Mit dem Übergang in das Jahr 2022 befindet sich die Finanzszene im dritten Jahr der laufenden Corona-Pandemie. Ein Ereignis, das erhebliche Verwerfungen unserer Gesellschaft aufdeckte und eine wirksame Eindämmung verhinderte. Die Gründe sind vielfältiger Natur. Die Exekutive zeigte sich im Jahr 2020 oft unverstanden und wirkte planlos, die Wirtschaft vertrat ureigene Interessen und die Bürger verhielten sich zu einem wesentlichen Teil unsolidarisch in der Bekämpfung der Pandemie. Anstatt Erkenntnissen aus vergangenen Epidemien und Pandemien (Pocken 400 Millionen Tote, Masern 100 Millionen Tote) und Empfehlungen von Wissenschaft und Forschung zu folgen, bevorzugte es ein Drittel der Bevölkerung, eine wirksame Impfung im Jahr 2021 mit der Begründung abzulehnen, frei und eigenverantwortlich entscheiden zu können. Insgesamt eine Fülle von Egoismen und die Verdrängung der Chance, würdevoll eine eigenverantwortliche Bedeutungslosigkeit zu akzeptieren. Als Folge können wir heute eine gespaltene Gesellschaft mit unterschiedlichen, teilweise unangenehmen Verhaltensweisen feststellen. Die verursachte Verschleppung bot dem ursprünglichen Virus Zeit und Raum, Mutanten wie Delta und aktuell Omikron zu bilden. Das Leid aus der Delta-Variante zeigte sich mit über 5 Millionen Infizierten und mehr als 100.000 Toten.

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Unvermittelte Belastungsprobe für Versicherer und Finanzszene

Personen- und Sachschäden waren unter diesen Umständen unvermeidbar, die Finanzszene wurde unvermittelt vor eine Belastungsprobe gestellt. Erstversicherern wurden in 2020 unverzüglich Ansprüche auf Ersatz eingetretener Schäden gemeldet, die up-front nach Deckungsprüfung beglichen und -kumuliert von Rückversicherern im Rahmen geschlossener Rückversicherungsverträge- einvernehmlich übernommen wurden. Die Schäden und Rückstellungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wurden unter Betriebsunterbrechungsversicherungen, für Ausfalldeckungen von Großveranstaltungen sowie Kranken- und Lebensversicherungen gemeldet: Letztere waren durch eine höhere Mortalitätsrate in den USA und Großbritannien gezeichnet.

Portfolien der Rückversicherer bilden sich durch unterschiedliche Strategien und der jeweiligen Underwritingpolitik, die bei Großereignissen unterschiedliche Belastungen für die einzelnen Risikoträger bringen. Danach zeigten per 2020 die Bilanzen der Swiss Re ein negatives Ergebnis von 691 Millionen US-Dollar, die der Munich Re ein positives in Höhe von 1.211 Millionen Euro und die der Hannover Rück einen Nettokonzernüberschuss von 833 Millionen Euro. Das Geschäftsmodell Rückversicherung hat damit seine Wirksamkeit zur Leistungserfüllung, Leistungsstärke und Kapitalkraft unter Beweis gestellt. Um diese Kategorien erhalten zu können, muß neben ausgewogenen Strategien das eingesetzte Investment von Shareholdern durch Dividenden bedient werden. Folgerichtig wurden Ausschüttungen der Swiss Re von CHF 5,10, der Munich Re von € 9,80 und Hannover Rück von € 4,50 vorgenommen, die nachvollziehbar unter dem Niveau des Vorjahres lagen.

Bemerkenswert erscheint bei Erwähnung der Schadenlasten die ursprünglich getroffene Annahme, daß Pandemien nicht zur Gruppe versicherter Gefahren gehören. Deckungsschutz bzw. Versicherungsschutz sei ausschließlich durch eine eindeutig und verbindliche Vertragsvereinbarung gegeben. Dennoch wurden Ansprüche unter Versicherungspolicen befriedigt, deren Trigger keine Leistungspflicht vorsah. Gerichtsentscheidungen hebelten den ursprünglich von den Vertragsparteien verabredeten Versicherungsschutz aus, Kulanz-Entschädigungen und schnelle Regulierung ergänzten das gesamte Regulierungsgeschehen. Erst- und Rückversicherer hatten demnach Leistungen erbracht, ohne für die realisierten Risiken eine angemessene Prämie erhalten zu haben. In ähnlicher Weise ist die Befriedung gestellter Schadenmeldungen aus den Überschwemmungen 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen vollzogen worden. Diese Erfahrung lehrt, Vertragstexte klar und interpretationsfrei zu gestalten - und wie verletzlich unsere Gesellschaft ist, wenn die Natur erbarmungslos zurückschlägt.

Potentielle Pool-Lösungen für extreme Schaden-Szenarien

Bis anhin waren die Elementarschäden hinlänglich kalkulierbar. Gemessen am eingegangenen Exposure stellen Rückversicherer regelmäßig zum Ausgleich von Großschadenbelastungen ein angemessenes Potential an Reserven vorsorglich zurück. Doch die Pandemie 2020/21 und die erheblichen Elementarschäden 2021 heben sich -von sonst eher stetig, aber geduldig erwartbaren- Sturmereignissen, Waldbränden, Vulkanausbrüchen, Erdbeben und sämtlichen Folgen der Klimaveränderung in eklatanter Weise ab. Danach sind recht zügig Diskussionen über eine Versicherungspflicht für Elementarschäden aufgekommen. Eine Entscheidung steht noch aus, denn die geforderte Kapazität zu realisieren, dürfte ausschließlich über einen Pool mit staatlicher Beteiligung gelingen.

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Eine gemeinschaftliche Risikoverteilung über einen Pool ist zuletzt mit der Gründung von Extremus 2002 unter Beteiligung des Staates zur Tragung von Terrorrisiken gelungen. Ähnliche Gründungen sind bekanntlich der Pharmapool, die Deutsche Kernreaktor-Versicherungsgemeinschaft (DKVG) zur Absicherung von Nuklearrisiken sowie -bis zu seiner Einstellung- auch der DLP (Deutscher Luftpool) für Risiken der Raum- und Luftfahrt. Extremus, Pharmapool und DKVG stellen aus unterschiedlichen Gründen unverzichtbare Elemente der Versicherbarkeit von Risiken durch Terrorismus, Arzeimittel und Atomkraft dar. Rückversicherer sind in diesen Bereichen involviert und mehr denn je an traditionellen und neuen unbekannten Risiken beteiligt.

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