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Regulierung als Bremse für Big Tech

Lange galt Big Tech als Schreckgespenst der Versicherungsbranche: Google, Amazon und andere Plattformkonzerne haben Kundendaten, Reichweite, Kapital und digitale Nutzeroberflächen.

Für Thomsen liegt ein Teil der Erklärung darin, dass Big Tech im Versicherungsgeschäft nicht einfach mit der üblichen Plattformlogik durchmarschieren kann. Wer Versicherungen vertreibt oder selbst anbietet, bewegt sich in einem regulierten Markt. Das gilt auch für Unternehmen mit Milliardenbudgets und perfekter Nutzeroberfläche.

„In dem Fall hilft die Regulatorik, weil eben diese Big Techs und wie sie alle heißen, die gleiche Regulatorik entsprechend erfüllen müssten“, sagt Thomsen im Podcast. Die Konzerne wüssten, „dass das einen riesen Aufwand bedeutet und extrem viel Manpower braucht“. Deshalb sei es bislang „ruhig geblieben“.

Das ist keine romantische Verteidigung der klassischen Versicherer. Es ist eher ein Hinweis darauf, dass Finanz- und Versicherungsprodukte anders funktionieren als Shopping, Suche oder Streaming. Kundendaten, Cloud-Infrastruktur, Marktmacht und Finanzdienstleistungen greifen hier ineinander. Genau diese Mischung beschäftigt auch Aufseher und internationale Institutionen wie die Bank for International Settlements, die Big-Tech-Aktivitäten im Finanzsektor seit Jahren unter dem Blickwinkel neuer Risiken diskutiert.

KI darf helfen – aber nicht einfach den Abschluss übernehmen

Beim Thema KI argumentiert Thomsen ähnlich nüchtern. Es geht ihm nicht um den bekannten Onlineabschluss über eine regulierte Strecke. Der ist längst Alltag. Spannender ist die Frage, ob künftig eine KI im Namen eines Kunden eine Versicherung aussuchen, beraten und abschließen kann. Hier zieht Thomsen eine klare Linie: „Eine KI […] darf nicht abschließen. Ist einfach nicht erlaubt.“

Damit geht es weniger um Technik als um Verantwortung. Wer hat beraten? Wer haftet bei einer falschen Empfehlung? Hat der Kunde verstanden, was ausgeschlossen ist? Wurde dokumentiert, warum ein Produkt vorgeschlagen wurde? Solche Fragen verschwinden nicht, nur weil die Oberfläche komfortabler wird.

Auch die europäische Aufsicht denkt in diese Richtung. Die EIOPA-Opinion „Artificial Intelligence Governance and Risk Management“ von 2025 betont, dass Versicherer KI risikobasiert steuern müssen und bestehende aufsichtsrechtliche Pflichten weiter gelten. Der EU AI Act verlangt bei besonders sensiblen Anwendungen unter anderem Risikomanagement, Dokumentation, Datenqualität, Nachvollziehbarkeit und menschliche Aufsicht. Bei Chatbots muss zudem erkennbar sein, dass Nutzer mit einer Maschine sprechen.

Agentische KI macht die Kundenschnittstelle neu auf

Interessant wird es dort, wo KI nicht nur antwortet, sondern Aufgaben erledigt. Thomsen beschreibt agentische KI als System, das organisiert, nachfragt und ausführt. Auf Versicherungen übertragen könnte ein Kunde also sagen: „Liebe KI, ich brauche eine Hausratversicherung, schließe mir eine Haushaltsversicherung ab.“ Danach würde das System Wohnungsgröße, Budget und gewünschten Leistungsumfang abfragen. Thomsen hält das nicht grundsätzlich für ausgeschlossen. Sein entscheidender Zusatz lautet: „wenn die Regulatorik dann mitspielt“.

Genau darin liegt der Unterschied zur alten Big-Tech-Debatte. Die Gefahr besteht nicht unbedingt darin, dass Amazon oder Google morgen selbst als Vollversicherer auftreten. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Erwartung der Kunden verändert. Wer es gewohnt ist, dass digitale Assistenten Reisen planen, Verträge vergleichen oder Einkäufe erledigen, wird sich irgendwann fragen, warum einfache Versicherungsprodukte noch anders funktionieren sollen.

McKinsey beschreibt für die Versicherungsbranche bereits Szenarien, in denen Multiagenten-Systeme und agentische KI-Architekturen eine größere Rolle spielen. Auch die FCA-Mills-Review „AI and the future of retail financial services“ von 2026 beschäftigt sich mit der Frage, was passiert, wenn KI im Auftrag von Verbrauchern handelt.

Für Versicherer und Vermittler ist das unbequem, aber nicht zwangsläufig existenzbedrohend. Einfache Produkte könnten stärker automatisiert werden. Der Abschluss einer Hausrat-, Reise- oder Geräteversicherung wird dadurch vermutlich noch standardisierter. Bei komplexer Absicherung, Beratungspflichten, Haftungsfragen und Schadenfällen bleibt der menschliche Anteil dagegen schwerer zu ersetzen.

Die eigentliche Verschiebung liegt also nicht darin, dass Big Tech die Versicherer überrollt hat. Das ist bisher nicht passiert. Spannender ist, wer künftig die erste Empfehlung ausspricht: ein Vermittler, ein Vergleichsportal, der Versicherer selbst oder ein KI-Agent, der auf Kundenseite sitzt.

Das vollständige Gespräch mit Frank Thomsen können Sie direkt hier hören oder im Versicherungsfunk auf Spotify & Apple-Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.