Durch das Verhalten der Versicherer droht eine Rufschädigung der Branche, die sich auch auf andere Produktzweige auswirken könnte. Doch mehr noch als auf die Versicherer zielt der Beitrag auf den bayerischen Kompromiss einer stark reduzierten Versicherungssumme. Der Tenor der Sendung: Versicherungswirtschaft und Politik wollen Betroffene reinlegen!

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Heute Show offenbart drohenden Imageschaden

Immer wieder klagen Versicherer: Bürger haben Vorurteile und Wissenslücken und schließen deswegen keine Versicherungen ab. Denn hartnäckig hält sich das Bild von geldgierigen Unternehmen in der Öffentlichkeit, die im Schadenfall eh nicht zahlen (der Versicherungsbote berichtete). Wenn sich dieses Vorurteil aber nach der Corona-Pandemie verfestigt haben sollte, ist das Verhalten der Versicherer daran nicht unschuldig.

Denn in Zeiten des Lockdown fühlen sich viele kleine und mittlere Unternehmen in Stich gelassen aufgrund verweigerter Zahlungen durch ihre Betriebsschließungsversicherung (BSV). Das zeigte sich nun auch daran, dass sogar Deutschlands bekannteste Satire-Show – die ZDF-Heute Show – am 22. Mai dem Thema Betriebsschließungsversicherung einen eigenen Beitrag widmete. Und das Bild der Satiriker von der deutschen Versicherungswirtschaft ist wenig schmeichelhaft: Versicherungen wollen Geld machen, aber nicht zahlen. Das von der Branche gefürchtete Klischeebild wird durch die Comedians vollends bedient (im Video ab ca. der 8. Minute).

Nun liegt es freilich in der Natur der Satire, zu überzeichnen und auch ins Groteske zu verzerren. Jedoch: Die Art, wie die Versicherungswirtschaft durch den Kakao gezogen wird, offenbart auch einen aufklärerischen Willen der Heute Show. Denn reale Argumente der Versicherer werden verspottet. Zudem wird aus Vertragsbedingungen zitiert. Satire engagiert sich im Sinne der Betroffenen. Die TV-Sendung offenbart: Die Branche riskiert in Zeiten von Corona einen großen Imageschaden.

Gastro-Betriebe: „Ärger" mit der Versicherung

Gibt es einen besseren Zeitpunkt, Betriebsschließungsversicherungen zu thematisieren? Einen Tag nach Himmelfahrt sendet die Heute Show ihren Beitrag. Den Tag davor nutzten viele Menschen, um wiedereröffnete Lokale, Cafés und Biergärten aufzusuchen. "Gott sei dank", so führt Comedian Oliver Welke in Funktion als „Moderator“ von Deutschlands bekanntester Satire-Show in Einleitung des Beitrags folglich auch aus – haben die Biergärten in Bayern und anderswo wieder geöffnet.

Aber ach: Die Zeiten stehen dennoch schlecht für die Gastronomen. Jeder zweite Tisch ist leer durch die Abstandsregeln. Welke fragt rhetorisch: „Wie soll man da schwarze Zahlen schreiben?“ Auch hätten „einige von denen“ und ebenso „Gastrobetriebe in ganz Deutschland“ nun „Ärger mit ihrer Versicherung“. Welke erklärt hierzu: „Trotz Betriebsschließung-Police“ weigerten sich die Versicherer, "den Umsatzausfall der letzten Monate zu erstatten".

„GDV-Lobbyist“ Ehring im Biergarten

Um Gründe der Weigerung zu erfahren, lässt Welke nun „live nach München“ in einen Biergarten schalten. Die Rolle des Interviewpartners übernimmt Kabarettist Christian Ehring – er spielt einen Sprecher des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Lobbyist Ehring lässt sich während des Interviews ein Maß Bier servieren und bestellt ein halbes Hähnchen: Probleme der Gastronomen werden also im Biergarten verhandelt. Und der Spott auf den bayerischen Kompromiss wird durch diese gezeigte Bierseligkeit vorbereitet.

Zunächst findet Welke es „mutig“, dass der Comedian- Lobbyist überhaupt einen Biergarten aufsucht: Der Hinweis auf den Mut unterstellt indirekt, ein Sprecher der Versicherungswirtschaft könne sich aufgrund der verweigerten Zahlungen nicht mehr in einen Biergarten trauen. Ehring jedoch erwidert in Rolle des GDV-Sprechers scherzhaft: Könne er nirgendwo mehr hin, „wo eine Versicherung nicht zahlt“, könne er ja „nur noch zuhause saufen.“

Auch beschwichtigt der fiktive Lobbyist mit einer Handgeste und deutet gestisch eine enge Verbundenheit zwischen den Wirten und der Versicherungswirtschaft an. Freilich: Ehrings Geste wird durch ein nach Ammoniak schmeckendes und verdächtig warmes Bier bloßgestellt – anscheinend, so der Hinweis, befindet sich Urin des Wirts im servierten Getränk.

BSV-Bedingungen zum Mitlesen zeigen Aufklärungswunsch der Redaktion

Was nun folgt, ist ein klischeehaftes „Durch-den-Kakao- Ziehen“ von vermeintlichen und wirklichen Argumenten der Versicherungswirtschaft. Dass es den Machern der Heute-Show dabei keineswegs nur um Klamauk geht, wird anschaulich daran, dass „Moderator“ Welke eine wirkliche Klausel aus vielen Verträgen der Betriebsschließungsversicherung vorträgt. Die Zuschauer der Heute Show sollen also auch über Hintergründe aufgeklärt werden. Und trotz des Spottes ergreift zudem das Team der Heute Show Partei für die Betroffenen.

Dass Versicherer überhaupt die Leistungen verweigern, versteht Welke nicht. Denn in den meisten Verträgen stehe doch eindeutig der Satz: „Der Versicherer leistet Entschädigung, wenn die zuständige Behörde aufgrund des Infektionsschutzgesetzes den versicherten Betrieb schließt.“ Und genau das sei „doch passiert“. Verstärkend setzt Welke auch noch einen „Punkt!“ hinter seine Bemerkung und verdeutlicht so seine Stellungnahme für die betroffenen Gastronomen. Die Klausel aus vielen BSV-Bedingungen wird zugleich zum Mitlesen für die Zuschauer eingeblendet.

Hierauf freilich antwortet nun Comedian Ehring als GDV-Lobbyist mit einem Vorwurf und einer formelhaften Solidaritätsgeste: Es sei wieder „so deutsch“, dass man sich „in einer Extremsituation, wo alle zusammenhalten müssen“, an „einzelne Formulierungen klammert“. Auf zynische Weise wird also durch den fiktiven GDV-Sprecher der Zusammenhalt beschworen zur Rechtfertigung eines als unsolidarisch charakterisierten Verhaltens.

Eheversprechen und Versicherungsverträge – da glaubt doch keiner daran

Auch wird nun durch den vermeintlichen GDV-Sprecher der Wortlaut des Vertrags zu einer unverbindlichen „Absichtserklärung“ umgedeutet. Und mit dieser Erklärung verhalte es sich ebenso wie mit dem Eheversprechen – zwar solle man eine Frau „lieben und ehren", bis dass der Tod die Ehepartner scheidet. Aber auch bei einem solchen Versprechen ginge doch keiner „ernsthaft davon aus, dass sowas eintritt“ (und demnach die erklärte Absicht eingelöst wird). Auch mit Versicherungsfällen bei einer Katastrophe verhält es sich nach Comedian-Lobbyist Ehring so: Die Erwartung einer Leistung ist unrealistisch.

"Covid-19": Der Streit um das Wort

Mit dieser Argumentation wird die Vertragstreue zurückgewiesen, um im gespielten Interview gleich darauf eingefordert zu werden. Die implizierte Aussage der Redaktion: Die Versicherungswirtschaft legt sich Verträge aus, wie sie es gerade braucht, um Leistungen zu verweigern. Denn Welke konfrontiert nun „Interviewpartner“ Ehring damit, dass die Allianz sich „damit heraus rede", dass „das Wort Covid-19 nicht explizit im Vertrag drin steht“.

Wieder Bezugnahme auf einen realen Hintergrund durch die Satiriker: Viele Assekuranzen (und nicht nur die Allianz) argumentieren aktuell: Nur jene Seuchen seien über die BSV versichert, die namentlich im Vertrag genannt werden. Weil das Coronavirus Covid-19 aber erst im Januar 2020 durch das Bundesgesundheitsministerium als meldepflichtige Krankheit erfasst wurde, fehlt die Nennung in den meisten Verträgen – die Versicherer sehen sich sprichwörtlich aus dem Schneider. Natürlich kann sich „Lobbyist“ Ehring sofort für das Argument erwärmen: Ja, Covid-19 müsse „aber schon so drinstehen im Vertrag“. Denn dafür "mache man ja Verträge“.

Eine solche Forderung nach Nennung neuer Krankheiten führt real aber zu praktischen Problemen. Diese begründen sich nicht nur durch die verweigerte Einstandspflicht für Betriebsschließungen, unter der viele Versicherungsnehmer aktuell leiden. Zugleich würde dies auch bedeuten: Je älter die Verträge sind, desto geringer sind die versicherten Leistungen – trotz langer Beitragszahlungen. Denn für neue Krankheiten besteht dann schlicht kein Versicherungsschutz.

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Erstes Urteil gibt Gastronomen recht

Ob sich freilich die Versicherungswirtschaft mit ihrer Argumentation durchsetzen kann, ist nach jetzigem Stand nicht sicher. Denn das Landgericht (LG) Mannheim urteilte in einem ersten Rechtsstreit zu dieser Frage: Eine Auflistung der Krankheiten wirkt nur dann eingrenzend, wenn der Versicherer wirklich auch einen eindeutig abschließenden Katalog der Erreger ausgewiesen hat (Urteil vom 29. April 2020, Az. 11 O 66/20). Ist dies jedoch – wie bisher häufig – nicht der Fall, dann sind die aufgeführten Krankheiten in den Vertrags-Bedingungen nur beispielhaft, nicht aber abschließend (der Versicherungsbote berichtete): Die Versicherer müssten zahlen, obwohl "Covid-19" noch nicht in den Verträgen gelistet ist.