Zusammenfassung: Die bewegenden Katastrophen seit 2020 -Corona, Flut und Ukrainekrieg- treffen Erstversicherer und Rückversicherer mitten in der Transformation und fordern nicht zuletzt durch die Digitalisierung ein ergänzendes Element, um eine Kalkulation für unwahrscheinlich angenommene und vermeintlich unbekannte Gefahren und Risiken beim Risikomanagement einordnen zu können. Auch die Frage, in welche geographischen Gebiete ein Versicherer seine Kunden begleitet, dürfte demnächst beim Underwriting ein stärker analytisches Gewicht erhalten. Letzteres erinnert, allerdings aus anderen Gründen, an die seit drei Dekaden anhaltende Weigerung oder Limitierung, US-Betriebsstätten im Rahmen der Haftpflicht zu decken. Die Jurisdiktion warf enorme Bedenken auf. Die Vielfalt von Erfahrungen, gewonnener Erkenntnisse und großartigen technischen Möglichkeiten muss zum Nachdenken über Kriterien zur gezielten Vergabe von Kapazität genutzt werden. Im Risikomanagement darf innovativer gedacht werden, um stets präventiv Verwerfungen jeglicher Art und bemerkenswerte Entwicklungen aktuell erfassen, Lösungen präsentieren und Vorsorge treffen zu können.

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Risikomanagement neu gedacht, politische Risiken sind ein Schwergewicht.

Der kriegerische Konflikt zwischen der Russland und der Ukraine stellt vorerst den unbegreiflichen Höhepunkt einer Reihe von Katastrophen dar. Als am 24. Februar 2022 die gesamte Branche von diesem angeblich unvorstellbarem Risiko überrollt wurde, hatte sich kaum einer der Risikomanager diese sich realisierende Gefahr vorstellen können, obwohl sie sich abgezeichnet hatte.

Alwin Gerlach, früher Prokurist eines großen Rückversicherers. Oder haben Versicherer die enge Verzahnung von Chancen und Risiken als Business-Opportunity gesehen, die sich aus der gegenseitigen Abhängigkeit durch den Austausch von Gütern und Rohstoffen mit Russland ergab? Waren die seit 2007 vernehmbaren Signale und Ereignisse in Georgien, Libyen etc. nicht „Awareness“ genug? Oder wurden die politischen Verwerfungen als sich neutralisierende Risiken ohne Auswirkungen betrachtet? Die Erwähnung des dramatischen Konfliktes als Auslöser für direkte und/oder indirekte materielle Belastungen zu erkennen, ist doch als notwendiges Signal zu verstehen, weitsichtiger und umsichtiger sämtliche die Versicherungswirtschaft berührenden Faktoren durch das Risikomanagement noch breiter und intensiver analysieren zu lassen - und nicht an heroischen Methoden festzuhalten.

Die versicherten Schäden durch den Ukraine-Krieg sollen sich laut Swiss Re in der Größenordnung eines mittleren Naturkatastrophen-Ereignisses von rund 15 Milliarden US-Dollar bewegen. Diese Größenordnung liegt am unteren Ende einer von S&P prognostizierten Schadenspanne von bis zu 35 Milliarden US-Dollar und darf als Warnung vor geopolitischen Gefahren genommen werden. Eine Feststellung, die unterschiedlichste Gedanken aufkommen lässt:

Verbleibt man bei dieser Betrachtung ausschließlich in der Versicherungstechnik, müssten Rückversicherer aus ihrer internationalen Tätigkeit und wachsenden Verantwortung heraus schon bei der Vermutung von Gefahren und vermeintlichen Risiken diese an prominenter Stelle anbringen, mindestens intern im Unternehmen. Eben nichts anderes als eine simple Präventivmaßnahme als anzunehmende Mitverantwortung in einem systemrelevanten Wirtschaftszweig. Konzentriert zusammengeführte Gefahrvermutungen mindestens in eine Prüfung wahrscheinlicher Betroffenheit des eigenen Portfolios und des Unternehmens insgesamt zu überführen, darf Skeptiker und Diskussionen darüber umgehen. Die Einführung sensibler Triggerpoints könnte als Teil denkbarer Prävention dienen. Die Beachtung dieser und der Mut, Entscheidungen zu treffen und dafür eine effektiv arbeitende Expertengruppe in Kooperation mit weiteren Marktteilnehmern einzurichten, erscheint mehr als sinnvoll.

Terrorgefahr latent, Extremus muß sich trotzdem gedulden.

Die Terrorgefahr in Deutschland, grundsätzlich fast weltweit, ist keinesfalls gebannt. Einzelne Milizen sind auf dem Rückzug, andere „ Staaten“ erstarken. Sorge bereitet der Umstand, daß Deutschland die Terrorismusbekämpfung über einen langen Zeitraum weitgehend den USA überlassen hat. Unser oberstes Ziel muss die Verhinderung eines terroristischen Anschlages sein, doch heute, auch nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, sind Unzulänglichkeiten bei Sicherheitsbehörden erkennbar.

Unterdessen präsentieren Rechtsextremisten, Reichsbürger und Coronaleugner eine neue Qualität der Bedrohung. Laut Medienberichten besitzen sie Kriegswaffen, planen Anschläge, streben einen Systemumsturz an und entwickeln Entführungspläne gegen Politiker. Sie zeigen eine schwerwiegende terroristische Bedrohung, grenzenlosen Hass auf die Demokratie, auf unseren Staat und auf Menschen, die für unser Gemeinwesen einstehen. Das zeigt, wie wichtig es ist, mit aller Konsequenz gegen extremistische und terroristische Bewegungen vorzugehen und Vorsorge für Terroranschläge zu treffen. Liegen doch die ursprünglichen Gründe für die Etablierung des Spezialversicherers Extremus unter Beteiligung von Versicherern -und zugleich Übernahme einer Staatshaftung- in den Terroranschlägen am 11. September 2001 (9/11) in New York und Washington. Sie gehören zu den unvergesslichen Man-Made-Ereignissen und bewirkten in Politik, Wirtschaft und Versicherungen ein Umdenken. Präventivmaßnahmen wurden gefordert, Terrordeckungen waren gefragt und wurden durch Extremus weitgehend getragen.

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Umso mehr erstaunt zum gegenwärtigen Zeitpunk die zögerliche Entscheidung zur Staatshaftung durch die Regierung. Mangelt es an Gespür für die Gefahr und der Einsicht einer maximal darstellbaren Absicherung? Kapazitäten für Terror und Krieg sind nach gängigen Kalkulationstechniken auch aufgrund weltweit vorhandener Datenbasis nicht ermittelbar. Das dürfte allerdings kein Zögern erklären, die der Bund hinsichtlich der Zusage bei der Staatshaftung übt. Eine maximale materielle Absicherung von Wirtschaft und Bürgern muss in den gegenwärtig ungewissen Zeiten, die Ukraine hat unlängst Russland als Terrorstaat bezeichnet, zügig und verlässlich erfolgen. Demnach können geopolitische Verwerfungen als Nahrung für Terror benannt werden, ebenso wie Differenzen aus dem interkulturellen Bereich. Eine weitgehende Vorsorge ist gefragt, Entscheidungen werden gefordert.

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