Was hat es mit dem berühmten Satz des Physikers auf sich? Reis wollte beweisen, dass seine Erfindung, der sogenannte "Fernsprecher", tatsächlich funktionierte. Vor versammeltem Publikum schickte der Physiker deshalb seinen Schwager in den Garten und lies ihn aus einem Buch vorlesen. Am anderen Ende der Leitung befindlich, wiederholte der Erfinder, was sein Schwager ihm vorgetragen hatte. Ein Kollege aber zweifelte an, dass das Telefon tatsächlich Sprache übermitteln kann. Vielleicht, so der Vorwurf, kenne Reis das Buch auswendig. Der Kollege berichtet: "Deshalb ging ich selbst in den Raum, in dem das Telefon stand, und sprach einige Sätze wie 'Die Sonne ist von Kupfer' oder 'Das Pferd frisst keinen Gurkensalat'". Als Reis ihm diese Sätze wiedergeben konnte, war auch der Zweifler überzeugt, dass der Apparat funktioniere.

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Smartphone verdrängt Heim-Computer

Heute aber habe sich die Situation grundlegend geändert - Wohl kaum einer geht noch ohne Smartphone aus dem Haus. Im Rahmen der Fachkonferenz „Mobile IT in Versicherungen“ fragt Pousttchi die Teilnehmer: „Wer hat von Ihnen kein Mobiltelefon - Null?“ und beantwortet die rhetorische Frage selbst: „2016 - Sie finden schon die Frage reichlich bescheuert, oder?“

75 Prozent der Deutschen würden ohne ihr Mobiltelefon nicht das Haus verlassen. Dieser Megatrend sei unaufhaltsam. So lassen sich aber auch nützliche Erkenntnisse daraus ableiten. Man solle sich keine Illusionen machen, welches heute der eigentliche first und welches der second Screen ist, denn das sei bereits ersichtlich: Immer häufiger werde das Smartphone genutzt, immer seltener der heimische PC.

So weit sei es gekommen. Es dauerte 60 Jahre bis jede Familie in Deutschland ein Telefon hatte beziehungsweise haben konnte; 30 Jahre bis in jedem Haushalt ein PC stand; doch innerhalb von nur 15 Jahren hatte plötzlich jeder so ein kleines Gerät in der Tasche, resümiert Pousttchi. Nie zuvor habe sich eine bahnbrechende Technologie so schnell verbreitet, schließt Professor der Universität Potsdam seine einleitenden Worte.

Smartphones sind allumfassend

Kommunikation sei ein Grundbedürfnis des Menschen. Keine technische Errungenschaft habe den Alltag des Menschen bisher so verändert, wie dieses allumfassende Publikationsmedium - gemeint ist das Smartphone. Es verbinde Menschen. Die Struktur unserer Kommunikation habe sich fundamental geändert. Wissenschaftlich gesehen, addressiert dieses kleine Endgerät auf der einen Seite ziemlich alte Grundinstinkte des menschlichen Gehirns.

Als der Mensch vor ein paar tausend Jahren noch mit seiner Sippe im Wald gelebt hat, die Herren mit der Keule auf der Schulter, die Damen mit dem Körbchen zum Pilze sammeln, war es für ihn lebensgefährlich nicht auf dem Laufenden zu sein und mit der Gruppe zu kommunizieren. Da sich das Gehirn nicht so dramatisch schnell verändert habe, hat das der Mensch also gelernt. Das Smartphone sei darüber hinaus aber zu einem Suchtmittel geworden und führe zu psychischer Abhängigkeit. Deswegen ist das Verhalten des Menschen mit dem Gerät oft so schwer zu kontrollieren. Das ist die sehr alte Seite der Medaille.

Versicherungskunden wollen unterhalten werden

Es gebe aber auch eine zweite, moderne Seite der Medaille. Die persönliche Aufmerksamkeit werde durch die Technologie gelenkt. Früher haben der Inhalt, die Wichtigkeit des Gesprächs und die des Gesprächspartners bestimmt, wem die Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Heute bestimme das Smartphone. Pousttchi kritisiert, dass weder Wirtschaft noch Gesellschaft die digitale Transformation in ihrer vollen Tragweite erfasst hätten und weite Teile unserer Wirtschaft deshalb nicht zukunftssicher aufgestellt seien.

Was bedeutet dies für die Versicherungswirtschaft? Aus einer Studie lasse sich ableiten, dass es Spaß bereiten müsse, die mobile Anwendung eines Versicherers zu verwenden. Denn das sei entscheidend dafür, ob diese als nützlich empfunden werde. Die Indikatoren für die Wahrnehmung der Nützlichkeit seien zwar auch Effizienz-Faktoren: Zeit sparen, Geld sparen und Arbeitsaktivitäten unterstützen. In Anbetracht dessen, dass der Nutzer diese zwar gerne mitnimmt, seien diese Faktoren allerdings nicht handlungsauslösend. Die Haupterkenntnis aus der Studie sei, dass dem Volk langweilig ist, dass es unterhalten werden möchte.

IT müsse das Nervensystem des Unternehmens werden

Für die Zukunft zeichne sich zudem ab, dass es eine Trennung zwischen realer und virtueller Welt in ein paar Jahren nicht mehr gebe. Die Grenze verschwimme jetzt schon sehr stark. Sie werde bald komplett aufgehoben sein. Die Versicherungsbranche sollte sich darauf einstellen, hob Pousttchi den verbalen Zeigefinger.

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Außerdem werde Big Data ein zentrales Element. In den nächsten 20 Jahren werde die wesentliche Innovation der Versicherungsbranche in der automatisierten Verwendung von Daten liegen. Dies betreffe insbesondere Endkundendaten. Einerseits gehe es dabei um die Entwicklung von Produkten und Abläufen im Unternehmen. Andererseits gehe es aber auch sehr stark um den Zugang zum Endkunden. Es müsse möglich gemacht werden, Prognosen zu erstellen und eine Beeinflussung des Endkunden-Verhaltens zu bewirken. "Und last but not least: IT ist und muss das interne und externe Nervensystem des Unternehmens werden.", erklärte Pousttchi.