Fintechs: Die Jungen, Schnellen, Kreativen

Mehrere Dinge kommen zusammen, die den Boom der Fintechs in den letzten Jahren begründeten. Zum einen führen neue technische Möglichkeiten zu neuen Geschäftsideen. Das Wissen ums Geschäft lässt sich demnach kaum noch vom Wissen um technische Möglichkeiten der Digitalisierung trennen. Auch ersetzt die Technik auf kleinen Raum heutzutage das einstige Großraumbüro und leistet, was einst nur durch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Spezialwissen möglich war – das Aufnehmen und Auswerten von Daten, das Vergleichen und Entwickeln von Produkten, das Steuern komplexer Prozesse.

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Weltweit können Investoren schnell mit einer Geschäftsidee erreicht, können zudem alternative Wege der Anschubfinanzierung gefunden werden – Stichwort "Schwarmfinanzierung". Durch derartige Möglichkeiten fallen Marktbarrieren und werden traditionelle Geschäftsmodelle infrage gestellt. Schnelligkeit und Kreativität werden, neben der technischen Kompetenz, immer mehr für den Geschäftserfolg bestimmend.

Dass sich die Marktgeschichte der Fintechs hierbei als Erfolgsgeschichte schreiben lässt, dafür gibt es genügend Belege. Das lässt sich am speziellen Markt der Insurtechs und damit jener Fintech-Startups aufzeigen, die sich auf Versicherungsprodukte spezialisiert haben. Allein Europas größter Versicherer Allianz pumpt eine Milliarde Euro in Start-ups der Techbranche (der Versicherungsbote berichtete). Und der spektakuläre Aufkauf der Berliner Software-Firma Relayr durch die Munich Re für 260 Millionen Euro zeigt: Mittlerweile verleiben sich traditionelle Finanzdienstleister auch erfolgreiche Fintechs ein (der Versicherungsbote berichtete). Im Zuge der Digitalisierung werden immer mehr etablierte Finanzunternehmen von Fintechs abhängig, die Fintechs begeben sich aber auch in Abhängigkeit großer Unternehmen: Sie sind ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Finanzmarktes geworden.

233 Fintechs seit 2011 gescheitert … mit zunehmender Zahl

Jedoch: Der Markt kennt auch eine andere Seite. Auf diese lenkt gerade eine Studie des Beratungsunternehmens PwC den Blick. Wertete das Unternehmen doch Daten einer großen Startup-Datenbank aus und stellte hierbei fest: 233 deutschen Fintech-Startups sind seit 2011 gescheitert. Doch damit nicht genug, denn die Zahl der scheiternden Unternehmen nimmt seit Jahren zu. Ein Trend, der laut Studie jedoch erst ab 2017 begann: Drei Viertel der Unternehmen scheiterten in den Jahren 2017 bis 2019.

Mit deutlicher Tendenz: 62 Fintechs verschwanden nur in 2017 vom deutschen Markt, im Jahr 2018 waren es schon 74 Fintechs. Und von Anfang Januar 2019 bis zum Mai diesen Jahres waren es bereits weitere 34 deutsche Fintechs, die ihr Geschäft aufgaben – so viele wie nie zuvor in den ersten Monaten eines Jahres.

22 Insurtechs betroffen

Untergliedert man die gescheiterten Unternehmen noch einmal in Unterkategorien, ergibt sich folgendes Bild: Mit 70 Geschäftsaufgaben haben Unternehmen aus dem engeren Bereich Finanzen die meisten Verluste zu verzeichnen, gefolgt vom Immobilien-Bereich Proptech mit 53 Geschäftsaufgaben. Dem folgen die Bezahlungsdienste Payments mit 29 Geschäftsaufgaben. 22 mal sind Insurtechs betroffen. Der Bereich Investment musste 20 Geschäftsaufgaben von Fintechs hinnehmen, 17 Geschäftsaufgaben ordnet das Beratungsunternehmen unter Sonstige ein. Für den Bereich Bitcoin-Technologie und damit Kryptowährung gibt es 11 Geschäftsaufgaben zu verzeichnen. Hinzu kommen: Vier Geschäftsaufgaben für den Bereich Accounting, drei für den Bereich Online ID, zwei Geschäftsaufgaben für den Bereich Finanzaggretation sowie je eine Geschäftsaufgabe für Regtech und Gastro.

Das verflixte „vierte Jahr“

Die Studie zeigt auch: Viele der Fintechs scheitern früh, jedoch nicht sofort. Fintechs, die schon länger als fünf Jahre am Markt bestehen, haben zudem eine größere statistische Wahrscheinlichkeit, sich auch weiterhin zu behaupten. So brachten es alle gescheiterten Fintechs auf eine durchschnittliche Existenz von 3,8 Jahren. Nur fünf Prozent der Fintechs scheiterten bereits im ersten Jahr ihrer Existenz. Zwölf Prozent der Unternehmen scheiterten im zweiten Jahr, schon 22 Prozent im dritten. Die meisten der gescheiterten Fintechs aber, nämlich 26 Prozent, scheiterten im vierten Jahr.

Auch für das fünfte Unternehmens-Jahr liegt die Quote mit 15 Prozent aller gescheiterter Unternehmen noch hoch, nimmt dann aber mit jedem Jahr deutlich ab. Im neunten und im zehnten Jahr scheiterten jeweils nur ein Prozent jener Unternehmen, die wieder vom Markt verschwanden.

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Warum aber ist das so? Die Experten liefern mit ihrer Studie eine These. So führt Sascha Demgensky, Leiter FinTech bei PwC in Deutschland, aus: Unter den gescheiterten Firmen seien viele „Me-too-Fintechs“, die „irgendwann 2013 oder 2014 auf den Zug aufspringen wollten“ – und dann feststellen mussten, dass es in ihrem Segment schon "Wettbewerber gibt, die schlicht früher dran waren“. Mit zunehmendem Erfolg der Fintechs boomte demnach auch der Gründermarkt und der Markt der Nachahmer – damit aber wuchs der Wettbewerb unter den jungen Unternehmen. Denkbar ist auch, dass viele Geldgeber an dem Boom partizipierten wollten und deswegen auch Geld für riskantere und weniger geprüfte Projekte gaben. Mit dem Markt aber wuchs auch die Zahl der Verlierer.