Verpasst man gerade eine wichtige geschäftliche Mail, Pushmeldungen mit brandheißen Nachrichten oder eine WhatsApp-Meldung? Was macht diese ständige Erwartung von Botschaften mit unserem Hirn? Gibt es einen Weg, die positiven Eigenschaften des Smartphones zu nutzen, ohne der „Sucht“ zu verfallen?



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Die neue Erwartungshaltung



Selbstverständlich würden die meisten Erwachsenen weit von sich weisen, handysüchtig zu sein. Sie würden mit beruflichen Sachzwängen argumentieren, warum gerade sie das Gerät immer dabei haben müssen. Und es ist in der Tat so, dass sich die Erwartungen verändert haben: Da es technisch möglich ist, dass jeder überall Anrufe und Mails empfangen kann, wird auch erwartet, dass man dies tut. Diese Erwartungshaltung ist privat möglicherweise sogar noch stärker: Fragen über WhatsApp und andere Dienste sollen so schnell wie möglich beantwortet werden, sonst sind die Frager irritiert oder beleidigt. Es sei denn, man hat sich bereits zuvor durch gezieltes Spät-Reagieren einen Ruf als Sonderling erarbeitet. 



Wo Smartphone-Nutzung wirklich gefährlich ist



Dass die Smartphone-Nutzung von Erwachsenen keineswegs so viel rationaler ist als die von Jugendlichen, kann man im Sommer regelmäßig an den Ermahnungen von Badeaufsichten sehen. Eltern mögen doch ein Auge auf ihre Kinder haben und nicht bloß aufs Handy starren, heißt es immer wieder, es fällt gelegentlich der Begriff „Smombie-Eltern“. Aus dem „Nur mal nachsehen, ob ...“ werden schnell mehrere Sekunden oder gar Minuten, die durchaus entscheidend sein können. Und jeder weiß, dass man das Handy am Steuer nur mit Freisprechanlage nutzen soll, aus gutem Grund. Ist die Neugier auf die eingelaufene Nachricht größer als die Geduld bis zum nächsten sicheren Parkplatz, und meint man gar, diese auch noch beantworten zu müssen, kann das gravierende Folgen haben. 



Studie beweist: Bloße Anwesenheit des Smartphones lenkt ab



Viele Erwachsene sind überzeugt, dass sie ihre Smartphone-Nutzung im Griff haben. Dass allerdings bereits die Anwesenheit des Geräts zu einem Aufmerksamkeitsdefizit führt, zeigte ein viel beachteter Versuch der Universität Texas. Studenten wurden in drei Gruppen eingeteilt: Die einen durften ihr Handy beim Test auf dem Tisch liegen haben, aber nicht benutzen. Die anderen hatten es in der Tasche, aber im gleichen Raum. Eine dritte Gruppe musste das Handy vor Betreten des Raumes abgeben. Diese schnitt letztlich am besten ab. In einem anderen Experiment ging es auch darum, wie sehr die Person selbst ihre Smartphone-Abhängigkeit einschätzte. Am größten war das Aufmerksamkeitsdefizit bei Leuten, die sich selbst schon als handysüchtig bezeichneten und deren Gerät eingeschaltet auf dem Tisch vor ihnen lag. Insgesamt nahmen rund 800 Studenten an den Versuchen teil.



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Das Smartphone – das Allround-Hilfsmittel



Machen wir uns also nichts vor: Die Möglichkeit, ständig erreichbar zu sein, beeinflusst unser Verhalten. Wie sehr einzelne davon betroffen sind oder dies sogar als Belastung empfinden, ist individuell unterschiedlich und hängt auch von der beruflichen und privaten Situation ab. Dazu kommt, dass das Handy nicht nur ein Gerät zur Kommunikation ist, sondern über Apps auch viele andere Funktionen bietet – von der Navigation bis zum Bank-Tan bis zur kompletten Steuerung der Haushaltselektronik. Die heutigen Geräte haben mehr Rechenkapazität als die gesamte IT-Anlage von Cape Canaveral bei der ersten Mondlandung. Wir nutzen die Möglichkeiten, weil es sie gibt. Dass viele Menschen gar keine Armbanduhr mehr tragen, weil sie das Handy ja sowieso immer dabei haben, ist nur ein Indiz dafür, wie sehr wir mit dem Gerät verwachsen sind. Die Corona-Warn-Apps, die es inzwischen gibt, machen sich dies zunutze.