und gefragt, ob er den Ausdruck „läppische Angaben“ wiederholen würde.

Niemand weiß, wann eine BU eintritt. Aber Mr. No Name bemüht die Spardose

Und einmal versicherungslogisch und materiell argumentiert: Kennte Makler No Name die durchaus hohen Beiträge für BU-Policen, dann würde er wenigstens zustimmen können, dass diese für Leistungen an die kranken Kunden bestimmt sind und nur zum geringeren Teil der Gewinnmaximierung der Unternehmen dienen – und zum Teil wegen der Zinskrise je nach Versicherer Zuschussgeschäfte bedeuten. Jeder – wegen der flachen Zinsen vielleicht nur fast jeder - gezahlte Euro zu BU-Policen kommt zurück an die, die es sind: Berufsunfähig!

Makler No Name ist eigenen Angaben zufolge seit 25 Jahren in der Branche, an Berufserfahrung kann es also nicht fehlen, und schreibt zu BU-Fällen, die im Leistungsfall „gezahlten Renten übertrafen nicht unbedingt die Summe der ... gezahlten Beiträge der Kunden.“ Damit zeigt der Autor sich als Dilettant. Nur Laien verrechnen bei existenziellen Policen Leistungen gegen Beitrag, nur Laien vertauschen die Nicht-Beherrschbarkeit des BU-Risikos mit einer Spardose. Weil niemand weiß, auch nicht der habilitierte Diplom-Mathematiker, ob, wann und bei welchem Versicherten eine BU eintritt – mit 25 oder 55.

Die meisten Kunden bekommen ihre Leistung

Zu einem konkreten Fall, bei dem eine Versicherte monatlich 2.000 Euro Leistungen des Versicherers erhielt schreibt Makler No Name: „Ich muss ehrlich sein ... .Bei mir wäre die Kundin wegen meiner Skepsis wahrscheinlich weniger gut versorgt gewesen.“ Dieses Eingeständnis ehrt Herrn No Name als Mensch, disqualifiziert ihn aber als Makler. Erstens, weil dem Eingeständnis keine Einsicht folgt (etwa: Kunden besser versichern) und zweitens, weil Makler No Names Kunde, kennte er dessen Namen und läse er hier mit, Sorge bekommen könnte, schlecht beraten zu werden.

„Abhilfe könnte die Offenlegung relevanter Statistiken schaffen“ schreibt No Name zu Zweifeln an der Leistung von BU-Policen. Bitteschön: Das sicherlich als neutral anzusehende und angesehene Analysehaus Franke und Bornberg, Hannover, hat wiederholt den Versicherungen in die Akten(!) geschaut und Leistungsstudien zu BU-Fällen veröffentlicht, zuletzt im März: Die meisten Kunden bekommen ihre Leistung.

Schnellkurs zu den Erhebungen von Franke und Bornberg: 75 Prozent der geprüften Leistungsanträge wird stattgegeben, gezahlt. Von den 25 Prozent Ablehnungen beruht eine Hälfte auf zu geringem BU-Grad (Gott sei Dank nicht krank genug, man kann das auch positiv sehen). Übrigens, die Deutsche Rentenversicherung erkennt nur rund 50 Prozent aller Erwerbsminderungsfälle als solche an. Die andere Hälfte der Antragsteller geht leer aus.

Prüfen Sie Ihre Kompetenz

Ein weiteres Viertel aller negativen Entscheide resultiert aus Anfechtungen und Rücktritten also im Antrag nicht angegebenen Vorerkrankungen. Aggregiert sind 75 Prozent von 25 Prozent gut 22 Prozent. Plus 75 Prozent Leistungszusagen kämen wir auf rund 97 Prozent Anerkennungsquote, wenn die Kunden, ja... wenn sie kränker wären (besser nicht, weil sodann weniger krank und damit besser) und wenn im ursprünglichen Versicherungsantrag mit Gesundheitsfragen geschludert wird.

Der Autor dieser Zeilen hatte 1982, als er das Versicherungshandwerk erlernte, einen strengen Chef („Rüssel in die Akte!“ – damals gab es noch Papier) und der sagte immer: „Wenn sie Experte sein wollen, dann prüfen sie gefälligst ihre Kompetenz“. Das würde er heute wohl auch Herrn No Name zurufen. Und dem „Handelsblatt“, das seinen Gast- und Autoren ja auch mal auf den Zahn fühlen könnte. Makler No Name hat sich und seinen Berufskollegen - und hoffentlich keinem seiner Kunden - einen Bärendienst erwiesen.