Der US-Nachrichten-Koloss Bloomberg, von seinem Fokus her sicherlich nicht auf das alte Europa oder das kleine Deutschland konzentriert, befasst sich mit den Verwerfungen am Versicherungsmarkt in diesem unserem Land und seinen EU-Nachbarn. Und meldet Zahlen. Zum Beispiel zur Zurich-Gruppe. 8.000 Stellen und eine Miliarde Euro wolle der Versicherungs-Konzern sich sparen.

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Auf der anderen, sozusagen der digitalen Seite, will das Unternehmen allein in Deutschland 300 Millionen Frischgeld investieren, meldet Bloomberg. Und demnächst ebenfalls laut "Börse Online" in diesem Land 330 Leute entlassen. Diese Zahl der, sicherlich sozial abgefederten, Rationalisierung entspräche einem regelrechten Kahlschlag. Zürich hat in Deutschland bislang 5.000 Menschen in Lohn und Brot. Ein Abbau von weiteren 600 Jobs ist außerdem angekündigt. Am Ende kappt die Zürich mit knapp 1.000 Stellen ein Fünftel ihres Personals in Deutschland.

Allianz reguliert Autoschäden auf dem Smartphone

Marktführer Allianz investiert allein auf Produkte bezogen "bis Ende 2017 zusätzlich zu den bisher geplanten 100 Millionen weitere 80 bis 100 Millionen Euro", das sagte ihr damaliger Deutschland-Chef Markus Rieß bereits im Frühjahr 2015. Das Unternehmen, hieß es an anderer Stelle, werde eine digitale Welt "um die Agentur herum" bauen. Auto-Kunden sollen Schäden mit Hilfe einer App regulieren lassen. Für beide Beteiligten, Allianz und Kunde, ist diese Art, verbogenes Blech gerade zu biegen billig und direkt. Ups, wer fehlt in dieser App-Beziehung Versicherer und Versicherungsnehmer? Richtig, der Allianz-Agent. Noch ist die App eine Entlastung auch des guten alten Allianz-Agenten, der mit Blechschäden weniger Arbeit hat, wenn es bei seinem Kunden geknallt hat. Wenn der Kunde noch sein Kunde ist! Genauer; falls der Kunde in Zukunft noch sein Kunde ist - und ihm noch Geld bringt, oder nicht. Die digitale Strategie der Allianz sieht vor, alle Produkte auf allen Kanälen (Vertreter, Internet, App) zu einem Preis zu verkaufen. Und das kann nur bedeuten, dass die Produkte nicht zu "Agenturpreisen" angeboten werden. Die Einkommen der Allianz-Vertreter (sie sind nur ein Beispiel für den Markt) werden sinken, weil ihre Margen gekappt werden oder sich der Kunde "kappt" und direkt kauft.

An welchen Stellen der Prozesse greifen die Insurtechs an?

Um die neue Welt der digitalen Konkurrenz der alten Versichererungswelt und ihrer Protagonisten und der Gegenseite, den Insurtechs, zu verstehen, muss man wissen, an welchen Stellen in alten, eingefahrenen Prozessen die Denker der Insurtechs eingreifen, angreifen. Drei Innovations-Profis, Barret Ersek (US-Unternehmer), Prof. Eileen Weisenbach-Keller (USA) und John Mullins (London) haben Disruption, also das brechen, besser einbrechen in angestammte Prozesse - Innovation - im Aprilheft des deutschen "Harvard Business Manager" erklärt.

Sie stellen fünf prüfende Fragen:

  1. Wo lassen sich in alten Verkaufsprozessen Teilschritte finden, die man eliminieren kann?
  2. Gibt es überflüssige Kosten?
  3. Können wir dem Kunden ein Risiko abnehmen? (Hier NICHT als Versicherungsrisiko gemeint, sondern eventuelle Kostenrisiken)
  4. Hat das untersuchte Unternehmen oder die Branche hohe Mitarbeiter-Fluktuation? (Ein Beispiel wären Callcenter)
  5. Hat das Produkt negative Folgen? (Etwa beim Auto Umweltverschmutzung)

Bei Position 1 und 2 wurden die Insurtechs fündig und sagen sich vereinfacht ausgedrückt: Vermittler? Brauchen wir keine, womit auch entsprechend überflüssige Provision-Kosten sinken, sobald diese Berufskaste überflüssig ist. Aber auch zu Frage 3, Risiken des Kunden, arbeiten einige Insurtechs inzwischen an Lösungen. Am Beispiel der Haftpflicht-Police (PHV) etwa. Heute müssen, besser sollten, die Kunden wissen, ob ihr Vertrag heutzutage eigentlich selbstverständliche Zusatzbausteine hat, etwa eine Deckung gegen Forderungsausfall, also wenn ein Schädiger selbst keine PHV hat. Morgen, irgendwann in wenigen Jahren, werden Insurtechs über ihren Versicherungspartner eine Ruzndum-Police anbieten, so das Szenario. Alles drin, oder sagen wir fast alles.

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Insurtechs-Marktzugang Assekuradeur

Und dann gibt es da noch den Assekuradeur. Bisher kaprizieren sich Insurtechs auf das Vermitteln. Sie sind als Versicherungsmakler zugelassen. In Zukunft könnten diese Unternehmen, siehe das Beispiel PHV oben, sich als Assekuradeur aufstellen. Also als eine Art Versicherer ohne Geld (das Geld hat der eigentliche Versicherer im Hintergrund). Aber als Assekuradeur könnten Insurtechs eigene Produkte "bauen", anbieten, Risiken autonom zeichnen und die Schäden in Eigenverantwortung regulieren. Der Versicherer würde zum einfachen Risiskoentsorger, pardon Risikoträger, verkommen - und Sparte noch mehr Jobs.