Es war der gute Riecher, der den Geschäftsleuten Fink und von Thieme zum Erfolg verhalf. Als sie die Allianz im Jahr 1890 gründen, ist das Automobil -damals noch eine dreirädrige Kutsche mit Benzinmotor- gerade drei Jahre alt, die Dampfmaschine ganze sechs Jahre. Das Telefon sorgt für eine neue Vernetzung der Welt. Die technischen Neuerungen lösen einen industriellen Boom aus, der auch nach neuen Versicherungslösungen verlangte - die Allianz bietet sie mit Transport- und Unfallversicherungen. "Sie reagiert auf einen neuen Zeittrend, eine erste Globalisierung", erklärt der Historiker Peter Borscheid.

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Schon früh beginnt die Allianz, sich auch außerhalb von Deutschland zu engagieren. Damit beweist sie Weitblick und Überlebensinstinkt. 1893 wird bereits die erste Filiale in London eröffnet. Als infolge der großen Inflation 1923 viele Versicherungen vom Markt verschwinden, verfügt die Allianz über ausreichend Fremdwährungen, um den Absturz zu verhindern. Auch die Breite des Angebots sichert der Allianz das Überleben: Verluste in einigen Sparten kann sie in anderen wieder ausgleichen. Unter dem Vorstandsvorsitzenden Kurt Schmitt wird die Allianz die Nummer 1 auf dem deutschen Versicherungsmarkt.

Nationalsozialismus: Erfüllungsgehilfe der Nazis

Aber es gibt auch dunkle Seiten in der Historie. Wie der WDR berichtet, unterstützt Vorstand Kurt Schmitt die Nationalsozialisten bei ihrem Aufstieg. Von 1933 bis 1935 ist er sogar zweiter Reichswirtschaftsminister im Kabinett Adolf Hitlers. Besonders gern lässt sich Schmitt in SS-Uniformen ablichten.

Damit einher geht die antisemitische Gleichschaltung des Unternehmens. „Die jüdischen Mitarbeiter wurden aus dem Unternehmen gedrängt. Die Lebensversicherungen jüdischer Kunden konfisziert“, erklärt Historikerin Barbara Eggenkämper dem WDR. Private SS-Wirtschaftsbetriebe, die in Konzentrationslagern angesiedelt sind, werden häufig bei der Allianz versichert. Auch eigene Führungskräfte fallen dem Regime zum Opfer. James Freudenburg, Chef einer Frankfurter Tochtergesellschaft, wird 1934 zum Rücktritt gezwungen und 1944 in Auschwitz ermordet.

Wirtschaftswunder-Zeiten: Das Auto wird zum Sinnbild für Wohlstand

Nach dem zweiten Weltkrieg kann die Allianz nicht weitermachen wie bisher. Der Hauptsitz im Berliner Osten ist zum Teil zerstört, private Versicherungen dürfen im russischen Besatzungsgebiet nicht weiterarbeiten. Es folgt der Neubeginn in München, wo auch der Versicherungsgigant Münchener Rück seinen Sitz hat. Bis in die neunziger Jahre hinein halten beide Firmen jeweils 25 Prozent aneinander. Das neue Verwaltungsgebäude wird 1954 von Bundeskanzler Konrad Adenauer persönlich eröffnet.

Der Wiederaufstieg verläuft rasant. 1949 erwirtschaftet die Allianz bereits wieder die Zahlen von 1933. Fünf Jahre später beschäftigt der Versicherer 500 Mitarbeiter in seinem Sitz in der Münchener Königinstraße. In Wirtschaftswunderzeiten beschert die Motorisierung Milliardenzuwächse. Mit dem VW Käfer wird ein kleiner rundlicher Wagen zum Sinnbild des neuen Wohlstands – und die Allianz setzt Millionen Kfz-Haftpflichtversicherungen um.

Zum Erfolg des Unternehmens trägt auch die Konstanz an der Führungsspitze bei. Wenn im Mai 2015 Oliver Bäte den langjährigen Patriarchen Michael Diekmann ablöst, wird er erst der zehnte Chef in der 125jährigen Firmengeschichte sein. Auch die internationale Ausrichtung ist eine feste Konstante in der Firmengeschichte. Ab 1959 baut die Allianz Zweigniederlassungen in Paris, Mailand und Wien auf. Neugegründete Tochtergesellschaften etablieren sich seit den 70er Jahren in den USA und anderen ausgesuchten Märkten. Die Industrieversicherung wird zum Wachstumsmotor. Die Übernahme tradionsreicher Versicherer in Frankreich (AGF), Italien (RAS) und den USA (Firemans Fund) lässt den Konzern zu einer Weltmarke werden.

Wachstumsschub seit den 90er Jahren

Ein weiterer Meilenstein in der Firmengeschichte folgt 1990. Als nach der Wende die Staatliche Versicherung der DDR abgewickelt wird, übernimmt die Allianz die Altverträge und erwirbt damit ein Quasi-Monopol in den neuen Ländern. Auch wenn sich der Versicherungsmarkt mittlerweile in Ostdeutschland stärker ausdifferenziert hat: Der Deal sorgt für Misstrauen bei der Konkurrenz und bei Altkunden. Die Allianz soll sich „durch korruptionstypische Handlungen“ den Einstieg in den DDR-Markt gesichert haben, wirft die Staatsanwaltschaft München später den Verantwortlichen vor, von Bestechungsgeldern ist die Rede. Die Hintergründe konnten nie genau aufgeklärt werden und sorgen noch heute für Spekulationen.

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Der sich öffnende europäische Binnenmarkt und Aktienboom der 90er Jahre bietet der Allianz neue Perspektiven. Die Expansion nach Osteuropa beginnt mit dem Kauf der größten ungarischen Versicherungsgesellschaft. 1994 stieg die Allianz mit dem Kauf der Vereinte Versicherung in das deutsche PKV-Geschäft ein. 1997 übernahm die Allianz 51 Prozent der Aktien der zweitgrößten französischen Versicherung, Assurances Générales de France (AGF), im Wert von 9,2 Mrd. DM. Die Allianz wächst und wächst. 2006 findet die Umwandlung der Allianz AG in eine Europäische Aktiengesellschaft (SE) statt, wodurch Expansionen weiter erleichtert werden. Seit dem Absturz des amerikanischen Versicherers AIG nach der Finanzkrise 2008 ist die Allianz der weltgrößte Versicherungskonzern. 2012 beschäftigte die Allianz 151.000 Festangestellte in über 70 Ländern. Die aktuellen Entwicklungen deuten darauf hin, dass die Erfolgsgeschichte noch lange nicht zu Ende ist.