Damit Versicherer ihre Verpflichtungen gegenüber den Kunden dauerhaft erfüllen können, schreibt das Solvency-Aufsichtsregime vor, auch für wirtschaftlich schwere Zeiten genügend Eigenmittel als Polster vorzuhalten. Haben Leben-Policen doch in der Regel eine Laufzeit von mehreren Jahrzehnten. Wichtigste Kennzahl dieser Anforderung ist die Solvenzquote (SCR-Quote). Für diese Quote werden die Eigenmittel eines Versicherers ins Verhältnis gesetzt zu den Verpflichtungen gegenüber den Leistungsempfängern.

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Eine gesetzliche Norm für die Krisenfestigkeit

SCR-Quoten sind aufsichtsrechtlich relevante Kennzahlen: Sie entscheiden darüber, in welchem Maße die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in den Geschäftsbetrieb der Versicherungen eingreifen darf. Für SCR-Quoten wird allerdings nicht das Verhältnis der Eigenmittel zu Verpflichtungen im „Normalbetrieb“ ermittelt. Stattdessen wird ein Extremereignis mathematisch simuliert, das einmal alle 200 Jahre auftritt. Die Wahrscheinlichkeit für dieses Ereignis beträgt also 0,5 Prozent. Die Berechnung der Solvenzquoten ist komplex und orientiert sich an dem Risikoprofil eines Unternehmens. Verwendet wird entweder ein Standardmodell oder ein internes Modell.

Wer im Ergebnis eine Solvenzquote von mindestens 100 Prozent vorweisen kann, der hat genügend Eigenkapital, um eine 200-Jahres-Krise zu überstehen (Versicherungsbote berichtete). Gerät ein Versicherer unter 100 Prozent, erfüllt er die aufsichtsrechtlichen Anforderungen nicht. Deutsche Versicherer sind seit 2016 in der Beweispflicht: mit Deadline bis zum 22. Mai 2017 mussten Unternehmen vor vier Jahren erstmals die Berichte zur Solvabilität und Finanzlage (SFCR) bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht vorlegen – und von da ab jährlich.

Zehn Unternehmen weichen von Standardformel ab

Berechnungen der Solvenzquote müssen so erfolgen, dass idealerweise alle quantifizierbaren Risiken, denen ein Versicherungsunternehmen ausgesetzt ist, berücksichtigt werden. Deswegen dürfen interne Modelle erst dann verwendet werden, wenn die BaFin sie geprüft und genehmigt hat. Interne Modelle sind derzeit aber in der Minderheit: Insgesamt 61 Lebensversicherer haben bei der Berechnung ihrer Solvenzquoten 2020 die Standardformel verwendet.

Sechs Unternehmen verwendeten hingegen in 2020 ein vollständiges internes Modell – die Allianz, die Axa, die Cosmos, die Deutsche Ärzte sowie die Dialog. Vier Unternehmen nutzten ein partielles internes Modell – HDI, die Neue Leben, die PB sowie die Targo. Das geht aus dem neuen MAP-Report aus dem Hause Franke und Bornberg mit der Nummer 919 hervor.

Maßnahmen erleichtern „Ankunft“ in Solvency II

Jedoch: Beim Übergang waltet Milde! Denn mehrere Paragrafen des Versicherungsaufsichtsgesetzes (VAG) erleichtern den Versicherern noch bis Ende 2031, auf eine Solvenzquote in Höhe von 100 Prozent zu kommen (und damit die aufsichtsrechtliche Hürde zu überwinden):

  • So ermöglicht Paragraf 82 Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) die Volatilitätsanpassung: Anleihen dürfen höher bewertet werden, wenn sie nur vorübergehend an Wert verlieren – etwa, weil sie zu einem festen Wert später wieder verkauft werden.
  • Paragraf 351 VAG ermöglicht eine Maßnahme für risikofreie Zinssätze: Versicherungsunternehmen dürfen eine vorübergehende Anpassung der maßgeblichen risikofreien Zinskurve vornehmen (der Anteil, für den dies möglich ist, sinkt schrittweise: In 2016 startete er mit 100 Prozent und liegt in 2032 bei null Prozent).
  • Und Paragraf 352 VAG ermöglicht die Übergangsmaßnahme für versicherungstechnische Rückstellungen auf der Passivseite des Unternehmens: Die BaFin kann Versicherern die Genehmigung erteilen, ihre Rückstellungen nicht sofort auf Grundlage von Solvency II zu bewerten, sondern erst nach und nach mit mehrjähriger Verzögerung.

Nur acht Unternehmen verzichten auf Übergangshilfen

Betrachtet man Volatilitätsanpassung und Übergangsmaßnahmen als überbrückende Hilfsmaßnahmen, könnte man eigentlich erwarten, dass sie immer weniger genutzt werden. Andererseits liegt es natürlich im Interesse der Versicherer, möglichst gute Quoten vorzuweisen – zumal 2032 noch in Ferne liegt. Fakt jedenfalls ist: Statt weniger werden die Übergangsmaßnahmen immer mehr genutzt. Auch das zeigt die neue Ausgabe des MAP-Report mit der Nummer 919: Nur noch acht von 81 Unternehmen kommen in 2020 ganz ohne Übergangsmaßnahmen aus, so dass Nettoquoten (ohne Übergangshilfen) den Bruttoquoten entsprechen:

  • Alte Leipziger (SCR-Quote von 300,0 Prozent)
  • Delta Direkt (SCR-Quote von 490,1 Prozent)
  • Deutsche (SCR-Quote von 547,5 Prozent)
  • Dortmunder (SCR-Quote von 299,6 Prozent)
  • Ergo Vorsorge (SCR-Quote von 576,6 Prozent)
  • Europa (SCR-Quote von 807,6 Prozent)
  • Hannoversche (SCR-Quote von 478,4 Prozent)
  • InterRisk (SCR-Quote von 283,5 Prozent)

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