Derzeit beziehen etwa 2,6 Millionen Menschen in Deutschland Leistungen aus der Pflegeversicherung, das entspricht einer Steigerung um fast 50 Prozent seit 1998. Dieser Anstieg ist vor allem auf die demographische Entwicklung zurückzuführen und wird sich daher in Zukunft eher noch verstärken. Gut 70 Prozent der Pflegefälle, das sind etwa 1,7 Millionen Menschen, werden heute zu Hause und knapp 30 Prozent stationär gepflegt. Daneben gibt es eine nicht unerhebliche Zahl an Menschen, die auf Pflege angewiesen, aber (noch) nicht leistungsberechtigt sind und ebenfalls fast ausschließlich zu Hause gepflegt werden.

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Was dies für das Einkommen und Vermögen von Haushalten, in denen pflegebedürftige Personen leben, bedeutet, zeigte eine aktuelle Studie des DIW Berlin auf Basis seiner Langzeiterhebung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP).

Pflegehaushalte verfügen über deutlich geringeres Vermögen

Pflegehaushalte verfügen über ein ähnlich hohes Haushaltseinkommen wie Haushalte ohne Pflegebedürftige. Das gewichtete verfügbare Einkommen ist mit etwa 20.000 Euro im Jahr ähnlich hoch. Doch werden Pflegehaushalte stärker von öffentlichen Mitteln gestützt: Während Haushalte ohne Pflegebedürftige zu 30 Prozent Einkommen aus Erwerbstätigkeit beziehen, beträgt dieser Anteil bei Pflegehaushalten nur 18 Prozent des Einkommens. Insgesamt erhalten rund 71 Prozent der Pflegehaushalte öffentliche Transfers gegenüber nur 13 Prozent der Vergleichsgruppe, zeigt die Studie.

Deutliche Unterschiede gibt es bei der privaten Vermögenslage: Pflegehaushalte beziehen seltener Kapitaleinkommen und erzielen dabei geringere Erträge. Sie verfügen über ein mittleres Vermögen (Median) von 9.000 Euro im Vergleich zu 60.000 Euro in der übrigen Bevölkerung ab 60 Jahren. Ein nicht unerheblicher Teil, fast 40 Prozent, hat kein Vermögen oder ist verschuldet. In anderen Haushalten sind dies nur knapp 20 Prozent.

Insbesondere alleinlebende Pflegebedürftige verfügen über geringe finanzielle Mittel. Insgesamt leben aber in 40 Prozent aller Pflegehaushalte alleinstehende Personen. Mit einem Median von 3.000 Euro haben diese Pflegebedürftigen die geringsten Reserven, während die Vergleichsgruppe Vermögen im Wert von 35.000 Euro besitzt. Mehrheitlich haben vor allem alleinlebende Frauen ein solch geringes finanzielles Polster.

Ursachen für Einkommensunterschiede in Pflegehaushalten

Im Pflegefall entstehen zusätzliche Kosten durch Pflegeleistungen, die nicht vom Gesetzgeber übernommen werden oder durch Zahlungen für bestimmte Medikamente. Bei stationärer Betreuung wird vom Gesetzgeber beispielsweise nur für den Pflegeaufwand, die soziale Betreuung sowie die medizinische Behandlungspflege im Pflegeheim gezahlt. Darüber hinaus anfallende Kosten müssen selbst getragen werden. Das betrifft Kosten für Unterbringung, Verpflegung und besonderer Komfort.

Werden Betroffene zu Hause gepflegt, sinkt häufig das Einkommen der pflegenden Angehörigen, weil sie ihre Erwerbstätigkeit einschränken, um Pflege und Beruf miteinander zu vereinbaren. Mit zunehmender Dauer der Pflege können Haushalte oftmals die Kosten nicht mehr aus dem laufenden Einkommen tragen und müssen auf ihr Vermögen zurückgreifen.

Reformbedarf in der Pflege - Hohes Risiko für künftige Generationen

Die geringen Reserven bedingen eine hohe Abhängigkeit von staatlichen Pflegeleistungen. Rund 73 Prozent der Pflegebedürftigen beziehen Leistungen aus der Pflegeversicherung; das Pflegegeld beträgt im Durchschnitt gut 5.000 Euro im Jahr. Die Pflegeversicherung ist eine wichtige Unterstützung - deckt jedoch nicht den gesamten Pflegebedarf. Fehlt ein eigenes finanzielles Polster, ist Altersarmut eine wahrscheinliche Folge. Das ist nicht nur für aktuell Betroffene kritisch. „Diese stärkere Abhängigkeit von öffentlichen Transfers birgt Risiken für künftige Generationen, da das Rentenniveau in Zukunft sinken wird“, sagt DIW-Rentenexperte Johannes Geyer, der die Einkommens- und Vermögenssituation von Pflegebedürftigen in Privathaushalten untersuchte und mit der übrigen Bevölkerung ab 60 Jahren verglich.

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Problematisch ist weiterhin: In der Vergangenheit wurden Pflegeleistungen selten an die laufende Preis- und Lohnentwicklung angepasst. Seit 2008 wurden die Leistungen in mehreren Stufen erhöht, und seit 2015 werden sie alle drei Jahre an die Preisentwicklung angepasst. „Man läuft der Preisentwicklung hinterher, aber um das Versorgungsniveau zu halten, wäre es besser, die Preisentwicklung vorwegzunehmen“, sagt Geyer, der hier weitere Reformen erwartet.

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW