Psychische Erkrankungen: Milliardenrisiko für Wirtschaft und Arbeitsmarkt
Psychische Erkrankungen könnten bis 2030 jährliche Produktivitätsverluste von bis zu 120 Milliarden Euro verursachen. Der größte Teil dieser Verluste entsteht nicht durch kurzfristige Fehlzeiten, sondern durch dauerhaft verringerte Erwerbsbeteiligung.

Psychische Erkrankungen entwickeln sich zunehmend zu einer der größten Herausforderungen für Arbeitsmarkt und Wirtschaft in Deutschland. Laut einer aktuellen Analyse der Zurich Insurance Group steigen die jährlichen Produktivitätsverluste bis zum Jahr 2030 auf bis zu 120 Milliarden Euro. Bereits heute belaufen sich die wirtschaftlichen Einbußen auf rund 87 Milliarden Euro. Das entspricht knapp zwei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.
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Der größte Teil dieser Verluste entsteht nicht durch kurzfristige Krankmeldungen, sondern durch eine dauerhaft reduzierte Erwerbsbeteiligung. Während 78 Prozent der Menschen ohne psychische Erkrankung erwerbstätig sind, liegt die Quote bei Betroffenen nur bei 61 Prozent. Rund 80 Prozent der volkswirtschaftlichen Kosten gehen genau auf diese Lücke zurück.
„Mentale Gesundheit entscheidet darüber, ob Menschen langfristig am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilhaben können – oder den Anschluss verlieren. Inzwischen leben nahezu 13 Millionen Menschen, etwa 16 Prozent der Bevölkerung, mit einer psychischen Erkrankung“, erklärt Heike Hommel, Chief Underwriting Officer Individual Life.
Auch die klassischen Fehlzeiten schlagen spürbar zu Buche. Beschäftigte in Deutschland fehlen im Schnitt 2,5 Tage pro Jahr zusätzlich aufgrund psychischer Erkrankungen. Insgesamt summiert sich das auf rund 98 Millionen Fehltage jährlich und verursacht Produktionsausfälle von mehr als 22 Milliarden Euro. Doch diese Zahlen greifen zu kurz. Nicht erfasst ist der sogenannte Präsentismus und damit die reduzierte Leistungsfähigkeit trotz Anwesenheit. Damit dürfte die tatsächliche wirtschaftliche Belastung deutlich höher liegen.
Neben den volkswirtschaftlichen Effekten sind die individuellen Auswirkungen erheblich. Betroffene verlieren im Schnitt rund 67 gesunde Lebenstage pro Jahr. Es ist der höchste Wert unter den im Bericht untersuchten Ländern. Gleichzeitig steigt das Risiko, dauerhaft aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Auffällig ist zudem die ungleiche Verteilung zwischen den Geschlechtern. Frauen sind häufiger betroffen und stellen mehr als die Hälfte der Fälle. Männer hingegen tragen ein höheres Risiko für schwerwiegende Folgen: Sie machen den Großteil der Todesfälle infolge von Suizid aus.
Zwar verfügt Deutschland über ein grundsätzlich leistungsfähiges System der psychischen Gesundheitsversorgung, doch die Belastung wächst. Vor allem im ambulanten Bereich kommt es zunehmend zu Verzögerungen beim Zugang zu Behandlungen. Diese Verzögerungen haben direkte Folgen für den Arbeitsmarkt. „Je länger Menschen ohne passende Unterstützung bleiben, desto größer wird das Risiko eines dauerhaften Rückzugs aus dem Arbeitsleben“, warnt Hommel. Frühzeitige Intervention wird damit zum entscheidenden Faktor.
Frühe Unterstützung, bessere Verzahnung von Gesundheitsversorgung und Arbeitswelt sowie strukturierte Wiedereinstiegsmodelle können die wirtschaftlichen Folgen deutlich reduzieren. „Unser Ziel ist es, zu helfen, den Übergang in einen neuen Alltag zu erleichtern und Teilhabe möglichst lange zu sichern“, so Hommel. Unterstützungsangebote wie Case Management oder begleitende Gesundheitsleistungen gewinnen damit zunehmend an Bedeutung.
